Stadtplanung

Ein Feld teilt die Stadt

Volksentscheid: Der Senat plant Wohnungen, Gewerbe und eine Landesbibliothek in Tempelhof. Die Gegner fordern eine freie Fläche

In der kommenden Woche stimmen rund 2,5 Millionen wahlberechtigte Berliner parallel zur Europa-Wahl über die Zukunft des Tempelhofer Feldes ab. Dabei stehen zwei Gesetzesentwürfe zur Abstimmung. Während die Initiative „100 % Tempelhofer Feld“ sich gegen jegliche Veränderung wehrt, unterstützt der konkurrierende Entwurf des Berliner Abgeordnetenhauses die Bebauungspläne des Senats. Die Berliner Morgenpost erklärt, welche Pläne der Berliner Senat für das ehemalige Flughafenareal hat – und was Kritiker dazu meinen.

1. Quartier Tempelhofer Damm

Plan des Senats: Direkt angrenzend an den Tempelhofer Damm ist ein Stadtquartier mit einem Wohnanteil von rund 30 Prozent vorgesehen. Auf der Seite der Parklandschaft dominieren Wohngebäude. Im Umfeld der Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) sollen Unternehmen und Institutionen mit Bezug zur Bibliothek angesiedelt werden. Am Tempelhofer Damm sollen Büro- und Dienstleistungen dominieren. Bis zu 1700 Wohnungen sollen entstehen. Mindestens die Hälfte der Wohneinheiten, so hat es Senator Michael Müller (SPD) mit den landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften Degewo, Stadt und Land sowie mit der Wohnungsbaugenossenschaft Ideal vereinbart, sollen zu Mieten von sechs bis acht Euro pro Quadratmeter vergeben werden. Im Regelfall sind Gebäudehöhen von 22 Meter – die übliche Berliner Traufhöhe – vorgesehen. Im Norden, gegenüber dem Flughafengebäude, und im Süden am Tempelhofer Damm soll eine bis zu zehngeschossige Bebauung mit einer Höhe von rund 33 Metern möglich sein. Baubeginn soll 2016 sein.

Kritik: Von allen Quartieren ist das am Tempelhofer Damm in den Planungen am weitesten fortgeschritten – und am wenigsten umstritten. Das liegt vor allem auch daran, dass der erste Gebäuderiegel direkt am Tempelhofer Damm noch außerhalb des eigentlichen Flughafenareals liegt. Zudem sehen auch Naturschützer keine Probleme, weil schützenswerte Fauna und Flora nicht betroffen ist. Dennoch gibt es Einwände. Diese betreffen vor allem den hohen Gewerbeanteil im Verhältnis zur Wohnbebauung und den zu erwartenden zusätzlichen Verkehr auf dem ohnehin bereits stark belasteten Tempelhofer Damm. Und Unterstützer der Idee, auf dem Flughafenareal ein Luftfahrtmuseum unterzubringen, bemängeln, dass zumindest die südliche Start- und Landebahn hindernisfrei bleiben sollte, damit flugfähige Ausstellungsstücke noch landen können.

2. Zentral- und Landesbibliothek (ZLB)

Plan des Senats: Seit 2008 gibt es Planungen, die zurzeit über drei Standorte verteilte ZLB nutzerfreundlich und den wachsenden Besucherzahlen angemessen, an einem zentral gelegenen Neubau zu vereinen. Im Oktober 2011 hat die rot-schwarze Regierungskoalition den Neubau am Rand des Tempelhofer Felds beschlossen. Die Kosten sollen 270 Millionen Euro betragen. Der Architekturwettbewerb brachte zwei Gewinner hervor. Die Kohlmayer Oberst Architekten aus Stuttgart überzeugten mit einem Bau, der an ein schwebendes Schiff erinnert; die Miebach Oberholzer Architekten aus Zürich mit einem hochragenden, kantigen Glaskasten. Der Baubeginn ist für 2016 vorgesehen.

Kritik: Dieses Bauvorhaben ist umstritten. Zuletzt bemängelte der Landesrechnungshof, dass es bislang keinen Nachweis dafür gebe, ob der Bau tatsächlich wirtschaftlich sei. Daraufhin ging auch die CDU auf Distanz zu ihrem Koalitionspartner SPD. Zudem gibt es Zweifel, ob ein Gebäude in den geplanten Dimensionen für die veranschlagten 270 Millionen Euro überhaupt zu haben ist. Ebenso fehlt der Nachweis des Senats, dass die ZLB nicht wirtschaftlich in den leerstehenden Gebäudeteilen des alten Flughafengebäudes unterzubringen ist.

3. Quartier Südring

Plan des Senats: Das Quartier Südring liegt unmittelbar an der Stadtautobahn A100 und der Ringbahntrasse der S-Bahn. Laut Masterplan des Senats ist dort die Bebauung mit einer Geschossfläche von etwa 370.000 Quadratmetern vorgesehen, davon rund 110.000 Quadratmeter für etwa 1200 Wohnungen. Damit der Verkehr nicht über den Tempelhofer Damm rollen muss, soll zur Oberlandstraße eine neue Bücke gebaut werden. Das Quartier am Südring soll dreigeteilt genutzt werden. Unmittelbar angrenzend an den S-Bahnring sind Gewerbegebiete mit ein- bis fünfgeschossigen Gebäuden vorgesehen. Auf der Parkseite ist eine bis zu siebengeschossige Wohnbebauung geplant. Im Westen des Gebiets ist eine Fläche für Technologie- und Bildungsnutzung vorgesehen, die eine Höhe von bis zu zehn Vollgeschossen haben kann. Im Osten soll ein neuer S-Bahnhof entstehen. Eine Fläche ist für einen Busbahnhof reserviert.

Kritik: Das lang gestreckte Quartier wird insgesamt nur durch vier grüne Straßen gegliedert. Zu wenig, um von der Autobahn und S-Bahn aus das Feld und das Panorama der Berliner Innenstadt zu genießen. Auch der Busbahnhof ist nach Ansicht der Kritiker falsch platziert. Wenn überhaupt ein Busbahnhof am Rande des Tempelhofer Feldes entstehen müsse, dann dort, so schlägt es die Baukammer Berlin vor, wo der Senat die Landesbibliothek plane – in der Nähe von U- und S-Bahn und der Autobahnauffahrt. Der Bund Deutscher Architekten beklagt zudem, dass auf den aus wenigen Blöcken bestehenden, schmalen Baufeldern keine lebendigen Wohnquartiere entstehen können.

4. Quartier Oderstraße

Plan des Senats: Für das Quartier an der Oderstraße ist überwiegend Wohnnutzung vorgesehen. In den vier- bis sechsgeschossigen Häusern sollen vereinzelt gewerbliche Einrichtungen wie kleinteiliger Handel oder Räume für freie Berufe entstehen. Überwiegend oder ausschließlich gewerblich genutzte Gebäude (Gastronomie, Büro, Dienstleistungen) sind nur auf zwei Baufeldern am Ende der nördlichen Landebahn und auf einem Baufeld an der südlichen Landebahn möglich. Insgesamt sollen rund 1660 Wohnungen entstehen. Zudem soll der Werner-Seelenbinder-Sportpark erweitert werden. Es sollen zusätzliche Sportflächen im Format von fünf Großspielfeldern entstehen. An der Oderstraße ist zudem eine neue, dreizügige Grundschule vorgesehen.

Kritik: Von den geplanten Quartieren steht das östlichste am meisten in der Kritik. Auf dem Areal, auf dem gebaut werden soll, befinden sich die Bereiche des Tempelhofer Feldes, die die Besucher derzeit am intensivsten nutzen: Grillwiese, Liegewiese und die Pioniergärten. Zudem liegt das Tempelhofer Feld an der Oderstraße gut zwei Meter unterhalb des Straßenniveaus. Die Nutzer des Feldes befürchten, dass Grillpartys und Spontankonzerte nicht mehr möglich sein werden, wenn Mieter in den neuen Häusern sich über Lärm und Grillschwaden beschweren. Auch die Bebauung sei viel zu massiv, bemängeln Kritiker.

5. Quartier Columbiadamm

Plan des Senats: Für das Quartier am Columbiadamm werden im Masterplan keine differenzierten Aussagen getroffen, weil hier voraussichtlich erst nach 2025 gebaut werden wird. Im Masterplan wird es daher lediglich als Fläche dargestellt, auf der etwas gebaut werden könnte.

Kritik: In dem 2009 abgeschlossenen Ideenwettbewerb zum Tempelhofer Feld hatten die Sieger eine Wohnbebauung beidseits des Columbiadamms vorgesehen. Dies wäre jedoch zulasten der noch bestehenden Kleingärten und Sportanlagen gegangen. Das wollte selbst der Senat nicht. Daher wurde dieser Bereich zunächst ausgeklammert.

6. Regenwasser- auffangbecken

Plan des Senats: Auf dem Parkareal ist im Masterplan ein drei Hektar großes Wasserbecken südlich des betonierten Vorfeldes vorgesehen. Das Wasserbecken soll das Regenwasser aufnehmen. Rund um das Becken soll zudem ein Fußweg angelegt werden. Das Regenwasser soll damit künftig nicht mehr in die Kanalisation fließen, sondern in der Parklandschaft gesammelt und für deren Bewirtschaftung genutzt werden. Die bisher jährlich anfallende Abwassergebühr von rund 300.000 Euro soll so gespart werden.

Kritik: Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland hat gegen den Bau des Beckens geklagt, weil dieser einen schweren Eingriff in die Natur darstellt. Die Naturschützer sorgen sich vor allem um die geschützten Feldlerchen, die dort ihre Nester haben. Das Verwaltungsgericht Berlin entschied in einem Eilverfahren, dass die Planungen neu aufgerollt werden müssen. Das Wasserbecken darf vorerst nicht gebaut werden. Es bestünden erhebliche Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Baugenehmigung, hieß es.