Statistik

„Ärzte machen Fehler, sind aber keine Pfuscher“

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Claudia Kade

Studie: Die Zahl der festgestellten Fälle von Behandlungsmängeln ist gesunken. Gutachter erkennen knapp jede vierte Patientenbeschwerde an

In Deutschlands Krankenhäusern ist das Risiko eines Behandlungsfehlers unter den Patienten ungleich verteilt: Vor allem wer mit Knie- oder Hüftgelenksproblemen eingeliefert wird, muss damit rechnen, bei der Operation zum Opfer von Ärztepfusch zu werden. Auch Patienten mit Brüchen an Unterschenkel oder Sprunggelenk sind besonders häufig von Fehlern beim Eingriff betroffen. Das ergibt die neue Fehlerstatistik, welche die Bundesärztekammer nun in Berlin vorgelegt hat. Nach der aktuellen Erhebung der Ärzte gingen bei den Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen 2013 insgesamt knapp 12.200 Beschwerden von Patienten ein – mit der Aufforderung zur Prüfung, ob ein Behandlungsfehler vorliegt. Damit verzeichnete die Ärztekammer einen leichten Rückgang der Patientenanträge im Vergleich zum Vorjahr.

Von den eingegangenen Beschwerden wurden 7922 Fälle bearbeitet. Dabei kamen Gutachter und Schlichter in 2243 Fällen zu dem Ergebnis, dass tatsächlich ein Behandlungsfehler nachgewiesen werden kann. Es bestätigte sich also knapp jede vierte Vermutung. Das bedeutet ebenfalls eine leichte Verringerung im Vorjahresvergleich. Mögliche Behandlungsfehler werden aber nicht nur von der Ärztekommission untersucht. So erstellte der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) 2013 rund 14.600 Gutachten wegen Verdachts auf Fehler. Knapp 3700 Mal wurde der Verdacht bestätigt. Wie viele Patienten sich direkt an die Gerichte wenden, wird nicht gezählt. Insgesamt gebe es geschätzt pro Jahr rund 40 000 Anträge von Patienten, die einen Fehler vermuten, sagte Andreas Crusius, Vorsitzender der Ständigen Konferenz der Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Bundesärztekammer bei der Präsentation der Zahlen in Berlin.

Doch an dem besonderen Komplikationsrisiko für Hüft- und Kniepatienten hat sich auch 2013 nichts geändert: Von diesen Patientengruppen stammen die meisten Pfuschvorwürfe, entsprechend richtet sich die weit überwiegende Zahl der Beschwerden gegen Ärzte der Unfallchirurgie und aus den orthopädischen Abteilungen in den Kliniken. In den Krankenhäusern selbst passieren die meisten nachgewiesenen Behandlungsfehler in den Operationssälen – Pfusch bei der Durchführung der Eingriffe macht gut 27 Prozent der nachgewiesenen Fälle aus. Falsche Diagnosen oder die gefürchteten Infektionen mit den sogenannten Krankenhauskeimen spielen dagegen eine untergeordnete Rolle.

Die Ärztekammer verweist jedoch darauf, dass in den einzelnen Krankheitsfeldern jeweils weit über 100.000 Operationen pro Jahr vorgenommen werden. Der Anteil der gutachterlich nachgewiesenen Behandlungsfehler bewege sich deshalb im Promillebereich.

„Wenn solche Fehler passieren, ist das Leid der Betroffenen sehr groß“, sagte Andreas Crusius. „Jeder dieser Fehler sei ein Fehler zu viel, und natürlich müssen sie aufgeklärt werden.“ „Diese Fehler seien aber äußerst selten und schon gar nicht beispielhaft für die bei den Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen registrierten Behandlungsfehler. „Wir begutachten vor allem medizinische Komplikationen, wir suchen nach dem Ursachenkomplex“, betonte Crusius. „Überlange Arbeitszeiten und ständig wachsender Behandlungsdruck können zu Behandlungsfehlern führen“, sagte Crusius.

Angesichts der enorm gestiegenen Zahl der Behandlungsfälle sei es aber bemerkenswert, dass die Zahl der bestätigten Fehler seit Jahren relativ konstant geblieben sei. Bedingt durch die demografische Entwicklung sei allein die Zahl der ambulanten Behandlungsfälle in Deutschland zwischen 2004 und 2012 um 136 Millionen auf fast 700 Millionen gestiegen. Die Zahl der stationären Fälle habe sich um 1,8 Millionen auf 18,6 Millionen erhöht. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz wies zurück, dass Stress auf Station verantwortlich für Behandlungsfehler sei. „Gerade Einrichtungen mit hohen Fallzahlen wie bei Gelenk-OPs weisen eine geringere Fehlerquote auf“, sagte Vorstand Eugen Brysch. Er forderte ein nationales Fehlerregister.

Was aber ist zu tun, wenn Patienten einen Verdacht auf Behandlungsfehler haben? Die Berliner Morgenpost beantwortet die wichtigsten Fragen:

Was ist ein Behandlungsfehler?

Darunter versteht man eine Behandlung, die nicht den anerkannten medizinischen Standards entspricht. Es kann sich um einen rein medizinischen Fehler handeln, aber auch um organisatorische Fehler. Auch eine fehlende oder mangelnde Aufklärung über medizinische Eingriffe und ihre Risiken sowie Lücken in der Dokumentation zählen dazu.

Wohin wenden sich Patienten?

Beim Verdacht auf einen Behandlungsfehler sollten Patienten zunächst mit ihrem Arzt sprechen. Bleibt dies ohne Erfolg, so gibt es in vielen Kliniken inzwischen eigene Beschwerdestellen. Auch die gesetzlichen Krankenkassen müssen Versicherte unterstützen. Sie helfen mit einer außergerichtlichen Rechtsberatung und holen über ihren MDK ein Gutachten ein. Auch die Gutachterkommissionen und Schlichtungsstellen der Ärztekammern bieten Gutachten und eine außergerichtliche Streitschlichtung an. Für den Patienten entstehen keine Kosten. Die Fälle sollten nicht länger als fünf Jahre zurückliegen.

Wo gibt es noch Beratung?

Weitere Anlaufstellen für Patienten sind die Verbraucherzentralen, Selbsthilfegruppen oder Patientenberatungsstellen, zum Beispiel bei der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD). Die UPD hat unter 0800-0117722 ein kostenloses Beratungstelefon geschaltet. Die Experten raten Patienten zunächst zu dem Versuch, sich außergerichtlich mit dem Arzt oder dem Krankenhausträger zu einigen.

Was passiert, wenn die außergerichtliche Einigung nicht gelingt?

Dann bleibt nur der Rechtsweg. Patienten können vor Zivilgerichten ihre Ansprüche auf Schadensersatz, etwa für zusätzliche Pflegekosten und Fahrtkosten, sowie Schmerzensgeld einklagen. Einen Anspruch auf Entschädigung gibt es nur, wenn der Behandlungsfehler ursächlich für einen Gesundheitsschaden ist. Vor Gericht muss grundsätzlich der Patient beweisen, dass der Gesundheitsschaden durch die fehlerhafte ärztliche Behandlung verursacht wurde. Lediglich bei groben Behandlungsfehlern müssen die behandelnden Ärzte nachweisen, dass der Fehler nicht die Ursache des Schadens war.

Gibt es eine Frist?

Die Verjährungsfrist, innerhalb der man mit dem Anspruch auf Schadensersatz vor Gericht ziehen kann, beträgt drei Jahre.

Welche Dokumente müssen Patienten vorlegen?

Betroffene sollten sich unverzüglich Kopien der Behandlungsdokumentation besorgen. Dies betrifft Angaben zu Befunden, Medikamentengaben und Operationsberichte. Dies ist wichtig zur Klärung des Verdachts. Das Recht steht auch den Erben und nächsten Angehörigen eines verstorbenen Patienten zu. Ob weitere Dokumente nötig sind, ist im Einzelfall zu entscheiden.

( mit AFP )