Krise

„Vielleicht werden wir kurzfristig Schwierigkeiten haben“

Sergej Taruta, der neue Gouverneur von Donezk, über seine Pläne, die drohende Abspaltung der Ostukraine zu verhindern

Sergej Tarutas Büro durchweht ein Hauch Sowjetunion. Auf den Gemälden sind im sozialrealistischen Stil goldene Weizenfelder abgebildet. Der 58-Jährige, dessen Vermögen auf 460 Millionen Euro geschätzt wird, spielt hier die Rolle eines Krisenmanagers. Anfang März wurde der Miteigentümer der Metallurgieholding Industrieunion Donbass (ISD) zum Interimsgouverneur des Gebiets Donezk ernannt. Nach dem Machtwechsel in Kiew gab es hier Aufrufe zur Abspaltung. Einer der reichsten Ukrainer will die östliche Region zur Ruhe bringen.

Berliner Morgenpost:

Sie sind Unternehmer und haben sich von der Politik ferngehalten. Warum haben Sie zugestimmt, Gouverneur des Gebietes Donezk zu werden?

Weil es die ernsthafte Gefahr gab, dass sich der Osten der Ukraine abspaltet. Ich habe mich nie für Politik begeistert, als Geschäftsmann fühle ich mich viel wohler.

Wie groß ist diese Gefahr jetzt?

Leider ist sie noch nicht vorbei. Die Konzentration von russischen Truppen an der östlichen Grenze des Landes macht uns unruhig. Es stellt sich die Frage: Warum braucht man so viele Truppen an der Grenze? Für friedliche Zwecke braucht man das nicht. Entweder ist das psychologischer Druck, oder Russland denkt über andere Szenarien nach.

Kann Russland im Osten wiederholen, was auf der Krim passierte?

So weit sollte es hier nicht kommen. Die Ukraine und das Gebiet Donezk dürfen keinen Anlass dazu geben. Auf den Straßen von Donezk ist es ruhiger geworden. Es gibt Proteste, aber wir sind bereit, mit allen zu reden, die nicht der Meinung sind, dass die Ukraine vereint bleiben muss.

Prorussische Demonstranten fordern ein Referendum über die Föderalisierung des Landes. Ist es die erste Stufe zur Abspaltung?

Wenn ich die Demonstranten frage, was sie unter Föderalisierung verstehen, können sie mir keine klare Antwort geben. Ohne Zweifel braucht man eine Dezentralisierung der Macht, aber man muss das Gesetz respektieren. In unserer Verfassung steht eindeutig, dass wir ein Einheitsstaat sind. Wenn wir die Verfassung ändern wollen, brauchen wir eine Mehrheit im Parlament. Die Mehrheit der Bevölkerung im Gebiet Donezk unterstützt übrigens diese Idee nicht.

Was verstehen Sie unter Dezentralisierung?

Heute ist die Macht sehr stark in der Hauptstadt konzentriert, die Entscheidungen werden getroffen, ohne Interessen der Regionen zu berücksichtigen. Für einen Gouverneur ist es schwierig zu arbeiten, wenn ein Teil seiner Beamten von Ministerien in Kiew ernannt wird. Ich habe die Bedingung gestellt, dass ich mein Team selbst zusammenstelle, aber ich bin eine Ausnahme. Andere Gouverneure haben diese Möglichkeit nicht.

Russland hat gezeigt, dass es bereit ist, Importe aus der Ukraine einzuschränken. Wird dies schwere Folgen für das Gebiet Donezk und die Ukraine haben?

Vielleicht werden wir kurzfristig Schwierigkeiten haben, aber mittel- und langfristig wird die Ukraine nicht verlieren. Der europäische Markt ist groß, auch der russische Markt ist gut, wir sollten die beiden Märkte nicht verlieren. Es gibt aber ein anderes Problem. Wenn wir den Wirtschaftsteil des Assoziierungsabkommens mit der Europäischen Union unterschreiben, müssen ukrainische Betriebe mit Firmen aus der EU konkurrieren. Wir haben keine andere Wahl, als zu lernen, in einer Marktwirtschaft zu leben. Aber der Staat muss helfen, veraltete Betriebe zu modernisieren. Ich hoffe, dass die EU und internationale Finanzinstitute bei dieser Modernisierung helfen. Das dritte Problem ist, dass wir fast keine Binnennachfrage haben. Wir müssen den Wohlstand im Land erhöhen, damit wir weniger von Exporten abhängen.

Was erwarten Sie von der Europäischen Union?

Wenn die EU für demokratische Werte kämpft, sollten diese über den wirtschaftlichen Interessen stehen. Das ukrainische Volk ist der Meinung, dass die EU heute die wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland über alles stellt. Egal mit wem man spricht, hört man: Europa und die USA haben uns verraten.