Drogenkonsum

In der Mitte der Gesellschaft

Die synthetische Droge Crystal Meth macht sehr schnell abhängig. Sie ist in Berlin angekommen

Ausgefallene Zähne und aufgekratzte Wunden im Gesicht: Wer die Fotos der Drogenabhängigen aus den USA sieht, blickt in den Abgrund von Crystal Meth. Kaum eine Droge ist so zerstörerisch wie dieses Methamphetamin. Aus Deutschland kennt man diese Bilder kaum. Experten zufolge hat das weniger damit zu tun, dass es hierzulande keine Konsumenten gibt, sondern mit dem hiesigen Gesundheitssystem, das in der Breite eine deutlich bessere Versorgung als in den USA ermöglicht. Wer in der Bundesrepublik Crystal Meth konsumiert, kann die körperlichen Auswirkungen somit leichter verdecken.

Dass man einem Menschen nicht umgehend ansieht, dass er die Droge nimmt, liegt aber auch daran, dass es selbst bei diesem höchst zerstörerischen und sehr schnell abhängig machenden Rauschgift vorkommen kann, dass ein Nutzer ihm nicht gleich verfällt. Sagen Experten. Beim Landeskriminalamt in Berlin sind allerdings auch Fälle bekannt, bei denen ein Konsument binnen zwei Monaten nach dem Erstkonsum kaum noch ansprechbar war.

Im Frühjahr erschien die erste größere Studie zum Crystal-Konsum in Deutschland. Gefördert durch das Bundesgesundheitsministerium, forschten Wissenschaftler der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf. Der Einblick in die Kristall-Welt zeigt unter anderem: Die Droge ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Viele Befragte sagten, unter anderem spiele die Leistung im eigenen Beruf eine Rolle.

Crystal, auch Tina oder C genannt, putscht auf, hält lange wach, zügelt den Appetit, blockiert körperliche Schmerzen, enthemmt, steigert die Lust auf Sex und euphorisiert. Vom Konsumenten lässt sich das Rauschgift wegen seiner starken Wirkung schwerer kontrollieren als fast jedes andere. Crystal kann eine Wirkung entfalten, die fünffach stärker als die von Speed ist.

Das Methamphetamin ist leicht herzustellen. Der Wirkstoff befindet sich in vielen Grippemitteln. Anleitungen zur Umwandlung in Crystal findet man mittlerweile sogar im Internet. Die Kristalle kann man schnupfen, ins Blut spritzen oder auch die Dämpfe einatmen, nachdem sie erhitzt wurden. In ihrer Studie nennen die Wissenschaftler als Gründe für den Erstkonsum Partys, Neugier, den Freundeskreis, den Partner, Sex und auch Arbeit und Schule. Die Hälfte der Befragten gab an, dass berufliche Gründe beim Konsum eine „erhebliche Rolle“ spielen könnten.

In Deutschland entdecken die Sicherheitsbehörden immer mehr Crystal. 2013 wurden dem Bundeskriminalamt zufolge insgesamt rund 77 Kilogramm der Droge beschlagnahmt. 2009 waren es noch 7,2 Kilogramm. 2013 wurden 2746 Drogenkonsumenten erstmals wegen Crystal auffällig, sieben Prozent mehr als 2012. Vor allem in den Bundesländern Bayern, Sachsen und Thüringen ist die Droge verbreitet. Entlang der Grenze gibt es auf tschechischer Seite viele illegale Labore, in denen das Rauschgift hergestellt wird. Auf den Grenzmärkten wird die Droge verkauft. Die Kosten sind im Vergleich etwa zu Kokain gering.

Auch in Berlin ist Crystal Meth angekommen und Experten zufolge besonders im Nachtleben beliebt. Ein Suchtberater in Ostdeutschland berichtete, dass die Droge dort mittlerweile wie Alkohol oder Cannabis in der Gesellschaft verankert ist.

Die gesundheitlichen Schäden jedoch sind immens. Der körperliche Verfall schreitet schnell voran. Von Verfolgungswahn, Schweißausbrüchen und Panikattacken beim Entzug berichtete ein Crystal-Nutzer in der Studie. Das Herz, die Nieren, die Nervenzellen leiden. Und eine Überdosierung kann schnell zum Tod führen. Personen, die Crystal herstellen, verkaufen, kaufen oder besitzen, machen sich strafbar.