Interview

Der Privatsekretär von Johannes Paul II. erinnert sich

Am Sonntag ist der Pole Stanisław Dziwisz, Kardinal und Erzbischof von Krakau, 75 Jahre alt geworden. Viel wichtiger für ihn ist aber, dass an diesem Tag Johannes Paul II. heiliggesprochen wurde. Dziwisz war einer der engsten Vertrauten des Papstes. Er war jahrzehntelang sein Privatsekretär. Er gab, gegen den letzten Willen des Pontifex, dessen Memoiren heraus, er vergab Proben von dessen Blut als Reliquien, er trieb das Heiligsprechungsverfahren maßgeblich voran. Zum Interview empfing der Kardinal im Polnischen Haus, einem kirchlichen Gästehaus am Stadtrand von Rom. Er nahm Platz gegenüber einem großen Gemälde, das Johannes Paul II. im roten Mantel zeigt.

Berliner Morgenpost:

Herr Kardinal, was ändert sich für einen, wenn ein enger Freund plötzlich zum Heiligen erklärt wird?

Stanisław Dziwisz:

Zunächst einmal muss ich sagen: Ich war sein Sekretär. Ich habe ihn mit aller Kraft und voller Hochachtung zu unterstützen versucht. Aber ich hätte mir nie erlaubt, mich als seinen Freund zu bezeichnen. Er war für mich ein Vater und ein Lehrmeister. Und: Heilig wird man nicht plötzlich, sondern im Laufe des ganzen Lebens. Jeder, der ihn erlebt und mit ihm gesprochen hat, spürte, dass Johannes Paul ein Mann Gottes war. Das erkannte man an seiner Art, an seinen Worten, an seinem sehr bescheidenen, normalen Leben, seiner außergewöhnlichen Gewöhnlichkeit sozusagen.

Das heißt, mit der Heiligsprechung ändert sich für Sie persönlich nichts?

Doch, selbstverständlich. Früher habe ich mit ihm jeden Tag verbracht, all die Verpflichtungen und Termine mit ihm erlebt, immer an seiner Seite. Heute ist er nicht mehr da. Aber ich fühle ihn jetzt. Seine Gegenwart. Nicht physisch natürlich. Aber ich habe eine Art spirituellen Kontakt zu ihm. So wie so viele Menschen, die sich jetzt über ihn an Gott wenden können, Dank sagen oder sogar Wunder erleben.

Wirkt Johannes Paul II. in Ihrem Leben Wunder?

Das würde ich nicht sagen. Aber in den kleinen Dingen erkenne ich ihn schon manchmal. In einigen Situationen denke ich so vor mich hin: „Heiliger Vater, ich habe Ihnen jahrzehntelang geholfen. Jetzt bitte ich, dass Sie mir helfen.“ Und dann kommen die Dinge meistens auch irgendwie in Ordnung.

Erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung mit ihm?

Es war 1966, ich war schon zum Priester geweiht, aber arbeitete noch an meiner Dissertation in Krakau. Eines Tages rief mich jemand aus dem Ordinariat Krakau an und sagte: „Der Erzbischof will Sie sprechen. Er will, dass Sie bei uns anfangen. Ihre Doktorarbeit können Sie nebenher fertig machen.“ Ich fragte: „Wann soll ich da sein?“ – „Heute.“ Ich bin dann am nächsten Tag zu Karol Wojtyła gegangen. Und 39 Jahre bei ihm geblieben. Übrigens ohne jemals offiziell ernannt worden zu sein. Als ich Wojtyła zum ersten Mal traf, merkte ich sofort, dass er ein ehrlicher Mann war. Und ein einfacher Mann, er lebte sehr arm, also bescheiden. Nur sprach er nicht darüber. Er redete nur über die Armut der anderen.

1978 wurde Wojtyła zum Papst gewählt. Wie erhielten Sie die Nachricht?

Ich war in Rom, stand mit den Pilgern auf dem Petersplatz und wartete. Vor dem Konklave war Wojtyła bereits als Kandidat im Gespräch gewesen, als einer von vielen. Aber ich weiß noch, dass der Primas von Polen, Kardinal Wyszyński, mir immer wieder sagte: Sie werden wieder einen Italiener nehmen. Als Wojtyła dann als neuer Papst auf der Loggia des Petersdoms erschien, fing ich an zu zittern und zu weinen vor Aufregung. Ich musste an die große Verantwortung denken, die auf ihn zukommen würde. Ich wusste ja schon, wie viel Arbeit es ist, eine Erzdiözese zu leiten. Wie anstrengend es sein würde, die Kurie zu regieren, konnte ich mir ungefähr ausmalen. Und ich dachte immer wieder: Wie werden die Italiener auf einen Ausländer als Bischof von Rom reagieren? Ich bin danach so schnell wie möglich zu ihm gegangen. Er begrüßte mich und meinte: Guck mal, was die mit mir gemacht haben!