Berliner Spaziergang

Der Herbergsvater der Start-up-Szene

Wir nehmen auf dem Factory-Campus die Abkürzung, und dann stehen wir vor dem verriegelten Eisentor. Eigentlich wäre der Spaziergang hier zu Ende – bevor er begonnen hat. Simon Schäfer hat keinen Schlüssel für das Baustellentor. Doch jemand wie er lässt sich von Stahlketten und Vorhängeschlössern nicht von seinem Ziel abbringen. Also klettern wir über den Zaun. Erst Schäfer („Das hab ich schon oft gemacht“), dann der Reporter und schließlich der Fotograf. In Berlin stört sich niemand an so einer Aktion.

Schäfer ist kein Freund der ausgetretenen Wege. Als in Berlin die Start-up-Szene zu boomen begann und Inkubatoren genannte Brutkästen für innovative Internetfirmen entstanden, hatte er eine andere Idee. Berlin braucht einen Campus, wo Gründer leben, arbeiten und voneinander lernen können. Einen Ort, wo Unternehmen auch Raum zu wachsen haben. „Inkubator wollen wir auf gar keinen Fall sein“, sagt Schäfer. Und so entstand die Factory, das ist der neue Berliner Campus für junge Unternehmen aus der Netzwirtschaft an der Rheinsberger Straße in Mitte. 20 Millionen Euro haben Simon Schäfer und seine Partner investiert. Der Campus bietet Twitter, Soundcloud, Mozilla, Zendesk und vielen anderen ein Zuhause. Der Internetkonzern Google steuert als Sponsor eine Million Euro bei.

Kernkonzept der Factory ist die Vermietung von Büroraum. „Wenn wir die Immobilie zu Luxusappartements gemacht hätten, dann hätten wir sehr viel mehr Geld verdienen können. Aber das wollten wir nicht“, sagt Schäfer. 14 Euro netto kalt kostet der Quadratmeter. Das ist die Basis für spätere Investitionen in Start-ups.

Er strahlt vor Glück

Zwei Tage nach der offiziellen Eröffnung treffen wir Schäfer in der Chefetage der Factory. Am Morgen wirkt er noch etwas erschöpft von den Feierlichkeiten, aber euphorisch. „150 Millionen Menschen haben über soziale Netzwerke von der Factory-Eröffnung erfahren“, sagt er. Eine Social-Media-Agentur hat diesen Wert errechnet. Schäfer strahlt vor Glück. „150 Millionen“, sagt er noch einmal und erzählt das auch seinem Geschäftspartner Udo Schloemer, der in diesem Moment ins Büro kommt.

Eröffnungsfeier hin oder her – das Büro ist noch nicht fertig. An der Wand lehnt ein Original des Fotografen Andreas Mühe, dem Sohn des Schauspielers Ulrich Mühe. Das Bild zeigt Helmut Kohl im Rollstuhl, George Bush und Michail Gorbatschow. Es wurde im November 2009 zum 20. Jahrestag des Mauerfalls aufgenommen. An der Decke baumelt ein Kabel. Daran wollen die Gründer einen Leuchter aus dem ehemaligen Palast der Republik aufhängen – aus Chrom und Glaskugeln. Das ist eine Botschaft: „Wir sind ja im Ostteil der Stadt“, sagt Schäfer.

An der von der DDR errichteten Mauer prallten Welten aufeinander. „Es geht um die Transformation.“ Auf das alte Gebäude der Factory hat Schäfer ein neues gesetzt: Die neue Industrialisierung steht auf den Fundamenten der alten – das meint er nicht nur im symbolischen Sinn. Damit meint er seine Mieter. Und ein weiteres Projekt: „Wir wollen hier alle drei Monate die etablierte und die Start-up-Wirtschaft zusammenbringen, jeweils zehn plus zehn Leute.“ Tim Raue wird kochen, und die ersten zwei Stunden darf keiner über seinen Beruf reden. „Es ist wichtig, dass die Leute aus ihrem Kontext rauskommen, um sich kennenzulernen“, sagt Schäfer. „Wir wollen, dass das Topmanagement die DNA der Gründerkultur an sich ran lässt.“

Wir verlassen die Chefetage der Factory, deren Wände mit Grobspanplatten verkleidet sind. Auch diese Innenarchitektur ist Programm. Die Factory will nicht fertig sein, sondern im Umbruch und offen für das unerwartet Neue. Das mag der Grund dafür gewesen sein, Material zu verwenden, das gewöhnlich Wegwerfwerkstoff auf Baustellen ist.

Eine Freitreppe aus verzinktem Stahl führt aus der digitalen Welt sechs Stockwerke hinunter in die reale. Der Blick fällt auf die Mauergedenkstätte an der Bernauer Straße, das Apartmenthaus der Factory und die mit Rollrasen belegte Freifläche auf dem Firmenareal. Vor wenigen Tagen klaffte hier noch ein zehn Meter tiefes Loch.

„Auf der Hoffläche wird ein weiteres Gebäude errichtet“, erläutert Schäfer. „Wir hatten angefangen, die Grube für den Keller des Neubaus zu graben und haben dabei riesige Stücke Stahlbeton gefunden – Reste eines Bunkers, den die Russen zu sprengen versuchten, damit Ost-Berliner dort keine Fluchttunnel mehr unter der Mauer graben konnten. Wir haben den ganzen Schrott aus dem Zweiten Weltkrieg rausgeholt und haben das zugeschüttet, weil wir erst in einem Jahr weiterbauen wollen.“ An dieser Stelle der Stadt holt die Vergangenheit Investoren bei jedem Spatenstich ein.

Im geplanten Neubau werden ganz junge Teams arbeiten – in Co-Working-Räumen und kleinen Einheiten. In das bereits gebaute Apartmenthaus, in dem momentan noch das Start-up 6wunderkinder seinen Online-Aufgabenplaner entwickelt, ziehen Start-up-WGs. Gründer könnten da umsonst wohnen, beschreibt Schäfer seine Vision. „Wenn ein Gründer aus dem Ausland nur ein paar Tausend Euro hat und eine Firma gründen will, dann sollte er sein Geld besser nutzen als für eine teure Unterkunft“.

Am Fuß der Treppe herrscht Chaos: Eine Gruppe Arbeiter entlädt einen Möbelwagen, eine andere füllt kochend heißen Gussasphalt aus einer röhrenden Maschine in Schubkarren. Lieferwagen rangieren vor dem Eingang. Auf dem Hof steht ein braunmetallicfarbener Porsche mit Oldtimerkennzeichen. Schäfers Porsche. „Ich bin Autonarr“, sagt er. Freizeitschrauber zu sein ist seine Art der Entspannung. 2010 erlitt er einen Hörsturz. Damals entschied er sich, jeden Samstag das Handy auszuschalten und nur das zu machen, worauf er Lust hatte. „Ich habe dann eine kleine Garage gemietet, in der ich an meinen Autos arbeiten kann.“ Seine Autos, das sind ein Alfa, ein Lancia Delta und der Porsche Turbo. „Der Porsche ist aus dem gleichen Baujahr wie ich: 1977.“ Eines der ersten Turbo-Modelle sei das, sagt Schäfer. „Es wurde nur zwei Jahre gebaut und hat nur einen Drei-Liter-Motor.“ Keine Servolenkung, kein ABS. „Aber ein eingebautes Diktiergerät.“

„Die Bremsen wechseln oder den Turbolader ausbauen. Das habe ich selber gemacht“, sagt er. Für die meisten Arbeiten gibt es Anleitungen im Netz. „Und dann lieg ich da mit Öl im Gesicht und mache etwas Mechanisches. Das ist total schön.“ Moderne Autos findet er furchtbar. Elektroautos hingegen seien ein Evolutionsschritt. Er könne sich vorstellen, eines anzuschaffen. Zum Beispiel einen Tesla. Und dann ist Schäfer wieder bei seinem Thema, den Start-ups: Elon Musk, der den Onlinebezahldienst PayPal erfand und mit dem Kapital aus dem Verkauf der Firma unter anderen den Elektroautohersteller Tesla gründete. „Er ist ein Unternehmer, der das Ganze von vorne denkt und nicht belastet ist durch die Entwicklungs- und Vermarktungshistorie seiner früheren Produkte. Das finde ich toll.“ Unternehmer dieser Sorte wünscht er sich als Factory-Mieter.

Einige Schritte weiter stehen wir auf der Mauergedenkstätte, die die Rückseite der Factory ist. „Hier sieht man, wie große Fenster die Fabrik einmal hatte“, sagt Schäfer und deutet auf einer der Erklärtafeln, die für Touristen aufgestellt wurden. „Aus den beiden Fenstern da oben haben Grenzposten den Mauerstreifen mit Ferngläsern kontrolliert.“ Heute sind Büros von SoundCloud dahinter.

Wie man Unternehmer wird

Die Zeit der Mauer war Schäfers Jugendzeit. „Ursprünglich hab ich mal Graffiti gesprüht“, sagt er und schiebt fast entschuldigend hinterher: „Ich war Jugendlicher. Und dabei habe ich meine Liebe zur Typografie entwickelt.“ Was ihn wie alle Jungs in dieser Zeit interessiert, sind Computer. Mit seinem Freund Felix Petersen baut er Webseiten und gewinnt einen New Talent Award. Schäfer schrieb sich an der TU für Informatik ein. Da traf er die gleichen Leute wie auf der Schule. „Ich habe auf dem Absatz kehrt gemacht und bin nie wieder zurückgekehrt.“

Er wurde Unternehmer. „Wir haben angefangen, Start-ups zu entwickeln“, erinnert er sich. Damals habe eine Powerpoint-Präsentation genügt, um nach dem Studium Geld aufzunehmen und ein Start-up zu entwickeln. Diese Gründer brauchten Leute wie Schäfer und Petersen, die etwas vom Webseitenbau verstanden. „Wir haben unsere erste Agentur gegründet und dort gelernt, wie das Netz funktioniert.“ Danach hat er das Start-up ImmoCommerce gegründet, das es heute noch gibt. Makler können damit im Internet ihr Produktportfolio, ihre Mails und Kontakte managen. „Es ist ein sehr kleines Unternehmen mit nur vier Mitarbeitern. Wir haben zahlende Kunden, die sehr froh sind, dass es uns gibt“, sagt Schäfer.

Einer von ihnen war der Immobilienunternehmer Udo Schloemer. „Er hatte damals gerade begonnen, auch in Internetfirmen zu investieren. Er holte Schäfer, der die damalige Start-up-Szene gut kannte, als Partner in seine Investmentgesellschaft JMES. Aus der Lernerfahrung, in mehr als 40 frühe Start-ups zu investieren, haben beide das Konzept der Factory entwickelt. JMES – das sind neben Schloemer und Schäfer Marc Bruchseifer und Sascha Gechter. Hinter der Factory stehen die gleichen Investoren plus der Filmproduzent Dario Suter. „Wir haben alle die gleichen Lernerfahrungen gemacht. Dario auch als Investor in Frühphasenunternehmen. Er hat viele Sachen begleitet hier in Berlin – unter anderem Brands4Friends.“

Zurück in der Gegenwart biegen wir am U-Bahnhof Bernauer Straße in die Brunnenstraße. Wir kommen an einem Ladenlokal mit der Hausnummer 142 vorbei mit einem großen F, dem Factory-Logo, auf der Schaufensterscheibe. Da sitzt das Start-up One Spark aus den USA, das im September sein Crowdfunding-Festival nach Berlin bringen will. In der Ecke des Raums steht ein Architektenmodell der Factory. „Das war unser Showroom, in dem ich zwei Jahre lang das Konzept präsentiert habe“, sagt Schäfer und kramt in den Regalen. Er findet eine iPhone-Hülle mit dem Factory-Logo aus dem 3-D-Drucker. „Auch eines unserer Start-ups“, sagt er. „Lime Maker“.

Mit Handschlag begrüßt Schäfer Travis Todd, der die Brunnenstraße hinaufkommt. Auch er gehört zum Factory-Netzwerk, hat einige Start-ups gegründet. Dann geht es durch einen Torbogen in den Hinterhof zu einer Remise. Vor einigen Monaten saß hier noch ein Start-up, das eine App für gute Vorsätze baut. Jetzt arbeitet hier Merisier. Sie entwickeln neuartige Werbegeschenke. „Ein Riesenmarkt ist das“, sagt Schäfer. Eine Häuserecke weiter in der Rheinsberger Straße bleiben wir an einem Klingelschild stehen. Es ist über und über beklebt mit den Namen junger Unternehmen: Zendesk, SoundCloud, Taptalk. Zendesk ging Mitte Mai in den USA an die Börse, SoundCloud ist gewachsen und umgezogen. Taptalk hat diesen Weg wohl noch vor sich. Andere Mieter suchen neue Ideen.

Ein älterer Mann tritt aus der Tür und grüßt knapp. „Wie klappt das mit den Nachbarn?“, fragt der Reporter den Investor. Nachbarn riefen während der Eröffnungsparty die Polizei, weil die Musik störte. Nicht nur das: Einer hat gegen die Baugenehmigung geklagt. „Wir haben uns geeinigt“, sagt Schäfer, dem es wichtig ist, sich gut mit den Nachbarn zu verstehen. „Man kann sich freuen, wenn hier visionär denkende internationale Menschen arbeiten, die kluge Sachen tun. Eigentlich ist das schön für eine Nachbarschaft“, findet Schäfer. Er nennt es sanfte Gentrifizierung.