Landespolitik

Konkurrenzkampf um die Mediziner

Gesundheit: Die Arztdichte ist in Berlin so hoch wie in kaum einem anderen Bundesland. Doch von Kiez zu Kiez gibt es große Unterschiede

– Jahr für Jahr gibt es mehr Mediziner in Deutschland – und trotzdem werden die Versorgungslücken für die Patienten größer. Um mehr als 53.000 ist die Zahl der berufstätigen Ärzte allein innerhalb von zehn Jahren gestiegen, auf rund 357.000 im vergangenen Jahr. Das zeigt eine Statistik der Bundesärztekammer. Kamen 1980 noch 452 Einwohner auf einen Arzt, waren es 2013 nur 230. Andererseits häufen sich Klagen über Medizinermangel, das lange Warten auf einen Facharzttermin oder überfüllte Rettungsstationen in Krankenhäusern. Wie passt das zusammen?

In ländlichen Regionen, auch in Brandenburg, sind in der Vergangenheit zahlreiche Arztpraxen geschlossen worden. Mediziner gingen in den Ruhestand, einen Nachfolger fanden sie nicht, weil kein junger Mediziner das Risiko einer Praxisgründung in einer strukturschwachen Region auf sich nehmen wollte. Teilweise stand auch die Zulassungsordnung der Ärzteschaft einer besseren ambulanten Versorgung im Weg: Der Bedarf errechnete sich aus der Einwohnerzahl der zu versorgenden Region. Erst vor gut einem Jahr trat das neue bundesweite Versorgungsstrukturgesetz in Kraft. Es ermöglichte, auch den Demografiefaktor, also das Alter der Bevölkerung, in die Berechnungen einzubeziehen.

Hohes Durchschnittsalter

Ärztekammerpräsident Frank Ulrich Montgomery hat die Altersstruktur unter den niedergelassenen Medizinern als gravierendes Problem ausgemacht. Das Durchschnittsalter in dieser Berufsgruppe ist nach den Erhebungen der Kammer binnen zehn Jahren von knapp 46,7 auf 53,1 Jahre gestiegen. Immer mehr gingen in den Ruhestand – die Zahl stieg vergangenes Jahr um 3,8 Prozent auf 72.540. Hinzu kommt: Immer mehr Ärzte arbeiten in Teilzeit, 54.000 waren dies laut Statistischem Bundesamt 2011. Hauptursache ist laut Experten der steigende Frauenanteil. In vielen Krankenhäusern, vor allem auf dem Land, ist der Betrieb daher ohne ausländische Ärzte heute schon nicht mehr aufrechtzuerhalten. Dementsprechend wuchs deren Zahl allein in einem Jahr um fast 3000 auf mehr als 31.000. Vor zehn Jahren waren es nur gut 10.000.

Mit dem Anteil der Älteren in der Gesellschaft steigt auch der medizinische Bedarf. Tatsächlich gibt es immer mehr abgerechnete Behandlungsfälle. Außerdem schreitet die Medizintechnik voran, es werden also immer mehr Behandlungen möglich – und von den Patienten auch erwartet. Doch klar ist: Könnten Ärzte je nach Bedarf verteilt werden, wäre für die Patienten alles nicht so schlimm. Generell haben Kassenpatienten in ärmeren Regionen im Kampf um die Ärzte das Nachsehen. Studien belegen, dass Mediziner besonders gerne dort Praxen betreiben, wo es viele Wohlhabende und damit auch viele Privatpatienten gibt.

719 neue Fachärzte in der Stadt

Das zeigen auch Ungleichgewichte zwischen Berliner Bezirken. Insgesamt gilt die ambulante ärztliche Versorgung in Berlin als gut. Laut Bedarfsplanung ist die Stadt sogar überversorgt. Doch während etwa im Januar 2013 der Versorgungsgrad bei Hausärzten in Treptow-Köpenick 95,9 Prozent betrug, lag er in Charlottenburg-Wilmersdorf bei 170,7 Prozent. Der Berliner Durchschnitt betrug 119,7 Prozent. Bei Hautärzten und Frauenärzten ist die Versorgung in Neukölln mit 50,5 und 58,3 Prozent am schlechtesten. Auch hier liegt Charlottenburg-Wilmersdorf mit 204 beziehungsweise knapp 207 Prozent an der Spitze (Berlin: 128 und 118 Prozent). Nach Angaben der Berliner Ärztekammer wurden im vergangenen Jahr 55 Allgemeinmediziner und 719 weitere Fachärzte neu in der Stadt anerkannt.

Was die Ungleichheit zwischen Kiezen bedeutet, kann der Neuköllner Kinderarzt Klemens Senger eindrucksvoll schildern. An manchen Tagen sei seine Praxis so voll, dass das Wartezimmer nicht für alle Patienten ausreicht. Senger praktiziert seit 20 Jahren am Hermannplatz. In den vergangenen Jahren hätten viele Fachärzte den Kiez verlassen. Entweder seien sie in spezielle Versorgungszentren abgewandert oder in Bezirke mit einer besseren Sozialstruktur. „In sozial belasteten Bezirken sind die Bedingungen miserabel, der finanzielle Ertrag der Praxen ist viel niedriger“, sagt Senger. Wer nur Kassenpatienten behandele, sei schnell an der Verschreibungsgrenze angelangt.

In Berlin gehen Senatsgesundheitsverwaltung, Kassenärztliche Vereinigung und Krankenkassen gemeinsam einen neuen Weg. Sie nutzen die im Versorgungsstrukturgesetz des Bundes vorgesehene Möglichkeit eines „gemeinsamen Landesgremiums“. „Dort haben wir vereinbart, Demografie- und auch Sozialstrukturdaten bei der Betrachtung der ärztlichen Versorgung heranzuziehen und zudem Tabellen zu veröffentlichen, die eine Versorgungssteuerung auf Bezirksebene zulassen“, sagt Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU). Damit bleibe Berlin zwar hinsichtlich der ambulanten ärztlichen Versorgung eine gemeinsame Planungsregion, aber der Zulassungsausschuss steuere Umzüge und Neuansiedlungen von Arztpraxen. „Man kann nur noch in einen schlechter versorgten Bezirk umziehen. Bei den Haus- und Kinderärzten, wo wir das System schon mit Sozialindikatoren anwenden, gelingt es uns über den Zulassungsausschuss schrittweise, Veränderungen vorzunehmen, weil gut 200 bis 300 Praxen pro Jahr altersbedingt übergeben werden und 60 bis 80 Ärzte im Jahr umziehen“, erläutert Czaja. So soll die Ärzteverteilung in der Stadt gerechter, das Prinzip noch in diesem Jahr auf 18 Facharztgruppen ausgeweitet werden.

Was ist zu tun? Nach mehr Medizin-Studienplätzen und weniger Bürokratie ruft Ärztepräsident Montgomery. Unabhängige Experten sehen die Standesorganisationen von Medizinern und Krankenkassen gefordert, stärker als heute den Weg etwa für Praxen frei zu machen, in denen angestellte Ärzte abwechselnd arbeiten. Union und SPD kündigen mehr „Anreize zur Niederlassung in unterversorgten Gebieten“ an – ein Versprechen, das inzwischen zum Standardrepertoire der Gesundheitspolitik gehört.