Krieg

Siegessichere Islamisten

Schier endlos schiebt sich der Autokorso durch die Stadt. Jubelnde Kämpfer auf neuen Pickups, hin und wieder Lastwagen mit Lafettengeschützen im Schlepptau, ein Krankenwagen, Polizeifahrzeug oder Truppentransporter. Hunderte Fahrzeuge fahren hupend durch Mossul unter dem Jubel der Bewohner. Die islamistischen Kämpfer zeigen ihre „Eroberungen“, protzen mit ihrer Kraft. Sie gerieren sich als Freunde und Verbündete, verteilen Lebensmittel und Treibstoff und werden gefeiert wie Befreier. Allerdings nicht von allen: Bis zu 500.000 Menschen haben sich auf den Weg nach Norden in die friedlichen und rechtstaatlich strukturierten Kurdengebiete gemacht. Es sind vornehmlich Schiiten und Christen, die eine religiös motivierte Gewaltherrschaft der sunnitischen Isis-Demagogen und ihre menschenverachtende Brutalität fürchten.

Regierung handlungsunfähig

Es ist bezeichnend für die Lethargie und Hilflosigkeit der irakischen Institutionen, dass sie selbst in allergrößter Not handlungsunfähig ist. Man muss sich das einmal vorstellen: Da erobern die islamischen Extremisten des Al-Qaida-Ablegers „Islamischer Staat im Irak und in Syrien“ (Isis) eine ganze irakische Provinz einschließlich der zweitgrößten irakischen Stadt Mossul, greifen Nachbarprovinzen an und stehen nun nur noch 50 Kilometer vor Bagdad, und Regierungschef Nuri al-Maliki scheitert mit dem Versuch, vom Parlament den Ausnahmezustand ausrufen zu lassen. Weil das Haus nicht beschlussfähig war. Nur 128 von 325 Abgeordneten waren anwesend, das erforderliche Quorum konnte damit nicht erlangt werden. Sitzung abgebrochen, Entscheidung vertagt. Und das Land brennt.

Die radikal-sunnitische Kampftruppe Isis stößt bei ihrer Blitzoffensive bisher nur auf geringe Gegenwehr. Mossul, Tikrit (die Geburtsstadt von Ex-Diktator Saddam Hussein), Falludscha – die irakischen Städte fallen nahezu kampflos an die zornigen jungen Männer mit ihren Kalaschnikows und dem Allahu-Akbar-Kampfruf auf den Lippen. Isis ist zu einem Sammelbecken der unzufriedenen, perspektivlosen, wütenden Fanatiker geworden. Aber mehr und mehr fühlen sich auch die sunnitischen Verlierer im Post-Saddam-Irak zu der radikalen Kampftruppe hingezogen. Isis wird zu einer popkulturellen Befreiungsbewegung hochstilisiert, die mit professionellen YouTube-Videos, intensiver Aktivität in sozialen Netzwerken und frommem Image Anhänger ködert. Tatsächlich aber hat sie mittels ideologischer Gehirnwäsche und mindestens in Syrien unfassbarer Brutalität einen islamischen Gottesstaat zum Ziel, der den anachronistischen Gesetzen einer Gesellschaft gehorchen soll, die es seit 1400 Jahren nicht mehr gibt.

Im Irak scheint Isis eine andere Taktik zu verfolgen als in Syrien, wo sie auf Abschreckung durch Folter und per Video verbreitete Enthauptungen gesetzt hat. Der Erfolg war begrenzt, weil die selbst ernannten Gotteskrieger sich damit alle anderen Gruppen der Anti-Assad-Koalition einschließlich der Freien Syrischen Armee zum Feind gemacht hat und sich in einem Zwei-Fronten-Krieg gegen sie und gegen die syrische Armee aufgerieben hat. Im Nachbarland sucht Isis offenbar die Nähe zu den Kadern, die sich seit Saddam Husseins Sturz von der Bevölkerungsmehrheit der Schiiten unterdrückt und benachteiligt fühlt. Und die alten Saddam-Getreuen, deren Strukturen aus der damals regierenden Baath-Partei sich offenbar weitgehend erhalten haben, finden in Isis einen mächtigen Partner, der ihnen zu alter Stärke verhelfen könnte.

Die Menschen sagen, nicht Isis sondern Baathisten hätten die Städte übernommen. Der angebliche Isis-Siegeszug sei Propaganda der schiitisch dominierten Regierung in Bagdad. Tatsächlich hätten alte Kader die Kontrolle, die sogar in alten Uniformen aus der Saddam-Zeit auf die Straße gingen.

Ein Bürger aus Mossul bestätigte der Berliner Morgenpost, er habe Izzat Ibrahim al-Duri auf der Straße gesehen, den Nachfolger Saddam Husseins als Baath-Parteichef. Manche hielten al-Duri für tot, doch tauchen von ihm immer wieder Videos auf mit Aufrufen zum Widerstand, das letzte stammt aus dem Januar 2013. Auch der neue, von Isil eingesetzte Gouverneur der eroberten Provinz Ninive mit der Hauptstadt Mossul ist offenbar ein ehemaliger General aus der Armee des Diktators: Haschim Almas.

Ein bizarres Bündnis

Dabei wäre es ein bizarres, geradezu groteskes Bündnis. Denn die Baath-Partei verfolgte eine säkulare Agenda, bevorzugte Sunniten und Anhänger anderer religiöser Minderheiten wie Christen. Wie passt das zusammen mit einer religiös-fanatischen sunnischen Gotteskämpfertruppe? Offenbar hat Isis mindestens in Bezug auf den Irak ihre Taktik geändert und bedient sich der Baath-Parteigänger, um schneller an ihr Ziel zu gelangen. Es ist kaum vorstellbar, dass ein solchen Zweckbündnis von langer Dauer sein könnte, denn es gibt unüberbrückbare ideologisch-religiöse Differenzen.

Vor allem ein Mann zeichnet für das Chaos verantwortlich, in das der Irak rasend schnell abgleitet: Abu Bakr al-Bagdadi. Dem Isis-Chef wird zugetraut, Osama Bin Ladens Vision eines Scharia-Staates zu vollenden in dem rechtsfreien, strukturschwachen und zunehmend anarchischen syrisch-irakischen Wüsten-Grenzgebiet. Bagdadi ist im Begriff, dem Al-Qaida-Chef Aiman al-Sawahiri den Rang als ideologischem Führer aller Dschihadisten von Higeria bis Indonesien abzulaufen, weil er erfolgreich im operativen Geschäft und ein echter „Qaid“, ein Feldherr ist. Die USA haben zehn Millionen Dollar Kopfgeld auf ihn ausgesetzt, nennen es aber so nicht. „Für Hinweise, die zu seiner Ergreifung führen“ klingt besser.