Protest

Der Kampf für die Mädchen von Chibok

Terror in Afrika: Pakistanische Aktivistin Malala Yousafzai reist nach Nigeria und setzt sich für die Opfer der Islamistengruppe Boko Haram ein

Am Sonntag feierte Malala Yousafzai in einem Hotel in Nigerias Hauptstadt Abuja Geburtstag. Einen Tag zu früh, sie wurde erst am Montag 17 Jahre alt, aber was macht das schon? Manchmal muss man einfach das Leben feiern, gerne einmal zu oft, wenn es einem fast entglitten wäre. Zumal in Gesellschaft von Frauen, die ebenfalls ein grausames Schicksal erlitten haben. Yousafzai wurde von einem Attentäter der Taliban im Jahr 2012 in den Kopf geschossen, als sie in Pakistan einen Schulbus bestiegen hatte. Sie war zum Ziel geworden, weil sie das von der Taliban ausgesprochene Schulverbot für Mädchen ignoriert hatte und darüber in einem Blog für die BBC berichtet hatte. Ihr Tod sollte zum Symbol werden, eine landesweite Drohung an Mädchen mit ähnlichem Mut. Doch Yousafzai wurde in einem britischen Krankenhaus gerettet. Es ist nun ihr Leben, das zum Symbol geworden ist. Für Mädchen mit ähnlichem Mut. Weltweit.

Große Aufmerksamkeit

Auch die Frauen, mit denen sie Geburtstag feierte, hatten sich für die Schulbildung von Mädchen eingesetzt. Ihrer eigenen in Nigeria, die sie trotz der Drohungen der Terrororganisation Boko Haram auf die Internatsschule von Chibok geschickt hatten. Ihre Töchter gehören zu den 276 Mädchen, die von Boko Haram entführt worden sind. Ihr Alltag ist bestimmt von beständiger Angst um das Leben ihrer Kinder. Und um das eigene. Boko Haram mordet und entführt weiter im Nordosten Nigerias, oft in der Nähe von Chibok.

Der Bedrohung ist in beiden Fällen nicht mit Tweets beizukommen. Genau drei Monate ist die Entführung am 14. April inzwischen her. Selten hatte ein Verbrechen in Afrika für international derart große Aufmerksamkeit gesorgt. Weltweit riefen Politiker, Prominente und Millionen, die erstmals von Boko Haram hörten, zur Rettung der Mädchen auf – bevorzugt auf den sozialen Netzwerken. Der Hashtag #bringbackourgirls wurde über eine Million Mal auf dem Kurznachrichtendienst Twitter verwendet. Nicht allzu überraschend haben die Terroristen ihre Opfer trotzdem nicht freigelassen. Boko-Haram-Anführer Abubakar Shekau spottete vor einigen Tagen über die Kampagne und die erfolglose Suche der Armee. „Bring Back our Girls – ooooh! Bring back our army“ (Bringt unsere Mädchen zurück, bringt unsere Armee zurück), sagte er in einem Video, das von der Nachrichtenagentur AFP veröffentlicht wurde.

Unter anderem haben die USA, England und China Militärexperten zu Hilfe geschickt. Eine Intervention aber würde nach Ansicht der nigerianischen Armee das Leben der Mädchen gefährden. Einen von Boko Haram geforderten Gefangenenaustausch lehnt die Regierung ab. Und so entwickelt sich die Spannungskurve dieser Rettung nicht steil genug, als dass sie für die Aufmerksamkeitsspanne auf Twitter noch geeignet wäre. So war es schon bei der Kampagne „Kony2012“, die nach gewaltigem Medienecho verschwand, weil der Kriegsfürst Joseph Kony aus Uganda nicht binnen Wochen gefunden wurde. Die meisten Prominenten und Politiker beließen es auch im Falle der Schulmädchen von Chibok bei einigen wenigen Tweets, sie liegen viele Wochen zurück. Ähnlich verhält es sich mit dem Druck von Politikern, die sich besonders im Umfeld des World Economic Forum in Abuja im Mai kritisch geäußert hatten. Diese Anstrengung scheint aber dringend nötig. Eine kleine Gruppe von Verwandten trifft sich noch immer zu täglichen Demonstrationen gegen die Regierung, der sie mangelndes Engagement bei der Suche vorwerfen. Sie berichteten von Einschüchterungen durch die Polizei. Die Anwohner von Chibok würden weder beschützt noch über das Schicksal der Entführten informiert.

Auch deshalb ist Yousafzai von England, wo sie inzwischen lebt, nach Nigeria gereist. „Ich sehe diese Mädchen als meine Schwestern“, sagte die Gewinnerin des Menschenrechtspreises der Europäischen Union der Nachrichtenagentur Reuters, „ich werde für sie sprechen, bis sie befreit sind.“ Shettima Haruna, deren Tochter Margaret zu den Entführten zählt, richtete das Wort an Yousafzai. „Wir Eltern danken dir, dass du während all dieser Zeit zu uns gestanden hast“, sagte sie, „ohne deine Unterstützung wäre das Interesse komplett abgestorben.“ Yousafzai hatte sich schon wenige Tage nach der Entführung der Kampagne angeschlossen und in mehreren Ländern auf ihr Schicksal aufmerksam gemacht. In Nigeria gehen 10,5 Millionen Kinder im schulpflichtigen Alter nicht zur Schule, zwei Drittel davon sind Mädchen. Das macht Nigeria nach Angaben der Hilfsorganisation „Save the Children“ zu einem der Länder, dessen Bildungssektor am meisten von Konfliktsituationen betroffen ist. Weltweit können 50 Millionen Kinder wegen Kriegen nicht zur Schule gehen.

Malala Yousafzai hat den nigerianischen Präsidenten Goodluck Jonathan auch zu einem Treffen mit den Eltern der von Boko Haram entführten Schulmädchen gedrängt. Jonathan habe ihr versprochen, einige der Familienmitglieder der 219 Schülerinnen zu treffen und die Mädchen selbst so bald wie möglich wieder nach Hause zurückzubringen.

Denn längst sind die entführten Schülerinnen auch zum Symbol im Kampf gegen Boko Haram geworden. Und Yousafzai hat nur einen Geburtstagswunsch: „Bringt die Mädchen zurück – sofort und lebendig.“ Es soll nicht nur Shekaus Stimme sein, die wahrgenommen wird.