Start-up-Campus

Neue Heimat für Hipster

Gründerzentrum: In Mitte eröffnet die privat finanzierte Factory. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit lobt die „mutige Investition“

Simon Schaefer hat eine Vision: Nicht nur im kalifornischen Silicon Valley, sondern auch in Europa können Technologieunternehmen entstehen, die das Ökosystem befeuern – mit Ideen, mit Wissen, mit Kapital. Deshalb gründete er die Factory. Im November 2011 kaufte er eine Industriebrache in Mitte, im Januar 2012 stellte er den Bauantrag, im Juli 2012 kamen die Bauleute. Da waren schon alle Räume vermietet. Und nun ist der Start-up-Campus fertig. Die Mieter, deren prominentester Twitter ist, ziehen ein. Der Kurznachrichtendienst hat sein Deutschland-Büro auf dem Areal eröffnet. Auch Eric Schmidt, Chef des Internetkonzerns Google, wollte vorbeikommen.

Die Factory bietet Büros unterschiedlicher Größen für Start-ups an. Insgesamt stehen auf dem Areal zwischen der Rheinsberger und der Bernauer Straße 16.000 Quadratmeter zur Verfügung. Größte Mieter sind der Audiodienst SoundCloud, der Browserentwickler Mozilla, der Kundensupport-Dienstleister Zendesk und 6wunderkinder. Insgesamt 22 Start-ups haben sich eingemietet.

Der Campus entstand auf dem Areal einer ehemaligen Brauerei und umfasst insgesamt fünf Gebäude. Das Kapital für die Immobilie stammt von Udo Schloemer, Marc Bruchseifer und Sascha Gechter, die wie Simon Schäfer Partner des Berliner Finanzinvestors JMES Investments sind, sowie vom Filmproduzenten Dario Suter. Die Investoren steckten in Umbau und Erweiterung der Gebäude insgesamt 20 Millionen Euro.

„Die Factory ist eine mutige und richtige Investition“, sagte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) beim Besuch des neuen Campus. Die Factory erfülle die Start-up-Hauptstadt mit Leben. 600 Arbeitsplätze zu schaffen sei wichtig für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt. Die Factory ermögliche den Transfer von Wissen. Er drückte die Hoffnung aus, der Gründerboom möge sich wie eine Lawine durch die Stadt bewegen. Es sei enorm, wie sich diese Branche entwickele, sagte Wowereit und wünschte den Machern des Campus, viele Unternehmen auf die Erfolgsspur zu bringen.

Inspiration an historischem Ort

Wowereit besuchte die Stände der Factory-Mieter sowie anderer Firmen auf der Freifläche des neuen Campus. Er begrüßte unter anderem den Twitter-Marketingchef für Deutschland, Rowan Barnett, und den Soundcloud-Gründer Alexander Ljung. Anschließend führte Factory-Gründer Schaefer den Regierenden Bürgermeister durch das Gebäude.

„Die Erfolgsgeschichte von Twitter kann Inspiration für Berliner Start-ups sein“, sagte Barnett. „Wir freuen uns, an diesem historischen Ort arbeiten zu können“, sagte Barnett mit Blick auf die benachbarte Mauergedenkstätte. Twitter siedelt in der Factory vor allem ein Verkaufs- und Marketingteam für Deutschland an. „Ich hoffe, dass sich hier in der Factory ein neues Ökosystem entwickelt und Start-ups auf der Basis von Twitter Geschäftsideen entwickeln“, sagte Barnett. International gebe es dafür viele Beispiele. „Ich hoffe, dass mehr deutsche Start-ups diese Möglichkeiten nutzen werden“, sagte Barnett. Als gutes Beispiel erwähnte er das Berliner Start-up Tame, das Twitter-Nutzern die wichtigsten Trends und Nachrichten innerhalb ihres Netzwerks anzeigt.

Drei Etagen – und damit die größte Teilfläche – hat der 2008 gegründete Internet-Audiodienst SoundCloud gemietet. Nutzer können auf der Plattform Ton-Dokumente aller Art kostenfrei hochladen, Freunden freigeben und anhören. Weltweit 250 Millionen Nutzer sind auf SoundCloud aktiv. Sie laden rechnerisch jede Minute zwölf Stunden Ton auf die Plattform, die wegen ihrer Reichweite und dem Potenzial der Idee zuletzt mit einem Wert von 700 Millionen Dollar (517 Millionen Euro) taxiert wurde. Zahlen über die Akzeptanz der Premium-Bezahlaccounts gibt es nicht. Auch jüngste Gerüchte, Twitter wolle SoundCloud kaufen, wurden bei der Eröffnung nicht kommentiert. Erlösquellen im großen Stil hat Soundcloud nicht erschlossen – aber das macht in der Start-up-Logik auch nichts. Denn Wachstum steht an erster Stelle, Geld wird später verdient. Dass das funktioniert, haben Google und das soziale Netzwerk Facebook gezeigt.

SoundCloud baute eine moderne Bürolandschaft: klimatisierte Großräume mit sensationeller Akustik dank Schallschutz-Decken aus Holzwolle-Platten, Räume für Videokonferenzen und Ecken, in die sich Mitarbeiter zu Besprechungen zurückziehen können, ohne ihre Kollegen zu stören. Die historischen Ziegelmauern blieben erhalten. Herzstück des Soundcloud-Komplexes ist eine Lounge für die Treffen des Teams und die gemeinsamen Mittagessen. Ferner gibt es ein Aufnahmestudio für Musikproduktionen.

Der Großteil der gut 200 Beschäftigten soll hier arbeiten. Mit Büros in London, San Francisco und New York treibt SoundCloud seine Internationalisierung voran. „Vergangene Woche haben wir unser New Yorker Büro eröffnet“, sagt David Noel, der den bei Start-ups beliebten Titel des Evangelisten trägt – eine Art Markenbotschafter. „Es ist für uns wichtig, in der Nähe unserer Partner in der Medien- und Musikindustrie, der Talente und der lokalen Community zu sein.“

Google sponsort den Campus

Der Internetkonzern Google unterstützt das Projekt drei Jahre lang mit einem Betrag von insgesamt einer Million Euro. Die Zusammenarbeit mit der Factory bildet das Herzstück des Engagements für die deutsche Gründer- und Start-up-Szene. „Es geht Google um die Förderung des internetbasierten Unternehmertums in Deutschland“, sagte Eze Vidra, Chef des europäischen Programms Google for Entrepreneurs. „Wir sind fest überzeugt, dass an diesem historischen Standort ein fruchtbares Ökosystem für Gründer, Entwickler und Start-ups entstehen wird“.

Simon Schaefer hat mit dem Factory-Konzept eine Marktlücke gefunden. „Allein in den vergangenen sechs Monaten hatten wir Anfragen für 80.000 Quadratmeter Nutzfläche“, sagte er. Er plant nun, die Idee als Lizenzmodell in andere europäische Start-up-Hubs zu bringen. „Wir wollen diese zarte Pflanze sehr behutsam skalieren“, schränkte Schaefer ein. Er bietet noch an mehreren Orten in Berlin Arbeitsräume für Start-ups an, etwa in der Sophienstraße in Mitte und am Tempelhofer Ufer. Diese Gebäude werden allerdings nicht als Factory vermarktet, weil sie den Anforderungen hinsichtlich Größe, Gastronomie und Veranstaltungsflächen nicht genügen. Weitere Start-up-Gebäude würden vorbereitet, sagte Schaefer. Der Bedarf sei weiter groß.