Ungenügend

Die vergessenen Helfer vom Hindukusch

Bundeswehr: Die Einheimischen, die den Deutschen in Afghanistan zur Seite standen, benötigen nun hier Hilfe. Sie fühlen sich alleingelassen

Der kleine Raum im Notaufnahmeheim Marienfelde birst vor Energie. Vier junge, afghanische Männer stehen um den Tisch der Sozialarbeiterin Durna Amirmontaghemi herum, die sich schlicht Frau Amir nennt. „Sie haben schon gewartet“, sagt sie. Nach einer Vorstellungsrunde bringt Ahmad, mit 22 Jahren der jüngste der vier, das Problem auf den Punkt: „Wir glauben nicht, dass unsere ehemaligen Kameraden der Bundeswehr wissen, dass wir hier in einem Asylheim sind“, sagt er auf Englisch. „Wir fühlen uns alleingelassen und hoffen, dass wir endlich gehört werden. Schließlich haben wir zusammen mit den deutschen Soldaten unser Leben riskiert.“

Ahmad kommt aus Masar-i-Scharif, er ist wortgewandt, mit einem Hang zu bildreichen Vergleichen. Er ist gebildet, denkt schnell und konkret. Und er ist offen. Eigenschaften, die ihn für den Job bei der Bundeswehr qualifizierten. Ahmad hat drei Jahre lang für deutsche Soldaten und Generäle in Afghanistan gedolmetscht. Weil er deshalb bei den Taliban als Verräter gilt, ist sein Leben in Gefahr. So bekam er eine Aufenthaltszusage für Deutschland. Mitte April reiste Ahmad von Masar-i-Scharif nach Berlin. Im Gepäck hatte er ein dreimonatiges Visum, die sogenannte Aufenthaltszusage, ein Buch über Deutschland, eine Abfindung von einigen Hundert Euro und einen Kontakt: die Leiterin des Asylbewerberheims in Marienfelde, Uta Sternal.

Fünf der insgesamt 128 nach Deutschland eingereisten ehemaligen Ortskräfte sind in Berlin, dazu kommen zwei Familienangehörige. Alle sind in Marienfelde untergebracht. „Ist es okay“, fragt Frau Amir, „wenn ich euch alleine lasse“? Sie muss die Teamsitzung vorbereiten. „Klar“, sagt Samir. „Aber wo können wir in Ruhe reden?“ Samir ist der Mann, der nicht auf dem Foto erscheinen will. Auch seinen richtigen Vornamen will er nicht in der Presse lesen. Samir bekam von der Bundeswehr attestiert, dass er „akut gefährdet“ ist. Das ist die erste der insgesamt drei Gefährdungsgruppen. Gruppe eins und zwei bekommen eine Aufenthaltszusage, mit der sie ein Visum beantragen können. Während Frau Amir versucht, einen freien Raum für uns zu organisieren, erzählt Samir seine Geschichte.

Die Familien sind bedroht

Sein Englisch klingt amerikanisch. Er schiebt die Sonnenbrille ins kurzgeschnittene Haar, wirkt welterfahren, stark und zugleich empfindlich. Sieben Jahre lang hat er für die Bundeswehr in Afghanistan gedolmetscht. Seit 2008 werden er und seine Familie bedroht. Bedrohung funktioniert in Afghanistan so: Ein Unbekannter erklärt einem Bruder oder dem Vater, dass man wisse, dass der Bruder oder Sohn für die Deutschen arbeite. Und dass, wenn man diesen Helfer nicht bekomme, eben die Familie büßen ließe. Es gibt Schmierereien am Familienhaus, eingeworfene Scheiben, vermummte Motorradfahrer, die mit Knüppeln oder gar Kalaschnikows rumfuchteln oder schießen. Das alles ist im Fall von Samir protokolliert. 2008 versetzte die Bundeswehr ihn deshalb samt Familie von Kundus nach Masar-i-Scharif. Auch dort dauerte es nicht lange, bis bekannt wurde, wo Samirs Familie lebt. „Wenn sie ihrer nicht habhaft werden, versuchen sie an die Angehörigen zu kommen“, sagt Samirs Anwältin Julia Kraft. Sie bemüht sich darum, Samirs Familie aus dem Land zu holen.

Frau Amir steht auf, holt einen Schlüssel. Wir können den großen Versammlungsraum nutzen. „Marschbereit?“, fragt Ahmad. „Marschbereit“ wiederholt Samir. An einer afrikanischen Putzfrau vorbei geht es den engen Hausflur hinunter. Eilig laufen wir durch das Lager, das 1952 für DDR-Flüchtlinge errichtet wurde, damals allerdings mit Kantine und vielen Aufenthaltsräumen. Wir schreiten nach links, rechts, über eine Wiese, an einem Sportplatz vorbei, über Wege, die wie richtige Straßen Namen tragen. Hochgewachsene Bäume beschatten die dreistöckigen Häuserblöcke mit ihren altrosafarbenen Fassaden. Im Lager herrscht verhaltene Betriebsamkeit. Aus einem Fenster schallt Musik, aus anderen Stimmengewirr.

Samir, der ständig auf sein Handy schaut, sagt plötzlich: „Weißt du, ich war so stolz darauf, für die Bundeswehr zu arbeiten. Zu helfen, dass es in meinem Land sicherer wird, dass wir frei sein können, dass Demokratie kommt. Und jetzt? – Nichts ist geschafft. Es ist alles eine große Scheiße“. Im holzgetäfelten Versammlungsraum sind dunkelbraune Tische zu einem riesigen Quadrat gestellt, wir besetzen eine Ecke. Frau Amir bringt süßen Tee in Thermoskannen. Ahmad, der geborene Vermittler, übernimmt das Wort. „Wir haben alle das gleiche Problem. Wir fühlen uns schuldig, weil unsere Familien Probleme bekommen, weil wir für die Bundeswehr arbeiteten. Und dann ist es die Situation hier.“ Alles dauere ewig. Bis die Aufenthaltsgenehmigung da sei, bis das erste Arbeitslosengeld komme, „bis wir einen Deutschkurs machen können“.

Auch andere haben erkannt, dass bei der Aufnahme der ehemaligen Bundeswehr-Helfer einiges im Argen liegt. So forderte die Grünen-Bundestagsabgeordnete Luise Amtsberg die Bundesregierung auf, „gravierende Mängel bei der Aufnahme und Betreuung von gefährdeten Ortskräften in Deutschland nachzubessern. Auch die Bundeswehr könnte als ehemaliger Arbeitgeber, dank ihrer sozialen Infrastruktur, die Betreuung der Ortskräfte unterstützen.“ Zudem kümmere sich Deutschland nur um einen Teil der in Afghanistan bleibenden einheimischen Helfer der Bundeswehr. Im Fortschrittsbericht Afghanistan hatte die Bundesregierung im Januar zwar mit Blick auf den laufenden Truppenabzug angegeben, sie unterstütze „die Weiterbildung und Vermittlung all jener Ortskräfte, deren Beschäftigung endet und die in Afghanistan bleiben wollen“. Aus der Antwort des Auswärtigen Amts auf eine Grünen-Anfrage geht jedoch hervor, dass das nur für jene gilt, die am Stichtag 23. Mai 2013 noch für die Deutschen tätig waren. Wegen des bevorstehenden Abzugs seien zahlreiche Ortskräfte aber schon zuvor entlassen worden, schreibt das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. „Die Afghanen sind komplett sich selbst überlassen – von Fürsorgepflicht der Bundesregierung keine Spur“, kritisiert Amtsberg.

Amtsberg hat um einen baldigen Ortstermin in Marienfelde gebeten. Abdul, 26, der um den Hals ein Tuch in den Farben der afghanischen Flagge trägt, schenkt hier gerade Tee ein. „Wir brauchen in der ersten Zeit viel Fahrgeld, weil es so lange dauert bis wir den Berlin-Pass bekommen. Feroz zum Beispiel“, er zeigt auf den vierten Mann, „ist einen Monat hier und hat noch kein Geld bekommen. Im Moment hat er keinen Cent mehr.“ Abdul arbeitete als Dolmetscher im Einsatzgebiet Kundus, sieben Jahre lang, er ist verheiratet und kam mit Frau und kleinem Kind nach Berlin. Er übersetzt für Feroz Khan, der kein Englisch kann.

Der 23-jährige Feroz arbeitete als Wachmann in einer Kaserne in Kundus. Wie alle Ortskräfte stand er am Außenbereich, dort, wo es Berührung mit den Einheimischen gibt und am gefährlichsten ist. Um als Wachmann engagiert zu werden, brauchte man einen einwandfreien Leumund, aber kein Englisch, geschweige denn Deutsch. Feroz spricht Dari und Pashtu, aber keine europäische Sprache. Ausgerechnet seine Ankunft vergaß man in Berlin anzumelden. Feroz Khan wurde nicht am Flughafen abgeholt. Zum Glück hatte er in seinem Buch über Deutschland, das er bei sich trägt, Taxis gesehen. Er hielt dem Fahrer, die E-Mail, die ihn die deutsche Botschaft in Kabul geschickt hatte, hin. Es war dieselbe die Samir, Ahmad und Abdul erhalten hatten, mit einer Wegbeschreibung, die auf Deutsch ist. Wäre sie in einer der Landessprachen Afghanistans geschrieben gewesen, hätte Feroz sich das Taxigeld gern gespart.

Im goldenen Käfig

„Schau mal.“ Samir hält sein Handy hin. Das eine Bild zeigt Männer in khakifarbenen Tarnflecken-Uniformen, mit kugelsicheren Westen, kokett lächelnde Typen unter grauen Helmen. Samir muss zoomen und mit dem Finger auf einen zeigen, ehe man erkennen kann, welcher der netten Jungs er nun eigentlich ist. Zu sehr ähneln sich Männer, die im Krieg auf ein- und derselben Seite stehen.

Feroz Khan hat Hunger. Seit dem Frühstück hat er nichts mehr gegessen. Und das Frühstück war mager genug. Es gibt im Lager keine Kantine oder andere Verpflegung. Essen ist bei den Alleinstehenden ein großes Problem. Der Weg zum Stammlokal führt 500 Meter an der Marienfelder Allee entlang, in eine Berliner Spelunke. Im „Döner Kebab“ ist das Licht gedimmt, Spielautomaten düdeln, am Tresen sitzen drei rauchende Männer, schweigend vor einem Bier. Wir gehen in die hinterste Ecke, wo ein Holzpanel uns vor Blicken schützt.

Zwischen Cappuccino und Döner-Kebab erzählt Ahmad eine Geschichte. Und die geht so: Da ist ein Vogel, der von der trockenen Steppe ins Salzland will, dazu muss er über den Hindukusch. Nach der Wüste kommt er in Pistazienwälder, weiter oben gibt es Wacholderbüsche. Aber wenn es im Sommer sehr heiß und trocken ist, dann vertrocknen alle Früchte, und im Winter ist es im Hochland eisig kalt, denkt sich ein Hirte und steckt den Vogel in einen Käfig. Er füttert ihn, gibt ihm Wasser, stellt ihn, wenn es kalt oder zu heiß ist, ins Haus. Kurz, dem Vogel fehlt es an nichts. Auch kann ihm jetzt niemand mehr etwas anhaben. Kein Fuchs, kein Leopard und auch nicht die Wildkatzen können den kleinen Vogel fressen. Er ist der Vogel im goldenen Käfig. „Und genauso fühlen wir uns“, schließt Ahmad seinen Vergleich. „Natürlich sind wir froh in dieser schönen Stadt zu sein, mit den hohen Häusern und den U- und S-Bahnen. Wir haben zu essen, haben ein Bett und sind sicher. Aber ehrlich“, er holt Luft, nimmt einen Schluck Cappuccino, „kein Afghane würde freiwillig seine Heimat verlassen. Wir lieben unser Land.“

Es ist Nachmittag geworden, da kommt plötzlich die Sonne raus. „Möchtest du noch einen afghanischen Tee mit uns trinken?“, lässt Feroz Khan Abdul übersetzen. Wenig später trägt Abdul einen Teppich auf der Schulter. „Sonne oder Schatten?“ Wir entscheiden uns für den Halbschatten auf dem Beton vor dem Versammlungshaus. Abdul rollt den Teppich aus, Samir zieht die Schuhe aus, setzt sich im Schneidersitz nieder, und schon ist er wieder am Handy. Feroz und Ahmad verschwinden, Abdul erzählt, wie er den Teppich auf dem türkischen Markt kaufte, und dass es für ihn einfacher ist. Weil er mit seiner Frau da ist, sie kann wenigstens kochen, und das Kind, das gibt Hoffnung. Bald beginnt der Deutschkurs, den Lutz Bucklitsch, der ehrenamtliche Helfer vom Verein Iranischer Flüchtlinge, organisiert hat. Für Feroz wird es am schwierigsten, aber sie werden ihm helfen. Dann bringt Feroz eine Schüssel mit Obst, eine andere mit Nüssen und Schokoladenkugeln. Ahmad kommt mit Tee. Während Feroz Äpfel und Birnen schält, viertelt und verteilt, sagt er etwas im melodischen Dari. „Seine dringende Bitte ist“, dolmetscht Abdul, „dass er ein Einzelzimmer bekommt. Damit wäre ihm schon sehr geholfen.“ Feroz und auch Ahmad müssen sich ein Zimmer mit einem anderen Heimbewohner teilen. „Das ist eine Katastrophe“, sagt Ahmad. „Wir sind aus Afghanistan nicht gewöhnt, mit Fremden zu wohnen. Und überhaupt: Wir sind nicht illegal hier. Wir waren Mitarbeiter der Bundeswehr und wir möchten unsere ehemaligen Kameraden bitten, uns beizustehen. Schließlich haben wir gemeinsam unseren Kopf hingehalten.“

Oberstleutnant André Wüstner, Vorsitzender des BundeswehrVerbandes, bedauert „die unerfreuliche Situation. Ich gehe davon aus, dass Innenminister Thomas de Maizière, der ja zuvor Verteidigungsminister war, sich seiner Verantwortung bewusst ist und zügig handelt.“