Berliner Spaziergang

Der Herr der Strafakten

In der Kantine der Berliner Wasserbetriebe kommt es zu einer überraschenden Situation. Ob er auch einen Kaffee möchte, frage ich meinen Gast. Er überlegt kurz, lächelt und schüttelt den Kopf. Einen Kaffee möchte er schon, will ihn aber selber bezahlen. „Bitte haben Sie Verständnis, aber das ist ja letztlich doch so eine Art geschäftliches Treffen“, wendet er ein. „Und ich kann ja wohl schlecht von meinen Mitarbeiten verlangen, konsequent zu sein, und jetzt selber dagegen verstoßen.“ Es geht um 40 Cent. Die Frau hinterm Tresen hört ungläubig zu. Sie kann ja auch nicht ahnen, dass der große schlanke Mann neben mir Ralf Rother ist – Generalstaatsanwalt von Berlin, mächtigster Mann der Anklagebehörden, Herr der Strafermittlungen. Ein Mann, der korrekt ist bis in die Knochen, so zumindest wird der 62-jährige Jurist von Mitarbeitern beschrieben.

Die Kantine war der Ort für die erste Rast. Unser Spaziergang begann am Berliner Landgericht an der Littenstraße in Mitte. Rother kam zehn Minuten früher als verabredet; stand, den Mantel über den Arm gelegt, unauffällig neben dem Eingang. Der Morgen dieses Maitages war sonniger als von den Meteorologen vorausgesagt. Was unser Fotograf Amin Akhtar zunächst zufrieden zur Kenntnis nahm. Diese Freude über das sonnige Wetter hielt jedoch nicht lange bei ihm an. Aber dazu später.

Ich war zunächst verwundert, dass Rother ausgerechnet das Gerichtsgebäude in der Littenstraße als Ausgangspunkt wählte. Hier sitzen nur Kammern des Landgerichts für sogenannte Zivilsachen und das Amtsgericht Mitte. Und Rother wiederum passt als Staatsanwalt eher zum Kriminalgericht Moabit. Aber auch in der Littenstraße wurden mal Strafsachen verhandelt, erfahre ich von Rother. Vor dem Fall der Mauer waren hier das Stadtgericht Berlin, die Generalstaatsanwaltschaft von Ostberlin und ein Teil der Militärstaatsanwaltschaft der DDR untergebracht.

Und genau hier kommt auch der Werdegang des heutigen Generalstaatsanwaltes ins Spiel. Rother war zu Zeiten der Wiedervereinigung gerade Oberstaatsanwalt bei der Staatsanwaltschaft des Landgerichts in Moabit geworden. Dieser Job verlief aber nur wenige Wochen in normalen Bahnen. So lange, bis ihn die damalige Justizsenatorin Jutta Limbach beauftragte, die Ost- und Westberliner Staatsanwaltschaften zusammenzuführen. „Wir hatten mit dem 3. Oktober von der Bevölkerungszahl praktisch eine Stadt wie München übernommen“, erinnert sich Rother, „aber eben ohne die Ostberliner Richter und Staatsanwälte, die waren alle in der Warteschleife. Da ist die Justiz fast ist in die Knie gegangen. Es war eine wirklich dramatische Situation.“ In einer „Hauruckaktion“ seien damals an die 100 junge Staatsanwälte eingestellt worden, die natürlich erst einmal eingearbeitet werden mussten. Von den mehr als 100 DDR-Staatsanwälten blieben nur acht übrig. Die anderen, stellte sich bei Überprüfungen heraus, waren an Unrechtsurteilen beteiligt. Als Beispiel nennt Rother die Strafverfahren gegen die sogenannten „Fähnchenfahrer“: DDR-Bürger, deren Ausreiseanträge abgelehnt wurden, und die sich anschließend zu erkennen gaben, indem sie weiße Stoffstreifen an die Autoantenne banden. „Die wurden tatsächlich angeklagt und verurteilt“, sagt Rother. „Oft sind Normen herangezogen worden, die auch nach DDR-Strafrecht keine juristische Grundlage bildeten.“

Aufgewachsen in Neukölln

Es war Neuland für Rother – aber was in den Jahren zuvor auf der anderen Seite der Mauer geschah, war dennoch nicht zwingend neu für ihn. Rother ist Ur-Berliner. Aufgewachsen in der Framstraße in Neukölln. Er weiß noch, wie er als Zehnjähriger den Bau der Berliner Mauer erlebte: „Ich stand an der Lohmühlenbrücke und war fasziniert, dass da amerikanische Panzer standen und mit den Rohren rüberzeigten. Genau da, wo wir immer rübergegangen sind, zur Harzer Straße. Aber plötzlich war da alles zu.“ Plötzlich konnte er auch nicht mehr zum Opa fahren, der in Köpenick am Müggelsee wohnte. „Ich habe das alles ganz bewusst erlebt“, sagt Rother. Auch später, als die Einreisebestimmungen gelockert wurden und er den dortigen Teil der Familie wieder besuchen durften. Und Ost-Berlin war auch sonst quasi immer in Sichtweite. „Die Stadt, der Bau und der Abriss der Mauer“, sagt er, „das ist eine Entwicklung, die parallel zu meinem Leben lief.“

Auch mit den Eltern wurde viel darüber gesprochen. Rothers Vater war ein kleiner Angestellter bei der Bewag, seine Mutter Sachbearbeiterin beim katholischen Wirtschaftsbund. „Die haben sich krumm gelegt, damit ihre Söhne studieren können“, sagt Rother. Sein zwei Jahre älterer Bruder machte das Examen für Betriebswirtschaft und gründete eine eigene Firma. Rother zog es mehr zur juristischen Fakultät der Freien Universität. Beide Brüder mussten sich während des Studiums noch Geld dazuverdienen. Rother erinnert sich „an einen Knochenjob bei dem Getränkehersteller Canada Dry an der Grenzallee“. Da arbeitete er am Fließband für etwa 2,75 DM pro Stunde. Hergestellt wurde ein Getränk namens „Floridaboy“, ein Gemisch aus Zuckerwasser und Orangensaft, ohne Kohlensäure. Rother musste die beim Konservieren stark erhitzten Flaschen vom Band nehmen und verpacken. Manchmal gingen Flaschen kaputt oder waren nicht richtig verschlossen. Der heiße Saft spritzte durch die Gegend. Nach der Arbeit klebte manchmal der ganze Körper. So wie Rother es beschreibt, muss er „Floridaboy“ nicht besonders gemocht haben. Aber ohne diese Jobs wäre das Studium trotz der Hilfe der Eltern „nicht zu stemmen“ gewesen. Warum dann ausgerechnet ein besonders langwieriges Jurastudium, frage ich. „Ich wollte das schon relativ früh“, antwortet er. „Da gab es bei mir so eine laienhafte Vorstellung und Idee von Gerechtigkeit.“

Fotograf Akhtar hat inzwischen einen Platz für das Porträt gefunden. Doch es gibt ein Problem. Generalstaatsanwalt Rother hat eine Brille, die sich bei Sonnenlicht automatisch abdunkelt. Die Sonne scheint jetzt sehr kräftig. Und Rothers Brillengläser sind jetzt sehr dunkel. Aber er möchte die Brille dennoch nicht absetzen. „Sie gehört zu mir, ich kann mir ein Foto von meinem Gesicht ohne Brille gar nicht vorstellen“, sagt er freundlich. „Sorry, aber Sie sehen damit aus wie ein Geheimdienstmann“, wende ich ein. Wir lachen. Rother auch. Aber die Brille nimmt er trotzdem nicht ab. Akhtar ist etwas diplomatischer und erklärt, dass die Augen das Wichtigste seien auf einem Porträt. Und ohne Augen sei da nichts zu machen. Das zieht. Schon aus Kollegialität. Rother, erfahre ich später, hat schon als Student gern und viel fotografiert und seine Fotos sogar selbst in der abgedunkelten Küche eines Freundes entwickelt. Er nimmt jetzt also doch die Brille ab und lässt sich von Akhtar ablichten. Aber er wirkt dabei nicht sehr zufrieden.

In der Regel gelingen hohe Beamtenkarrieren wie die von Rother mithilfe des Tickets einer Partei. Rother, auch das scheint typisch für ihn, hätte so einen Weg wohl nie beschritten. „Ich bin parteilos aus Prinzip, das halte ich für zwingend notwendig, gerade für den Beruf des Staatsanwaltes“, sagt er. „Der Grundsatz der Objektivität der Staatsanwälte, der ist für mich essenziell.“ Ansonsten könne es doch sofort Probleme geben, wenn – um nur ein Beispiel zu nennen – „Politiker der eigenen Partei Haushaltsuntreue begangen haben“. Und wie hat er es mit dieser Einstellung trotzdem bis zum Generalstaatsanwalt schaffen können, frage ich provokant. Auch noch als originales Berliner Gewächs, obwohl derartige Posten doch sehr gern von genehm erscheinenden Persönlichkeiten besetzt werden, die aus anderen Bundesländern kommen. Rother zögert kurz. Die Frage ist ihm sichtlich unangenehm, weil er sich jetzt selber loben müsste. „Mit manchmal günstigen Umständen und wohl auch ein wenig Glück“, sagt er. Und dann fügt er leise hinzu: „Aber auch mit eigener Leistung.“

Glücklichen Umständen geschuldet war es auf jeden Fall, dass er als frisch eingestellter Staatsanwalt – „ich war einer der Jüngsten in der Behörde“ – sofort in die „Abteilung für Tötungsdelikte“ kam. Und dass er schon als Assessor – also in seiner dreijährigen Probezeit – in Schwurgerichtsverhandlungen auftreten durfte. Andere Staatsanwälte mussten sich für eine Stelle in dieser Abteilung oft jahrelang hocharbeiten. Dabei war Rother keineswegs ein Vorzeigeabsolvent mit Prädikatsabschlüssen: „Ich war nie der absolute Filigranjurist, der in den Wissenschaftsturm gehört“, sagt er. „Ich würde mich eher als pragmatisch beschreiben, mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen.“ Er halte den leider oft praktizierten Notenfetischismus auch heute noch für falsch. „Noten sind für mich eine widerlegbare Vermutung. Man muss den Menschen dahinter sehen.“

Wechsel ins Schwurgericht

Mit Glück hatte es jedoch wenig zu tun, dass der Staatsanwalt Rother in das Blickfeld des Schwurgerichtsvorsitzenden Hans Heinze geriet. Ein Richter, der über West-Berlins Grenzen hinaus bei Kollegen hohes Ansehen genoss und in überregionalen Medien als besonnener, fairer und weiser Jurist gerühmt wurde. Heinze beobachtete den jungen Anklagevertreter Rother und fand offenbar Gefallen an dessen sachlicher, kompetenter, unaufgeregter Arbeitsweise. „Ich habe immer versucht, in den Prozessen klar Position zu beziehen“, sagt Rother. Er halte bis heute wenig davon, mit den anderen Prozessbeteiligten zu taktieren, damit alles reibungslos verlaufe. „So in der Art: Ich beantrage sechs Jahre, die Verteidigung vier, das Urteil lautet dann fünf – und alle sind zufrieden.“ Nein, das sei nicht sein Stil. „Wir müssen uns als Staatsanwälte selber prüfen und hinterfragen“, fordert Rother, „und wir müssen uns durch die Gerichte prüfen lassen, aber wir müssen eben auch die Gerichte prüfen.“

1985 sprach ihn Heinze an, ob er nicht als Richter in seine Schwurgerichtskammer wechseln wolle. Und Rother sagte zu. „Ich war gern Staatsanwalt, aber diese andere Perspektive hat mich gereizt.“ Natürlich sei es auch eine Ehre gewesen, von Heinze geholt zu werden. Es gab eine Reihe spannender Verfahren, mit denen Rother erst als Staatsanwalt und später als Richter in Berührung kam. So auch der Prozess gegen einen 60-Jährigen, Sohn eines reichen Juwelier-Ehepaares, der unbedingt erben und den Tod der hochbetagten Eltern nicht mehr abwarten wollte. Rother wird nie vergessen, wie die alten Leute in ihrem Haus im Hansaviertel aufgefunden wurden: „Sie saßen nebeneinander in Sesseln. Beiden war von oben in den Kopf geschossen worden, mit zwei Waffen, gleichzeitig.“ Der Täter bekam vom Schwurgericht die heute ungewöhnliche Strafe von zweimal Lebenslänglich. Der Bundesgerichtshof änderte das in einmal lebenslänglich. Mit der skurril anmutenden Begründung, dass der Angeklagte seine Eltern im selben Augenblick habe töten wollen. Ergo gab es auch nur einen Entschluss und eine Tat.

Herausragend war sicher auch das Verfahren gegen einen Mann, der im Februar 1988 in der Neuköllner Silbersteinstraße eine 21-jährige Frau aus deren Wohnung entführte, sie in eine Laubenkolonie schleppte, vergewaltigte und tötete. Gefunden wurde der Täter, weil er mit der Scheckkarte des Opfers Geld abhob und dabei in der Bank fotografiert wurde. Ein weiteres Indiz war der sogenannte genetische Fingerabdruck, der an einem Klebeband gefunden wurde, mit dem der Täter die Frau fesselte. „Das war ein Novum“, erinnert sich Rother. „Erstmals wurde in Deutschland der genetische Fingerabdruck genutzt, um einen Täter zu überführen. Die Berliner Justiz musste sich damals noch Hilfe aus England holen. Bei dem Wissenschaftler Alec Jeffreys, der 1984 den genetischen Fingerabdruck entdeckte – und der nun ein Gutachten für das Schwurgerichtsverfahren schrieb. Wie neu die Verwendung der DNA als Beweismittel war, zeigte damals auch die Reaktion des Verteidigers Hans-Christian Ströbele. Er wehrte sich vehement gegen das neue Verfahren, wertete es als einen Eingriff in das Persönlichkeitsrecht seines geständigen Mandanten. Allerdings vergeblich. „Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. DNA-Spuren sind inzwischen ein klassisches Beweismittel“, sagt Rother.

Unser Spaziergang endet – gegenüber dem Landgericht – an der Gaststätte „Zur letzten Instanz“. Rother ist jetzt 62, wird in gut zwei Jahren – ob er will oder nicht – in Pension gehen müssen. Er weiß noch nicht, was dann folgt. Dafür aber, was nicht folgen wird: „Ich werde mich auf keinen Fall als Rechtsanwalt niederlassen und auf meinen Titel Generalstaatsanwalt a.D. als Werbung setzen.“ Vielleicht werde er sich mehr Zeit nehmen zum Lesen. Auch Krimis. Vor allem die des sizilianischen Autors Andrea Camilleri, der seinen Commissario Montalbano mit viel Charme knifflige Fälle lösen lässt. „Das ist toll geschrieben“, sagt Rother. Die skandinavischen Krimis seien ihm zu düster. „Davon habe ich genug im realen beruflichen Leben gehabt.“

Auch Krimis im Fernsehen sieht er eher mit Distanz. „Da gibt es doch immer wieder diese Staatsanwälte, die in Villen leben, mehrere Sekretärinnen haben und die engagierten Kommissare bei den Ermittlungen stören.“ Seine Frau schaue sich die Krimis auch lieber allein an, „weil ich mir dann und wann Bemerkungen einfach nicht verkneifen kann.“