Bildungsbericht

Deutsche lernen mehr, aber nicht alle

Der Trend zu besserer Bildung in Deutschland ist unverkennbar: Mehr Kleinkinder nehmen an frühkindlicher Bildung teil. Es gibt mehr Abiturienten und so viele Studienanfänger wie noch nie. Die Zahl der erfolgreichen Hochschulabsolventen und auch die Beteiligung an betrieblicher Weiterbildung steigt. Gleichwohl bleiben nach wie vor zu viele Jugendliche ausgegrenzt, wie der Nationale Bildungsbericht von Bund und Ländern zeigt: Noch immer ist Bildungserfolg extrem abhängig von der sozialen Herkunft. Noch immer können 18 Prozent der 15-jährigen Schulabgänger nur auf Grundschulniveau rechnen. 5,9 Prozent eines Jahrganges verlassen die Schule ohne Hauptschulabschluss. 28 Prozent der Bachelor-Studenten brechen ihr Studium vorzeitig ab.

„Unser Bericht zeigt ein Bildungswesen zwischen Bewegung und Stillstand“, resümierte Marcus Hasselhorn vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) und Sprecher der Autorengruppe. Auf allen Ebenen steige die Bildungsbeteiligung. „Aber nicht alle gesellschaftlichen Gruppen sind Teil dieser Dynamik.“ Das DIPF erstellt den Bericht federführend seit 2006 alle zwei Jahre auf Grundlage von Statistiken wie dem Mikrozensus und Forschungsdaten. Er benennt Fortschritte und Probleme in allen Bildungsetappen von der Kita bis zu Beruf und Hochschule. Geld kommt vom Bundesforschungsministerium und der Kultusministerkonferenz (KMK).

Dem Bericht zufolge ist der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die in einer sogenannten Risikolage in Deutschland groß werden, in den vergangen zwei Jahren leicht gesunken. Gleichwohl wachsen noch immer knapp 30 Prozent der jungen Menschen in bildungsfernen Familien, bei langzeitarbeitslosen und armen Eltern, bei Alleinerziehenden oder Migranten ohne ausreichende deutsche Sprachkenntnisse auf.

17 Prozent ohne Berufsabschluss

Von den 30- bis unter 35-jährigen Frauen und Männern in Deutschland haben dem Bericht zufolge 17 Prozent keinen Berufsabschluss. In der Altersgruppe der 60- bis unter 65-Jährigen sind dies elf Prozent der Männer und 23 Prozent der Frauen. Dagegen ist der Anteil der Menschen mit Hochschulreife bei den 30- bis unter 35-Jährigen mit 43 Prozent inzwischen rund doppelt so hoch wie bei den 60- bis unter 65-Jährigen (22 Prozent).

Menschen mit Migrationshintergrund haben es in Deutschland immer noch deutlich schwerer. Unter den 30- bis 35-Jährigen haben demnach Migranten fünf Mal so häufig keinen allgemeinbildenden und dreimal so häufig keinen beruflichen Bildungsabschluss wie gleichaltrige Deutsche. Während bei Deutschen die Zahl derjenigen ohne Berufsabschluss konstant bei etwa zehn Prozent lag, betrug der Anteil bei Migranten um 35 Prozent. Besonders schwer haben es auch in dieser jungen Altersgruppe türkischstämmige Frauen, von diesen haben knapp 60 Prozent keinen Berufsabschluss. Eine leichte Verbesserung: 2005 waren es sogar 70 Prozent.

Damit ragt die Gruppe der Türken in Deutschland unter allen Migranten besonders heraus. Und zwar nicht nur, wenn es um den Berufsabschluss geht, auch beim Schulabschluss sieht es nicht gut aus. Mehr als 20 Prozent der jungen Frauen haben nicht einmal einen Hauptschulabschluss, bei den Männern liegt die Quote etwas darunter.

Zu spät in der Kita

Weil sie häufig den Berufseinstieg nicht schaffen, landen viele Bürger ausländischer Herkunft im Übergangssystem. Unter den dortigen Neuzugängen machte 2012 diese Gruppe 46,5 Prozent aus. Bei den Deutschen sind es 24,4 Prozent. Ganz schwierig ist die Lage für jene, die gar keinen Abschluss haben. Von ihnen müssen 71,2 Prozent in die Schleife vor dem möglichen Berufseinstieg, bei den Ausländern sind es 83,9 Prozent.

Autor Hasselhorn hält es für problematisch, dass türkische Kinder in der Regel zwei Jahre später ins frühkindliche Bildungssystem einsteigen als deutsche Kinder: „Der Schlüssel liegt in der frühkindlichen Bildung.“ Oft sei verspätete sprachliche Entwicklung der Grund dafür, dass es die Kinder in der Schule schwerer hätten. Als Ursachen für die Benachteiligung von Migranten vermuten die Forscher auch kulturelle Gründe, etwa wenn eine Ausbildung für Frauen nicht für nötig befunden wird. Außerdem hätten viele Unternehmen nach wie vor Vorbehalte gegen ausländische Bewerber.

Am oberen Ende der Bildungslaufbahn machen die Befunde dagegen Hoffnung. Verdoppelt hat sich der Anteil der türkischstämmigen Studenten an den Hochschulen: von 4,2 Prozent auf 8,4 Prozent. Solche Trends sind für die Zukunft von entscheidender Bedeutung. Denn heute hat jedes dritte Kind unter sechs Jahren einen Migrationshintergrund.

Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) gab zu, dass es weiterer Anstrengungen bedürfe, Leistungsschwächere und Menschen mit Migrationshintergrund besser zu fördern. Sie hob zugleich hervor, dass der Bildungsstand der Bevölkerung insgesamt gestiegen sei, insofern sei der Bericht „einerseits Ermutigung, andererseits auch Auftrag“. „Es gibt keinen Grund, sich auf dem Erreichten auszuruhen“, sagte die nordrhein-westfälische Kultusministerin Sylvia Löhrmann (Grüne), gleichzeitig Präsidentin der KMK.

Um die 30- bis 35-jährigen Deutschtürken, die keine Ausbildung oder keinen Schulabschluss haben, will sich die Bundesregierung speziell kümmern. Wie sie gezielt gefördert werden können, will Bildungsministerin Wanka unter anderem beim Bildungsgipfel im Herbst gemeinsam mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) erörtern.

„Ein möglicher Weg ist, die handwerklichen Berufe wieder attraktiver zu machen“, sagte Wanka. Wie das gehen soll, ließ sie offen. Den Anstieg der Schulabschlüsse bei deutsch-türkischen Frauen will sie trotz der ernüchternden Zahlen dennoch als Ermutigung verstanden wissen. „Andererseits“, sagt sie, „ist der Bericht auch ein Auftrag.“ Ob sich die über 30-Jährigen mit Programmen ködern lassen – die meisten haben sich ja doch irgendwie im Leben eingerichtet –, wird wohl erst der Bildungsbericht 2016 zeigen.