Ausstellung

Bilder einer Tragödie

Erster Weltkrieg: Im Deutschen Historischen Museum beginnt die einzige Überblicksausstellung über die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts

Wer in den Krieg geht, der braucht dafür gute Erklärungen. In einem Bilderbuch hatte Arpad Schmidhammer eine einprägsame Version für die Ursache des Ersten Weltkrieges erfunden. Demnach bestellen der deutsche Michel und der österreichische Seppl gemeinsam einen Blumengarten, und Friedfertigkeit und Harmonie könnten nicht größer sein, würde nicht der serbische Nachbarjunge Lausewitsch den armen Seppl ständig drangsalieren. Da musste der Michel dem Seppl doch helfen. Das macht man unter Freunden so.

Porträtmaler Friedrich August von Kaulbach rückte die Wehrhaftigkeit der Deutschen in den Vordergrund und malte eine grimmige, starke Germania. Mit wehenden blonden Haaren blickt sie, das Schwert in der einen Hand, das Schild in der andern, tatendurstig in die Weite. Diese Frau ist zu allem entschlossen. So entschlossen wie das ganze Land.

Oder man nutzt die „modernen Medien“, damit der Kriegswille nicht erlahmt: In mehreren Filmausschnitten, naturgemäß stark flackernd, werden Bilder von der Front gezeigt. Die Soldaten spielen Karten in den Gräben, teilen sich mit Neckereien das Brot, an einer Abgabestation wird reichlich Fleisch dargeboten. Schüsse fallen hier nicht, geschweige denn, dass in diesen Filmen Verletzte durch das Bild humpeln. Der Krieg wird dargestellt wie ein Auswärtsspiel, der Gegner ist schwer, aber machbar.

Das alles – und 500 weitere Exponate – ist ab dem morgigen Donnerstag im Deutschen Historischen Museum (DHM) zu begutachten. „1914–1918. Der Erste Weltkrieg“ heißt die Ausstellung. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird sie am Mittwoch eröffnen und mit „jungen Leuten“, wie das Kanzleramt mitteilt, über die Lehren aus diesem Weltkrieg sprechen. Der Titel der Schau in seiner allumfassenden Unbestimmtheit ist bewusst gewählt. Handelt es sich doch bei dieser Schau deutschlandweit um die einzige Überblicksausstellung über den Ersten Weltkrieg, der sich am 28. Juli zum hundertsten Mal jährt. Konzentrieren sich die anderen rund 80 Ausstellungen in Deutschland auf einzelne Themen oder Gebiete, geht man im DHM auf das große Ganze.

Unterschiedliche Schauplätze

Das Unterfangen leidet also nicht unter mangelndem Ehrgeiz, genauso wenig wie unter Informationsdefiziten. Der Audioguide bietet eine Version für einen 50-minütigen und eine für einen 100-minütigen Rundgang an. Der Ausstellungskatalog liefert einen herausragenden Überblick über das Gezeigte, berichtet er doch auf der einen Seite mit überschaubarer Textlänge über alle möglichen Exponate – Feldpostkarte, Aschenbecher aus Munitionsresten, Deutsches Taschen-Klosettpapier, italienisches Plakat für eine Kriegsanleihe – und auf der anderen Buchseite wird das Objekt dann gezeigt. Hier wird deutlich, wie allgegenwärtig der Erste Weltkrieg sich durch alle Schichten zog. Es ist eine kleinteilige Ausstellung geworden und die dargestellte Objekte sind häufig nicht selbsterklärend. Für einen ersten Überblick helfen die obligaten Tafeln, gegliedert ist die Ausstellung grob chronologisch und anhand von 14 Orten, die den Krieg veranschaulichen sollen: Dass Ypern, Verdun und Somme darunter sind, ist selbstverständlich. Dass auch Ostafrika und Polen dabei sind, aber nicht. Augenscheinlich ging es den Machern darum, den Weltkrieg aus möglichst vielen Perspektiven aufzuzeigen.

„Der Erste Weltkrieg wird gerade in Deutschland stark überlagert vom Gedenken an den Zweiten Weltkrieg, doch wirkt der Erste natürlich bis heute noch nach,“ sagt Alexander Koch, der Direktor des DHM. Sein Ziel ist, „die übergreifenden Zusammenhänge deutlich zu machen von dieser Gewalteskalation, die die halbe Welt in einen Krieg führte“. Einfach ist das nicht, wird dieser Krieg doch von Land zu Land anders beurteilt. Hierzulande dominierte jahrzehntelang die Auffassung des Hamburger Historikers Fritz Fischer, die der Hegemonialpolitik des Deutschen Kaiserreichs die Schuld und die Verantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges gab. Herfried Münkler, Professor an der Humboldt Universität Berlin, der Ende des vergangenen Jahres sein 900-Seiten-Buch „Der Große Krieg: Die Welt 1914 bis 1918“ veröffentlichte, sieht hingegen „das Problem von Fritz Fischers Kriegsschuldthese darin, dass Fischer Szenarien, die in militärischen Stäben ausgearbeitet wurden, als wirkliche politische Planung der Deutschen aufgefasst hat. Wenn man mit diesem Blick in die Archive gehen und sich Szenarien aus den 60ger- und 70ger-Jahren des vergangenen Jahrhunderts anschauen könnte,“ sagte er der „FAZ“, „würde man sich darüber wundern, warum damals nicht der Dritte Weltkrieg stattgefunden hat.“

Und auch der australische Historiker Christopher Clark, der mit „Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“ den – verdientermaßen – Bestseller zu dem historischen Ereignis schrieb, will sich bei der Schuldfrage nicht festlegen. Die Mächte in Europa – England, Frankreich, Deutschland, Russland – waren allesamt hegemonial ausgerichtet, während Österreich-Ungarn wie auch das Osmanische Reich versuchten, Gebiete und Einfluss zu bewahren. „Der Kriegsausbruch von 1914 ist kein Agatha-Christie-Thriller, an dessen Ende wir den Schuldigen im Konservatorium über einen Leichnam gebeugt auf frischer Tat ertappen“, schreibt Christopher Clarke. „In dieser Geschichte gibt es keine Tatwaffe als unwiderlegbaren Beweis, oder genauer: Es gibt sie in der Hand jedes einzelnen wichtigen Akteurs. So gesehen war der Kriegsausbruch eine Tragödie, kein Verbrechen.“

Christopher Clark zeigt sowohl auf, wie komplex diese multipolare Weltordnung war und auch wie unterschiedlich die Sichtweisen in den jeweiligen Machtzentren waren: Einen permanent schwelenden Konflikt zwischen den sogenannten Falken und Tauben gab es in jedem Land, da unterschieden sich Engländer, Franzosen und Deutsche nicht. Wer die gut 800 Seiten seines Buches gelesen hat, wird nie wieder glauben, dass dieser Krieg zwangsläufig war. Es gab für alle Mächte immer wieder Möglichkeiten einen anderen, einen friedlichen Weg zu wählen.

Abgekämpft und ohne Hoffnung

20 Millionen Menschen starben in diesem Krieg, 21 Millionen Menschen wurden verwundet, 65 Millionen Soldaten zogen in den Krieg. Zum ersten Mal gab es einen Luftkrieg, einen U-Boot-Krieg und einen Gaskrieg. Die Deutschen setzten 1915 erstmals bei dem Angriff auf Ypern Chlorgas ein, die Briten und die Franzosen zogen kurze Zeit später nach. Es ist ein Erstaunen über die Barbarei und Verwüstung, die der Historiker Gerd Krumreich in seinem Beitrag für den DHM-Band ausdrückt, wenn er schreibt, dass „zu Beginn des 20. Jahrhunderts wohl kaum jemand auf die Idee gekommen wäre, dass dieses so dynamische Europa, die Herrscherin der ganzen Welt, 20 Jahre später am Boden, zum Teil in Schutt und Asche liegen würde“. Wenn ein Bild das Leitmotiv zu dieser Ausstellung wäre, dann ist es die Fotografie einer jungen Belgierin, zentral und großflächig ausgestellt. Gewickelt in ein Tuch, lehnt die Flüchtlingsfrau sich an ihre Habseligkeiten, die auf einem Karren verstaut sind. Ihr Blick ist niedergeschlagen, abgekämpft und ohne Hoffnung.

Für Belgien endete der Krieg siegreich, doch das Land war nach der jahrelangen Besetzung der Deutschen und den Stellungskämpfen zwischen Entente und Mittelmächte zerstört. Für Deutschland endete der Krieg mit einer Niederlage, aber doch auch mit der – kurzzeitigen – Hoffnung auf Wandel. „Der Sieg der Revolution in Deutschland“, titelte die Berliner Morgenpost am Sonntag, den 10. November 1918. „Abdankung des Kaisers. Ebert Reichskanzler. Verkündung der sozialen Republik“, lautete die Unterzeile in der Zeitung, die auch ausgestellt ist.

Auf einem anderen Exponat ist ein Plakatentwurf gegen die Unterzeichnung des Versailler Vertrages ausgestellt. Er verdeutlicht, wie stark die Niederlage die Deutschen – die mehrheitlich gegen den Friedensvertrag war – radikalisiert hatte: Die Unterzeichner des Vertrages von deutscher Seite, Außenminister Hermann Müller und Verkehrsminister Johannes Bell, hängen an einer Wand, gehalten von einem Nagel, der durch ihre Hand gestoßen wurde. Es waren die Hände, die den „Schandfrieden“ unterschrieben waren. Der Zorn über die festgeschriebene Alleinschuld der Deutschen und ihrer Verbündeten verhinderte es, den eigenen Anteil an der Verantwortung zu erkennen und anzuerkennen.

Die Ausstellung endet mit einem maliziösen Fingerzeig, als wolle sie sagen: Wenn ihr denkt, dass das Gezeigte unvorstellbar in seiner Grausamkeit war, zeige ich euch zum Schluss ein Ölgemälde. Es ist von Elk Eber, der auch für nationalsozialistische Zeitungen wie den „Völkischen Beobachter“ und den „SA-Mann“ zeichnete. Er malte einen ernsten Soldaten mit breiten Schultern und einem leichten Bartschatten, „Die letzte Handgranate“ heißt das Bild aus dem Jahr 1936, eine Visualisierung der Dolchstoßlegende. Was die DHM-Macher dem Besucher auf dem Weg nach draußen mitgeben, ist klar: Vor dem Krieg ist nach dem Krieg.

„Die Gewalterfahrung mit 17 Millionen Toten hat Europa nicht davon abgehalten, 24 Jahre später in den nächsten Krieg zu ziehen“, sagt DHM-Chef Alexander Koch. Sein Verständnis von Geschichte hat sich für ihn durch diese Ausstellung ein wenig verändert: „Es macht einen vielleicht noch skeptischer, ob man aus der Geschichte lernen kann.“

1914–1918. Der Erste Weltkrieg, DHM, Unter den Linden 2. 29. Mai bis 30. November, täglich von 10 bis 18 Uhr , Tagesticket acht Euro, Eintritt bis 18 Jahre frei.