Interview

„Man braucht nicht viel Geld, um Böses zu tun“

Nigerias Ex-Präsident Olusegun Obasanjo über seine Gespräche mit Boko Haram, Ursachen des Terrors und Hilfe der US-Geheimdienste

Es gibt Themen, über die er lieber reden würde als über Boko Haram. Olusegun Obasanjo sitzt hinter dem Schreibtisch seines Hotelzimmers am Potsdamer Platz. Gegen Ende des Interviews hält er fünf Kugelschreiber gleichzeitig in der Hand, die er unentwegt anklickt. Es ist so, dass der Ex-General, der bis 2007 Staatspräsident in Nigeria war, über die Entstehungsgeschichte der islamistischen Terrorgruppe mehr zu sagen hat als andere. Und er spricht auch darüber. Das sind die Vorzüge eines Elder Statesman. Der 77-Jährige wurde eine Zeit lang als Kandidat für den UN-Generalsekretär gehandelt, hat sich in der internationalen Politik als Korruptionsbekämpfer einen Namen gemacht. Noch heute hat er eine Reihe von internationalen Funktionen, ist Vorsitzender der westafrikanischen Drogenkommission, sitzt im Vorstand des African Progress Panel sowie im Tana Forum, das sich mit Sicherheitsfragen in Afrika beschäftigt. In Berlin hat der Pensionär immer noch ein Programm wie bei einem Staatsbesuch: erst Termine im Auswärtigen Amt, danach bei der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).

Berliner Morgenpost:

Während der Fußball-WM waren viele Proteste gegen Boko Haram und den Terror in Nigeria zu sehen, Prominente weltweit – von Michelle Obama bis Sylvester Stallone – engagieren sich für die Kampagne „Bring Back Our Girls“. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie das sehen?

Olusegun Obasanjo:

Ich habe zu Boko Haram folgende Haltung: Es ist nicht die Aufgabe der Weltgemeinschaft, das Problem Boko Haram zu lösen. Es liegt jetzt an Nigeria. Nigeria wird das Problem lösen. Brauchen wir dabei Unterstützung? Ja – beispielsweise von den Geheimdiensten. Aber Boko Haram ist unser Problem.

Was sollte denn Ihrer Ansicht nach in der gegenwärtig sich zuspitzenden Lage unternommen werden, um dieser Form des Terrors seine Grundlagen zu nehmen?

Die Gründe, die zur Entstehung von Boko Haram geführt haben, sind vielfältig: Armut, keine Bildungsmöglichkeiten, Arbeitslosigkeit, Drogenhandel, Geldwäsche, Waffenhandel – und eine armselige Interpretation von Religion. Einige dieser Ursachen kann man innerhalb von Monaten beheben, für andere braucht man Jahrzehnte. Investitionen in das Bildungssystem zeigen erst nach einer Zeitspanne von zwölf bis zu 15 Jahren Wirkung. Mit anderen Worten: Es ist zunächst einmal wichtig, dass alle Kinder eine Grundschule besuchen können. Wenn Kinder nicht zur Schule gehen können, stellen sie später ein Problem dar. Was Drogen betrifft, wird es Jahre, nicht Jahrzehnte, brauchen, bis die von uns vorgeschlagenen Maßnahmen nachhaltig greifen. Und falsche Auslegungen des Korans muss man ja auch nicht jahrelang zulassen. Wenn schlecht ausgebildete Imame einfach falsche Dinge predigen, können wir denen gut ausgebildete Imame zur Seite stellen, die ihnen sagen: „Hört mal zu, das hier steht im Koran. Was Ihr daraus ableitet, ist falsch.“ Das kann man innerhalb von Monaten anschieben. Waffenhandel kann man nicht an einem Tag lösen, aber man kann es in Monaten anpacken, vielleicht braucht es Jahre. So sehe ich das Problem Boko Haram und wie wir es lösen können. Wenn wir ihre Kämpfer überzeugt haben, einen anderen Weg zu gehen, sollten wir auch Perspektiven anbieten können, wie man sie in die Gesellschaft reintegriert. Das ist eine wichtige Frage, auf die wir ebenfalls schon jetzt eine Antwort finden müssten.

Sie haben die Armut angesprochen. Nigeria hat erstmals nach zwei Jahrzehnten die Wirtschaft des Landes genau analysiert und festgestellt, dass sie vor Südafrika die größte Afrikas ist, dass die Abhängigkeit vom Öl gesunken ist und Dienstleistungen zur stärksten Branche geworden sind. Trotzdem leben laut Weltbank 100 Millionen der 180 Millionen Nigerianer in absoluter Armut. Wie kann das sein?

Die Nummer eins? Das überrascht mich nicht. So sollte es auch sein, denn Nigeria ist das mit Abstand bevölkerungsreichste Land Afrikas. Um solche Statistiken einordnen zu können, muss man aber auch Werte anschauen wie Kinder- und Müttersterblichkeit, Lebenserwartung oder das Einkommen pro Kopf. Wenn ich zum Beispiel in mein Dorf gehe und sage „Nigeria ist die größte Wirtschaft Afrikas, und euch geht es sieben Prozent besser, denn das Bruttoinlandsprodukt ist um sieben Prozent gewachsen!“, dann werden die mich fragen, ob mit mir alles in Ordnung ist.

Und was antworten Sie ihnen dann?

Ich sage: „Letztes Jahr hattet ihr keinen Strom, jetzt habt ihr Strom; letztes Jahr hattet ihr kein fließendes Wasser, jetzt habt ihr fließendes Wasser; letztes Jahr hattet ihr keine befestigte Straße zum Markt, jetzt habt ihr eine Straße.“ Wir müssen einen Weg finden, um die Situation in unserem Teil der Welt zu messen.

Wobei selbst die differenzierten Daten noch nicht das Gefälle zwischen dem eher wohlhabenden und staatlich besser versorgten Süden und dem armen, in all den genannten Bereichen schlecht versorgten Norden Nigerias berücksichtigen. Es gibt Statistiken, wonach Boko Haram dort am stärksten ist, wo es die geringste Schulbildung gibt.

Deswegen wird der Kampf gegen Boko Haram nicht über Nacht gewonnen. Es ist beinahe wie eine Katastrophe mit Ankündigung. Die Ungleichheit zwischen Norden und Süden in Bezug auf Schulbildung ist groß. Das korreliert wiederum mit einer Ungleichheit bei Kinder- und Müttersterblichkeit und so weiter.

Was sagen Sie zu Behauptungen, die Organisation Boko Haram gebe es gar nicht, das seien Kriminelle, Gangs, einzelne Fanatiker, die nur das „Label“ benutzen?

Das ist gefährlich. Es ist gefährlich, wenn Christen behaupten, dass es Boko Haram gar nicht gibt. Und es ist ebenso gefährlich, wenn Nigeria sagt, dass es Boko Haram nicht gibt, wenn das Land die Gründe ignoriert, die dazu geführt haben, dass sich diese Gruppierung gebildet hat.

Woher bekommen Mitglieder von Boko Haram denn Waffen, Ausrüstung und Geld?

Gute Frage. Aber die brauchen gar nicht viel Geld. Man braucht viel Geld, um Gutes zu tun, aber nicht, um Böses zu tun. Es ist aufwendig und teuer, eine Brücke zu bauen, aber mit ein wenig Sprengstoff kann man sie ganz schnell zerstören.