Jubiläum

„Einer der wichtigsten und besten Tage“

EU-Osterweiterung: Vor zehn Jahren wuchs die Gemeinschaft auf einen Schlag um zehn Länder. Nach dem Beitritt erlebten sie eine Boomphase

„Verehrte Mitbürger, guten Morgen in der Europäischen Union“, rief der damalige tschechische Ministerpräsident Vladimir Spidla vor zehn Jahren der Menge vor dem Prager Rathaus zu. „Polen kehrt in die europäische Familie zurück“, sagte der damalige Präsident Aleksander Kwasniewski in Warschau. Keine EU-Erweiterung war wie diese. Keine war so wichtig, keine war so umstritten. Zehn Jahre ist es her: Am 1. Mai 2004 traten Estland, Lettland, Litauen, Malta, Polen, die Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn und Zypern der Europäischen Union bei. Es war die „Osterweiterung“ der EU – denn aus dem Süden kamen nur Malta und Zypern hinzu. Drei Jahre später, am 1. Januar 2007, traten als Nachzügler auch Bulgarien und Rumänien bei.

Fahnen und Fähnchen wurden geschwenkt, die „Ode an die Freude“ erklang, Politiker beschworen die geschichtliche Stunde. Die offiziellen Feierlichkeiten fanden in Irland statt, nicht weit entfernt vom späteren Absturz in die Finanzkrise. Eine Art lange überfälliger Wiedervereinigung von West- und Osteuropa nach dem Ende des Kalten Krieges feierten die einen. Bei den anderen ging die Angst vor dem unaufhaltbaren „Klempner aus Polen“ um, der mit Billigpreisen die Arbeitsplätze in der „alten EU“ vernichten würde.

Alles wurde größer: Die Zahl der Übersetzer und Dolmetscher explodierte (mittlerweile sind es 2500 für 24 Amtssprachen), im EU-Ministerrat konnte man sich am riesigen Sitzungstisch nur noch mithilfe von Fernsehschirmen sehen, in der EU-Kommission musste Arbeit beschafft werden – unter anderem für einen rumänischen Kommissar als Chef des Ressorts „Mehrsprachigkeit“.

Nicht nur im Westen waren jedoch auch skeptische Stimmen zu hören: Nach Jahrzehnten unter sowjetischer Oberherrschaft grassierte die Angst, womöglich ein Stück Unabhängigkeit aufgeben zu müssen. Populisten schürten vor allem in der Landbevölkerung Misstrauen. Die Anpassung an europäische Standards war zudem teuer. Der neue Osten Europas hinkte fast überall hinterher, musste Entwicklungsschritte nachholen. Erst jetzt wurde bekannt, dass der damalige tschechische Präsident Vaclav Klaus im Beitrittsreferendum mit Nein gestimmt hatte. Die heutige pro-europäische Politik in Prag empfindet er als „Niederlage“. Auch der einfache Bürger auf der Straße war nicht immer zufrieden. „Viele Menschen hatten einen viel rascheren Anstieg des Lebensstandards erwartet“, sagt der Politologe Jiri Pehe.

Doch die Mühe lohnte sich: Nach dem Beitritt erlebten die Beitrittsländer eine Boomphase. Nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft ist ihr Pro-Kopf-Einkommen seit 2004 von 49 auf 61 Prozent des Niveaus der Alt-Mitglieder gestiegen. Tschechien und Polen exportieren mittlerweile 60 Prozent ihrer Waren in die EU-Staaten. Die EU ließ sich das viel kosten: Knapp 18 Milliarden Euro flossen allein 2012 aus dem Haushalt von West nach Ost. Nach einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft kam es zu einer „spürbaren Annäherung“ an den Wohlstand Westeuropas. Polen mit seinen vielen bäuerlichen Familienbetrieben profitierte besonders stark. „Der 1. Mai 2004 wird wohl als einer der wichtigsten und besten Tage in der Geschichte unseres Landes gelten“, resümierte der polnische Regierungschef Donald Tusk. „Wenn wir heute daran denken, was unser östlicher Nachbar Ukraine durchmacht, dann zeigt das, was für eine gute Wahl unser Beitritt zur EU war.“

Erster Schritt zu mehr Wohlstand

Die Freizügigkeit für Arbeitnehmer, die Großbritannien, Irland und Schweden als Erste gewährten, war für viele Polen oder Litauer der erste Schritt zu mehr Wohlstand. Ob als Krankenschwester in London oder als Handwerker in Cork: Die Gelder der Migranten finanzierten in der Heimat neue Häuser und Autos. „Damals waren in ganz Warschau keine ordentlichen Handwerker zu finden – die arbeiteten alle auf den Inseln“, erinnert sich der Warschauer Rentner Leszek Drewicz an die Probleme gleich nach der EU-Erweiterung. Doch nicht nur die Gelder der Migranten flossen, sondern auch die Finanzspritzen aus Brüssel. Im Jahr 2005 lagen sieben der zehn ärmsten Regionen der EU in Polen. Im einstigen Armenhaus an der Ostgrenze der EU ist zwar noch nicht überall der Wohlstand ausgebrochen, doch wer heute in Podlachien oder der Lubliner Region an der Grenze zu Weißrussland unterwegs ist, sieht eine bessere Infrastruktur, neue Geschäfte und Kleinunternehmen.

Die EU-Mitgliedschaft wird von der großen Mehrheit der Polen begrüßt. Nur mit der Einführung der Gemeinschaftswährung haben es Umfragen zufolge weder Polen noch Tschechen eilig. Die jüngste Griechenland-Krise wirkt in den Köpfen nach, der Zloty und die Krone sind vertraut. In der Slowakei, Slowenien, Lettland und Estland dagegen wird schon heute mit dem Euro bezahlt.