Jugend

Wenn ich Bundeskanzlerin wäre …

Kinder: Flüchtlingen helfen, Bäume retten und vieles mehr: Schüler aus Neukölln würden einiges anders machen, wenn sie in der Politik wären

In der Luft liegen Staub und Bohnerwachs, Holzdielen knarzen und in den Fluren langweilen sich Zimmerpalmen: Berliner Bezirksrathäuser sind im Allgemeinen eher langweilige Orte, vor allem für Kinder. Am Donnerstag war das anders: 35 ziemlich aufgeregte Schüler, die meisten zwischen zehn und 13 Jahre alt, nahmen in den ehrwürdigen Holzbänken der Bezirksverordneten von Neukölln Platz. Nicht jedoch, um den Debatten zu lauschen, die hier normalerweise geführt werden. Die Schüler durften selbst ans Mikrofon: Sie waren aufgefordert, ihre Meinung zu sagen, was in Neukölln und der Welt besser gemacht werden sollte.

Unter dem Motto „Wenn ich Bundeskanzlerin wäre“ hatten sich rund 500Neuköllner Schüler an einem Wettbewerb beteiligt, den der Bildungsverbund Gropiusstadt und der Wohnungsbaugesellschaft Degewo ausgelobt hatten. 35 ausgewählte Beiträge wurden von den Autoren im BVV-Saal des Rathauses Neukölln präsentiert. Kurze Texte, die vom Ärger über Hundehaufen bis zur Sorge um die Kriegsflüchtlinge in der Welt eigentlich alles beinhalteten, was Politik – und die Menschen – bewegt. Das, so fanden nicht nur die Zuhörer aus der echten Politik, war ziemlich spannend.

Organisiert hat den Wettbewerb Ingke Brodersen, die als Herausgeberin und Lektorin im Rowohlt Verlag jahrzehntelang Erfahrung mit Texten gesammelt hat–vom Schreiben bis zur Präsentation. „Auch wenn von Kindern in der offiziellen Politik viel die Rede ist, werden sie selbst viel zu wenig gehört“, sagte Brodersen. Gerade an Orten wie Neukölln, wo viele Familien aus anderen Ländern stammen, sei es wichtig, dass Kinder sich mit ihrem Wohnort identifizieren. Auch deshalb waren die Schüler ins Rathaus geladen. Für viele war es der erste Besuch. Ingke Brodersen hatte auch schon im vergangenen Jahr Jugendlichen eine öffentliche Stimme verschafft. Im August kamen 2300 Berliner Schüler zu einer Mammutlesung von eigenen Texten zusammen. Thema damals: „So ist Berlin.“

Adressatin der Lesung war eigentlich Bundeskanzlerin Angela Merkel, die auch eingeladen war. Sie hatte jedoch, nicht ganz unerwartet, andere Termine. Stellvertretend begrüßte Neuköllns Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD) die Schüler und nahm zu ihren Statements ausführlich Stellung. Beeindruckt war sie nicht nur von der Bandbreite der Themen, die angesprochen wurden und von der rhetorischen Professionalität. „Schüler kommen einfach viel schneller auf den Punkt und fassen sich kürzer als viele Politiker“, sagte Giffey.

Und die politischen Debütanten selbst? „Ich fand es spannend, was die anderen zu sagen hatten, und nachdem ich selbst geredet hatte, war ich auch nicht mehr aufgeregt“, sagt Darnell, zehn Jahre, der zuerst redete. Auch Eveline und Lilly, elf und zwölf Jahre alt, hat ihr erster Ausflug in die aktive Politik gefallen. Sie könnten sich sogar vorstellen, selbst mal Bundeskanzlerin zu werden, sagen beide– auch wenn ihr eigentlicher Berufswunsch Lehrerin ist. Was also würden Neuköllner Schüler anders machen, wenn sie selbst im Bundeskanzleramt regieren dürften? Hier sind die Antworten.

Justin, 5. Klasse, Katholische Schule St. Marien Mein Wunsch wäre es, dass es weniger Baustellen gibt. Auf Baustellen ist es laut und staubig. Manchmal muss ich den Fußgängerweg wechseln, das ist dann gefährlich. Es kommen viele Autos. Und manchmal komme ich an einer Baustelle vorbei, wo gar kein Bauarbeiter arbeitet. Da wurde nur ein großes Loch in den Bürgersteig gebuddelt. Es wäre viel besser, wenn viele Bauarbeiter auf einer Baustelle arbeiten würden. Sie sind dann viel schneller fertig. Und erst wenn sie fertig sind, wird woanders eine neue Baustelle aufgemacht. Das ist mein Wunsch.

Dilouan, 4. Klasse, Janusz-Korczak-Schule Wenn ich einen Tag lang König wäre, würde ich den Hunger ausrotten, indem ich mit einem Flugzeug Essen in Syrien abwerfe. Ich würde überall Statuen von mir bauen.

Alisa, 4. Klasse, Marienfelder Grundschule Ich ärgere mich über die gesprayten Graffitis an den schönen Gebäuden. Nach meiner Meinung sollten die, die erwischt werden, eine Strafe bekommen und alles wieder sauber machen. Manchmal bin ich traurig, weil unser Geld nur für das Essen reicht. Ich möchte gern ein eigenes Haus für meine Eltern und mich haben. Es soll ja kein teures Haus sein und auch keine Villa. Es reichen vier Zimmer, ein Bad und eine Toilette. Ein Teil unserer Familie lebt in einem anderen Land. Es sollte nicht so teuer sein, dahin zu reisen.

Finn, 5. Klasse, Katholische Schule St. Marien Ich frage mich, ob die Obdachlosen auch eine Schule besuchen oder besucht haben. Das fände ich nämlich für sie sehr wichtig. Auch dass sie ein Dach über dem Kopf haben. Alle sollten alle zwei Wochen ein Gehalt von 50€ bekommen und wenn sie krank sind, sollten sie in einem Krankenhaus behandelt werden. Ich finde, das ist nur menschlich.

Darnell, 5. Klasse, Lisa-Tetzner-Grundschule Wenn ich Bundeskanzler wäre, würde ich mehr auf Sonnen- und Windenergie setzen und mehr Elektroautos herstellen, um die Umwelt zu schonen. Ich würde Kinder in der Politik mehr mitreden lassen, damit sie auch mehr Rechte bekommen. Ich würde mehr Spielplätze bauen lassen, sodass jedes Kind in seiner Nähe einen Spielplatz hat. Ich würde die Schulen bunter anstreichen lassen, damit die Kinder mehr Lust auf Schule bekommen. Ich würde genügend Lehrer einstellen, sodass kein Unterricht mehr ausfällt.

Shan, 6. Klasse, Hugo-Heimann-Grundschule Wenn ich Bundeskanzler wäre, würde ich die Wälder und Parks in Ruhe lassen, zum Beispiel den Tempelhofer Flughafen. Ich gehe gerne mit meinen Freunden und meiner Familie raus und skate. Also ich würde die Parks noch grüner machen. Ich würde da Eis- oder Hot-Dog-Stände aufbauen lassen. Ich würde niemals zulassen, dass der Tempelhofer Flughafen bewohnt wird

Lena, 6. Klasse, Lisa-Tetzner-Grundschule Wenn ich Bundeskanzlerin wäre, würde ich mich für unsere Umwelt einsetzen. Denn immer wenn ich rausgehe, bemerke ich, dass Tag für Tag Bäume, Büsche und viele Pflanzen, die wir zum Leben brauchen, verschwinden. Und dann steht dort, wo einst eine lebenswichtige Pflanze war, ein Supermarkt oder gar eine große Fabrik. Dies würde ich ändern. Ich würde nicht, wie andere Menschen, tausende Organisationen gründen. Nein! Ich würde persönlich auf die Straßen Deutschlands gehen und versuchen, unsere Umwelt zu schützen. Dabei würde ich Euch fragen, ob Ihr Eure eigene Welt zerstören wollt …? Sicher werdet Ihr mir mit „Nein“ antworten und mir somit höchstwahrscheinlich helfen, unsere Welt zu retten. Das alles klingt jetzt vielleicht sehr nach einem fantasievollen Abenteuer. Aber es ist möglich – mit Euch!

Eveline, 6. Klasse, Walt-Disney-Schule Wenn ich Bundeskanzlerin wäre, würde ich mehr Bäume pflanzen lassen, denn das ist gut für die Umwelt. Ich würde Alkohol und Zigaretten verbieten, weil diese der Gesundheit schaden. Ich würde mehr Fahrräder und weniger Autos bauen lassen, denn das Abgas verschmutzt die Umwelt. Obdachlosen würde ich einen Job als Müllsammler anbieten, damit die Straßen auch schön sauber sind.

Ben-Luca, 6. Klasse, Katholische Schule St. Marien Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel! Ich wollte schon immer Bundeskanzler von Deutschland werden. Dafür habe ich schon einen Plan. Wenn ich Kanzler der Bundesrepublik Deutschland wäre, dann würde ich alle illegalen Drogen abschaffen. Ich würde mehr Spielplätze bauen, sicherere Wohnungen und Häuser schaffen sowie mehr Kameras zum Überwachen von dunklen Gegenden einrichten. Ich finde, dass Sie Ihre Arbeit sehr gut machen.

Colin, 10 Jahre, Katholische Schule St. Marien Ich würde mich darüber freuen, wenn man etwas intensiver gegen die Spionage von Amerika vorgehen würde. Denn ich finde es nicht schön, dass sie unser Privatleben ausspionieren. Außerdem möchte ich nicht, dass die Ideen unserer Firmen gestohlen werden und sich andere auf unsere Kosten bereichern.

Lucie, 5. Klasse, Katholische Schule St. Marien Liebe Frau Merkel, wie wär’s mit einer Umweltpolizei? Die könnte aufpassen, dass die Umwelt weniger verdreckt wird. Hätten wir buntere Häuser, hätten wir auch bei nicht so schönem Wetter trotzdem etwas leuchtend Buntes in der Gegend. Außerdem brauchen wir ein gerechteres Strafmaß, denn es ist ziemlich unfair, dass zum Beispiel berühmte Leute, die etwas Schlimmeres als andere getan haben, kürzer ins Gefängnis müssen. Stellen Sie sich mal vor, Sie wären ein ganz normaler Bürger und hätten 5000 Euro Steuern hinterzogen. Und dann kommt ein Promi, der 1.000.000 Euro Steuern hinterzogen hat, und der muss kürzer ins Gefängnis als Sie. Das wäre doch ganz schön unfair. Vielleicht könne Sie ja noch mal über das eine oder andere Thema nachdenken. Muss ja nicht alles sein.

Florian, 5. Klasse, Katholische Schule St. Marien Es gibt 13 Atomkraftwerke in Deutschland. Diese stellen ein Problem für das Ökosystem dar. Die Regierung will die Atomkraftwerke erst 2022 abschaffen, aber wenn man will, würde das auch bis 2018 möglich sein. Professoren haben einen Plan zusammengestellt, der eigentlich schon 2012 in Kraft treten sollte. Nach diesem Plan würden 2015 alle Atomkraftwerke vom Netz sein. Das hat sich nicht durchgesetzt. Doch der Plan könnte noch bis 2018 abgeschlossen sein. Dazu müsste man 2014 anfangen und das funktioniert so: Im Sommer 2014 kann z. B. das Atomkraftwerk Ems vom Netz genommen werden und dafür der Hochsee-Windpark in Kraft treten. 2015 wird ein weiteres AKW abgeschaltet und ein bereits gebautes Wasserkraftwerk eingeschaltet. Ich schreibe die ganze Zeit über einen Plan. Hier sehen Sie ihn (hält mehrere eng beschriebene Blätter hoch, Anm. d. Red.).

Merlin, 10 Jahre, Katholische Schule St. Marien Wenn ich etwas ändern könnte, wären es folgende Dinge: Die Schule sollte erst um 10.00 Uhr anfangen Es sollte weniger Steuern geben. Es sollte nur an vier Tagen in der Woche Schule sein. Der Rest sollte frei sein. Begründung: Ich muss um 6.30 Uhr aufstehen und bin dann immer so müde. Und dann kann ich in der Schule auch nicht so gut lernen. Wegen der Steuern streiten sich meine Eltern und dadurch werde ich traurig. Ich sehne mich nach Freizeit. Das Wochenende reicht einfach nicht aus, um sich auszuruhen. Vielleicht können wir ja zu einer Einigung kommen.

Jannis, 4. Klasse, Katholische Schule St. Marien Sehr geehrte Frau Doktor Merkel! Ich schreibe Ihnen, weil ich ein spezielles Anliegen habe. Ich war letztens beim Fußballtraining, wo ein Flüchtlingsjunge mit uns trainiert hat. Er erzählte uns, dass er es in seinem Heimatland nicht schön hatte, weil auf seine Familie geschossen wurde. Er musste fast alle seine Sachen zurücklassen. Aus diesem Grunde wünsche ich mir, dass Sie den Flüchtlingen Gelder zur Verfügung stellen, damit sie es auch bei uns schön haben.

Franziska, 6. Klasse, Katholische Schule St. Marien Sehr geehrte Frau Dr. Merkel, ich würde mich freuen, wenn sich in Deutschland einiges ändern würde. Mein erster Vorschlag wäre, dass die Schülermonatskarte billiger wird und dass die Busse öfter fahren – bundesland-übergreifend (Berlin-Brandenburg Tarif BC). Mein zweiter Vorschlag wäre, dass mehr Schwimmbäder gebaut werden und dass Kinder in Schwimmbädern weniger Eintritt zahlen müssen. Mein dritter Vorschlag wäre, dass es mehr Sicherheit auf der Straße und den U-Bahnhöfen geben sollte, dies durch mehr Polizisten und Sicherheitsleute. Gerne würde ich mich auch mit Ihnen darüber unterhalten.

Shirin, 6.Klasse, Hugo-Heimann-Schule Wenn ich Bundeskanzlerin wäre, würde ich ein Riesenlager bauen lassen und dann ein Flugzeug nach Palästina schicken, um die Menschen vor dem Krieg zu retten und sie in das Lager bringen zu lassen. Dort können sie verarztet und gepflegt werden. Ich würde auch ein Flugzeug voll Essen nach Afrika zu den armen Menschen schicken. Und ich würde wollen, dass alle Kinder und Erwachsene so angenommen werden, wie sie sind, und nicht ausgeschlossen werden, nur weil sie ein Kopftuch tragen oder dunkelhäutig sind.

Maurice, 8. Klasse, Walter-Gropius-Schule Ich könnte keine Freunde in der Schule finden, ich könnte keinen Abschluss schaffen, ich könnte keine Arbeit bekommen, ich könnte auf der Straße leben, ich könnte mir kein Essen kaufen, ich könnte beleidigt werden, ich könnte meine Eltern verlieren, ich könnte geschlagen werden, ich könnte sterben. Hätte ich in Deutschland was zu sagen, würde keiner über solche Ängste klagen.