Berliner Spaziergang

Der Wassermann

Berliner Spaziergang: Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen.Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: ein Spaziergang mit Jörg Simon, Vorstand der Berliner Wasserbetriebe

Wenn es nach Jörg Simon ginge, könnten sich die Berliner das Schleppen von schweren Wasserkisten sparen. „Das Berliner Wasser aus dem Hahn ist von bester Qualität. Ein Test der ‚Hörzu‘ hat es hinsichtlich Reinheit und Geschmack mit einer Zwei plus bewertet. Das ist für ein Stadtwasser eine hervorragende Note. Weil es ein hartes Wasser ist, gilt allein der Kalkgehalt als etwas kritisch. Aber gegen Verkalkung helfen ja gängige Entkalkungsmittel, am natürlichsten Essig.“ Jörg Simon ist Vorstandsvorsitzender der Berliner Wasserbetriebe (BWB). Bei ihm zu Hause in Frohnau gibt es natürlich nur Wasser aus der Leitung zu trinken. Und eine Wasserkiste hat er, seitdem er BWB-Chef ist, nicht mehr getragen.

Dass Berlins Wassermann am liebsten am Wasser spazieren geht – zumindest mit mir –, überrascht dann auch nicht mehr. Doch bevor wir uns entlang des Tegeler Hafens zur Greenwichpromnade am Tegeler See aufmachen, will mir Jörg Simon noch Berlins modernste Wasseraufbereitungsanlage zeigen. Die liegt an der Buddestraße parallel zur S-Bahnstrecke nach Hennigsdorf, wurde 1985 im Rahmen der Internationalen Bauausstellung rund um den Tegeler Hafen gebaut und sorgt dafür, dass der Tegeler See von den drei großen Stadtgewässern der reinste ist. „Über das Tegeler Fließ und den Nordgraben kommt einstiges Abwasser aus dem Klärwerk Schönerlinde im Norden Berlins hier schon ziemlich sauber an. In der letzten Reinigungsstufe Vier holt diese Anlage die Reste von Phosphor und Stickstoff heraus. Am Ende fließen von hier aus jährlich 90 Millionen Kubikmeter Wasser zurück in den Tegeler See.“ Soweit die kurze und prägnante Erklärung oben auf dem Dach der architektonisch einer Schiffskommandobrücke nachempfundenen Schaltzentrale zu dem, was in der „Waschanlage“ unter und vor uns technisch abläuft. Mit der erfreulichen Wirkung, dass mit dem Rückfluss der See drei Mal im Jahr gereinigt wird und die Sichttiefe drei- bis vier Meter beträgt.

Die Suche nach dem Ursprung

Zurück zum Anfang, zum sauberen Trinkwasser. Wo liegt die Quelle dafür? „Wir gewinnen unser Wasser vor allem aus Brunnen in der Nähe unserer großen Seen. Dank der sehr guten Reinigungswirkung des Bodens hat dieses Uferfiltrat eine sehr hohe Qualität.“ Trotz aller nachweislichen Güte wird Berlins Trinkwasser weiter kontinuierlich auf mögliche restliche Spurenelemente insbesondere aus dem pharmazeutischen Bereich getestet. Die Wasserwerke betreiben dafür unter anderem mit dem Umweltbundesamt eine gemeinsame Forschungsanlage. „Bislang kein Grund zur Sorge. Aber wir forschen natürlich weiter“, antwortet Simon auf die Frage nach den bisherigen Ergebnissen.

Eine Erfolgsbilanz, die unternehmerisch betrachtet nicht so ungetrübt daher kommt, wie es auf den ersten Blick scheint. Westeuropas größtes kombiniertes Wasser- und Abwasserunternehmen hat bekanntlich wechselvolle, auch harte Jahre durchgemacht. Erst die Teilprivatisierung mit geheimnisvollen Zusatzverträgen und Gewinngarantien für die privaten Investoren, steigende Wasserpreise, dann der überraschend erfolgreiche Volksentscheid zur Rekommunalisierung, also dem Rückkauf der privaten Anteile durch das Land Berlin, zwischendurch noch das Urteil des Bundeskartellamts, das den Wasserbetrieben überhöhte Preisforderungen nachwies und Rückzahlungen an die Kunden verlangte.

Jörg Simon hat das alles mitgemacht. Weil alles seine Zeit hatte. Die Beteiligung des französischen Mischkonzerns „Vivendi“ (der Simon 1999 in die Berliner Chefetage geschickt hat) und des Energieversorgers RWE an Berlins Wasserversorgung sei damals gleich aus doppelter Sicht sinnvoll gewesen: Die Stadt brauchte Geld, für das Unternehmen sei ein Schub nach vorn möglich geworden. Auch der milliardenschwere Rückkauf sei nachvollziehbar. Der alte Vertrag sei nicht mehr handhabbar gewesen, die Übernahme durch das Land deshalb sinnvoll. Jetzt gehe es darum, den während der Teilprivatisierung gewonnenen neuen Schwung mitzunehmen im wieder landeseigenen Unternehmen.

Hat Jörg Simon denn zumindest wegen der überhöhten Preise und des Urteils der Kartellwächter ein etwas schlechtes Gewissen? „Wir haben uns bei der Tariffindung an Vorgaben des Berliner Betriebe-Gesetzes zu halten. Die Berliner Wasserbetriebe haben nicht die Freiheit, die Preise eigenmächtig festzulegen. Aber nach der Rekommunalisierung hat die Politik durch einen Ergebnisverzicht den Weg für eine 15-prozentige Tarifsenkung frei gemacht.“ Noch einmal: kein schlechtes Gewissen? „Die Kartellwächter haben sich mit der Frage beschäftigt, ob Kartellrecht gilt oder das Berliner Betriebe-Gesetz oder sogar beides zusammen und nicht damit, dass der Vorstand der BWB einen Fehler gemacht hat.“

Wir haben bei trübem Aprilwetter den Tegeler Hafen hinter uns gelassen, sind entlang des Tegeler Fließes, das übrigens 20 Kilometer weiter nordöstlich bei Bernau entspringt, spaziert und machen Halt an der Tegeler Hafenbrücke, hinter der das Fließ im Tegeler See mündet, der wiederum – wie der Wannsee – eine Ausbuchtung der Havel ist. Im Volksmund heißt der gusseiserne rote Viadukt „Sechserbrücke“ in Anlehnung an den einst beim Überqueren fälligen Brückenzoll. Für den Fotografen Amin Akhtar der rechte Ort zum Fotoshooting. Auch dabei lässt sich Jörg Simon nicht aus der Ruhe bringen. Sein klarer entschlossener Blick durch die randlose Brille kündet von Selbstbewusstsein und Tatkraft, die schwarze Freizeitjacke zu schwarzer Hose und schwarzen edlen Schuhen der Machart „Budapester“ verraten zugleich eine gewisse Lässigkeit ohne Spur von Arroganz. Typ sympathischer Manager.

Das alles kann damit zu tun haben, dass Jörg Simon mit seinen 51 Jahren weiter aktiv Sport betreibt. Er spielt in der Tennis-Vereinigung Frohnau, Herrenmannschaft 50 plus, Ost-Liga. Da wird noch kräftig draufgeschlagen, aber auch Teamgeist verlangt. Zum Tennis aus Jugendjahren fand er übrigens erst in Berlin wieder zurück. Das hat er seiner Frau Isolde zu verdanken. Als die Familie mit den drei Töchtern nach Berlin kam, stellte sie sich die Frage, welchen Sport sie denn gemeinsam treiben könnten. Auf Vorschlag der Ehefrau und Mutter fiel die Wahl auf Tennis. Sie gilt bis heute als eine gute.

Herzhaft lachen kann Jörg Simon auch. Zum Beispiel, als ich ihn danach frage, ob er beruflich bei den Wasserbetrieben unterbeschäftigt sei? Denn nun, so hat es der Senat entschieden, soll unter seiner und der Obhut der Wasserbetriebe der Aufbau des landeseigenen Stadtwerks geprüft und vorbereitet werden. Wir spazieren mittlerweile entlang der Greenwichpromenade, an der die vertäuten Ausflugsdampfer auf das Kommando „Leinen los!“ warten, erfreuen uns am Blick über die Weite des Sees und an den Schwänen am Ufer mit ihren stolzgeschwellten Brüsten.

Die Sache mit dem Stadtwerk

Zumindest Genugtuung dürfte bei Jörg Simon der Zusatzauftrag ausgelöst haben. „Ich komme ja eigentlich aus dem Energiebereich und halte es für eine grundsätzlich gute Idee, Wasser und Energie zusammenzuführen. Wir haben ja auch schon einiges auf den Weg gebracht. Energie gewinnen wir bereits über Biogasanlagen aus unseren Klärwerken, am Tegeler Wasserwerk steht eine riesige Solaranlage, in Schönerlinde haben wir drei Windräder gebaut. Gut die Hälfte unseres Energieverbrauchs im Bereich der Abwasserentsorgung produzieren wir schon selbst.“

Auch der Aufbau des Stadtwerks war bekanntlich keine eigenständige Entscheidung des Senats, sondern einem weiteren Volksentscheid aus dem November vergangenen Jahres geschuldet. Wie schon den Rekommunalisierungs-Entscheid zum Wasser trägt Simon auch die öffentliche Forderung der Berliner nach dem eigenen Stadtwerk zur Energieversorgung grundsätzlich mit. Ist Jörg Simon etwa ein Opportunist, der sich der jeweiligen neuen Lage fügt? Da schüttelt er energisch den Kopf mit den kurzen angegrauten Haaren. „Ich halte auch ein Stadtwerk für sinnvoll, sonst hätte ich das nicht gemacht. Berlin fehlt ein Unternehmen, das das Land bei der Umsetzung der Energiewende unterstützt. Das Thema Energie wird immer dezentraler, weg von den großen Einheiten, hin zu Blockheizkraftwerken, auch zu kommunalen Versorgern. Wir prüfen das jetzt und dann sehen wir weiter. Am Ende muss es sich natürlich auch wirtschaftlich rechnen.“

Für diesen Prüfauftrag ist Jörg Simon geradezu prädestiniert. Er hat in Aachen Maschinenbau mit Schwerpunkt Energietechnik und Betriebswirtschaft studiert, war Assistent an der dortigen TH, danach hat er praktische Erfahrung in der Energiewirtschaft bei der Veba Kraftwerke Ruhr AG (später E.on) gesammelt. Zum aktuellen Stand der Dinge will er jetzt, da wir im Restaurant „Fisherman’s“ über die verwaiste große Terrasse aus der Wärme auf den See blicken, schon einiges sagen. Im März habe er dem Aufsichtsrat der Wasserbetriebe, der von Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos, für SPD) geleitet wird, ein erstes Konzept vorgelegt. Darin würden drei Optionen untersucht: Aufbau eigener Produktionskapazitäten, Energiedienstleistungen (Verknüpfung intelligenter Technologien) und Handel mit Strom. „Da das Abgeordnetenhaus gesetzliche Einschränkungen für den Handel vorgegeben hat, nämlich Geschäfte allein mit Strom aus erneuerbaren Energien, konzentrieren wir uns im Moment auf Energieaufbau und Dienstleistungen. Noch in den nächsten Wochen werden wir dafür die Berliner Stadtwerke als eigenständige Gesellschaft gründen.“

Sind dafür die zwei Mal 5,5 Millionen Euro für das laufende und das kommende Jahr nicht eher ein Witz? „Keineswegs. Das ist auch in großen Konzernen nicht anders. Da gibt es am Anfang das Startgeld, dann wird geprüft, ob es sinnvoll ist, erst danach gibt es mehr Geld. Kein Unternehmen legt mal so eben 50 Millionen auf den Tisch. Bei beiden Partnern im Senat erlebe ich, dass sie das Stadtwerk unterstützen. Die Zahlen und Projekte werden zeigen, ob es geht oder nicht.“ Zwischentönen ist zu entnehmen, dass sich der Manager Simon und der Finanzsenator Nußbaum mit unternehmerischem Hintergrund auf ähnlicher Wellenlänge bewegen.

Bei drei Töchtern im Hause, von denen die älteste schon studiert und die mittlere gerade ihr Abitur macht, bleibt es bei den Simons, deren Hausherr beruflich auch über Führungspositionen entscheidet, nicht aus, über die Frauenquote zu diskutieren. Darin sind sich die Töchter, sagt der Vater, einig, dass Leistung das entscheidende Kriterium sein sollte, nicht das Geschlecht. Das erwarteten sie auch für sich selbst. „Auch ich bin kein Freund der Quote. Ich glaube, das haben die Frauen nicht mehr nötig. Bei uns ist die erste Führungsebene unterhalb des Vorstands zur Hälfte mit Frauen besetzt. Eine von ihnen ist beispielsweise für den gesamten Abwasserbereich verantwortlich.“ Und wie sieht’s im Vorstand aus? „Da sitzen nur Männer. Ich bin allerdings für eine Quote im Auswahlverfahren. Da müssen immer auch Frauen mit berücksichtigt werden. Bei der Bewertung sollte dann allein die Qualifikation entscheiden.“

Haben Frauen vielleicht andere Führungsqualitäten als Männer? Jörg Simon glaubt das. „Sie haben eine größere Sensibilität bezüglich Stimmungen. Männer versuchen meist, ihr Ding durchzuziehen, schalten eher auf stur, wenn sie auf Widerstand stoßen. Frauen dagegen versuchen eine gespannte Stimmung aufzubrechen, einen Kompromiss zur Problemlösung zu finden. Sie neigen etwas weniger dazu, ihr Ego zu pflegen.“ Apropos Frauen. Wie fühlt sich Jörg Simon als alleiniger Mann zu Hause mit vier Frauen? Die Antwort kommt prompt und klar: „Sehr gut.“ Und auf den Hund der Familie angesprochen dann noch das: „Ein Labrador, auch eine Dame. Man muss konsequent sein …“