Berliner Spaziergang

Wie man Mauern überwindet

Vor den Stahlwänden gibt es Ärger. Hässliche Fläche, groß, rostig, wie zufällig abgestellt. „Ich habe sie noch nie gemocht“, sagt Marianne Birthler. „Und ausgerechnet hier soll jetzt ein Foto gemacht werden?“ Aber sie ist schließlich doch bereit, ein paar Mal mit ihrem Fahrrad am Fotografen Reto Klar vorbeizufahren. Vielleicht auch, weil sie sieht, wie ernst er die Sache nimmt. Er liegt mit seiner Kamera bäuchlings auf dem gepflasterten Weg, ignoriert Feuchtigkeit und Kälte, gibt Regieanweisungen. Bitte noch einmal, sagt er. Und Marianne Birthler fährt dann wirklich noch einmal. Immer wieder diesen Kreis. Und sie lächelt dabei.

Es ist kein Berliner Spaziergang diesmal, sondern eine Berliner Spazierfahrt. Wir haben das Rad gewählt, weil Marianne Birthler am Knie operiert wurde und ihr Bein noch nicht voll belasten darf. „Aber Radfahren hat mir der Arzt sogar empfohlen“, hatte sie am Telefon gesagt.

Als Ort für den Start wurde die Ecke Brunnenstraße/Bernauer Straße gewählt. Die 66-Jährige wohnt ganz in der Nähe. Es ist ihr Kiez. Sie fühlt sich wohl hier und passt auch mit ihrem Fahrrad und ihrer ungezwungenen Art gut hierher. Ohnehin kommt bei dieser Spazierfahrt auf dem Mauerradweg nie das Gefühl auf, mit einer einst mächtigen, gar dominanten Frau zu reden. Marianne Birthler war Kultusministerin in Brandenburg, die erste Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen und zehn Jahre lang Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen. Eine Frau, die viel erreicht hat und selbstbewusst ist. Die sich aber, wie sich zeigt, auch immer noch Unsicherheiten eingestehen und über sich selbst lachen kann.

„Kein Gefühl für früher“

Wir starten an der Kapelle der Versöhnung, die sie sehr mag und als Fotomotiv vorschlägt, und fahren weiter zu den schon erwähnten Stahlwänden. Nicht nur Marianne Birthler findet dieses von den Stuttgarter Architekten Kohlhoff & Kohlhoff entworfene Denkmal völlig missraten. Die zwei Wände stehen quer zum ehemaligen Grenzstreifen. Und sie sind auch wesentlich höher als die von DDR-Grenzpionieren errichtete Betonmauer. „Wenn junge Leute mal sehen wollen, wo die Mauer stand, denken die, dass diese Stahlflächen die Mauer waren“, moniert Marianne Birthler. „Das erschließt sich nicht, das muss man jedes Mal erst erklären. Es stellt sich kein Gefühl dafür ein, was da früher mal war.“

Nach diesen ersten Fotos drehen wir um und fahren in Richtung Mauerpark. Marianne Birthler fährt überraschend schnell. Stoppt dann aber immer wieder auch, um auf besonders schöne Details hinzuweisen: die gerade erblühten Kirschbäume, die Berlin von Japan geschenkt bekam. Oder den gleich daneben liegenden Kinderbauernhof. „Es macht mir Spaß, zu sehen, wie lebendig hier dieser Mauerstreifen geworden ist“, sagt sie. „Und das alles auf einem Gelände, wo früher weder die West- noch die Ost-Berliner hindurften. Wo Menschen getötet wurden, weil sie in den anderen Teil der Stadt wollten.“

Während einer dieser Verschnaufpausen sprechen wir auch über Russland und die Ukraine. Das Thema beschäftigt die ehemalige Bürgerrechtlerin. Sie kann sich darüber richtig ärgern: „Erst diese Annexion der Krim. Und dann diese Unverfrorenheit, das auch noch mit der deutschen Einheit zu vergleichen. Das ist doch nun wirklich der Hammer!“ Aber wenn es darum gehe, dass die Tschetschenen mehr Selbstbestimmung haben wollen im eigenen Land, „da wird mit brutaler Gewalt vorgegangen“. Sie könne nur hoffen, sagt sie, „dass besonnene Politik dafür sorgt, dass der Schaden nicht größer und Putin nicht noch übermütiger wird.“

Bewunderung und Sympathie hat Marianne Birthler für die Demonstranten auf dem Majdan in Kiew: „Wie die das ausgehalten haben, in dieser klirrenden Kälte. Ich glaube, viele, die in der DDR demonstriert haben, fühlten sich auch an diese Zeit erinnert und mussten feststellen, dass wir es ja noch vergleichsweise gut hatten.“ Und sie erzählt von einem Gedanken, den sie am Abend zuvor hatte: „Ob wir wohl die deutsche Einheit hätten, wenn damals Putin an der Macht gewesen wäre?“ Sie lächelt bitter, schüttelt den Kopf.

Bei der nächsten kurzen Rast kommen wir über die Maßnahmen gegen Russland auch auf Angela Merkel – die ja auch eine Frau aus dem Osten ist und die sich auch durchgesetzt hat in einer von Männern geprägten Politikerwelt. Marianne Birthler war zu Zeiten der friedlichen Revolution weitaus präsenter. Sie war Mitglied der „Initiative für Frieden und Menschenrechte“, gehörte bei der legendären Demonstration am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz zu den Rednern. Fotos zeigen eine junge Frau mit runder Brille, gehüllt in eine etwas zu große Jacke. Die gehörte ihrem Freund, dem Bürgerrechtler Werner Fischer. „Das war ein bisschen so, als wenn er mich im Arm gehalten hätte“, erinnert sich Marianne Birthler. „Ich fühlte mich da nicht so allein da oben vor den Mikrofonen.“

Angela Merkel war zu diesem Zeitpunkt noch eher Beobachterin. Einen Monat später ging sie zum neu gegründeten „Demokratischen Aufbruch“ und wechselte nach den ersten freien Volkskammerwahlen im März 1990 zur CDU. Politische Freundinnen waren Merkel und Birthler nie. Aber es ist dann wohl doch so etwas wie Sympathie gewachsen. Erst recht in diesen Zeiten der Russlandkrise. „Ich will jetzt keinen Wahlkampf und keine Werbung für Merkel machen, ich bin keine CDU-Wählerin“, sagt Marianne Birthler. „Aber ich muss schon sagen, dass ich froh bin, dass in dieser doch schwierigen internationalen Situation eine Frau Bundeskanzlerin ist, die besonnen ist, sich nicht von Eitelkeiten und Machtgelüsten leiten lässt. Sie ist ja eine Person, die über den Tag hinaus denkt. Sie hat meinen Respekt und manchmal auch meine Bewunderung.“

Es ist Vormittag. Die sonst so belebten Plätze entlang des innerstädtischen Mauerradweges sind noch wenig belebt. Nur ab und an begegnen uns andere Radfahrer, Jogger oder Hundebesitzer. Solange sich die Sonne durch die Wolken zwängen kann, ist es warm, als sie es nicht mehr schafft, wird es empfindlich kühl. Wir fahren zurück, jetzt durch die Stadt, und beschließen, irgendwo einzukehren. Marianne Birthler hat auch gleich einen Vorschlag.

Das Restaurant ist nur ein paar Meter von ihrem Wohnhaus entfernt und heißt „Raja Jooseppi“. Was ein sehr klangvoller Name ist für ein doch recht kleines, spartanisch eingerichtetes Lokal. Aber es ist gemütlich, und das Essen schmeckt. Am Nebentisch sitzt eine junge Frau mit Kopfhörern, vor sich einen Laptop und führt – vermutlich über Skype – auf Spanisch lautstark ein Gespräch. Gleich daneben diskutieren, etwas leiser, zwei Briten. Wir reden über Leander Haußmanns Filmkomödie „Sonnenallee“ aus dem Jahr 1999, die ja viele sehr unterhaltsam fanden, die andere aber auch kritisierten, weil sie das Leben in der DDR ihrer Meinung nach allzu sehr bagatellisierte. Marianne Birthler gehört zur ersten Fraktion. „Ich habe den gern gesehen und mich sehr amüsiert“, sagt sie. „Er stammt aus einer Zeit, in der die meisten dachten, man könne Filme über die DDR nur drehen, wenn man den Leuten auch was zum Lachen bietet.“ Für manchen ehemaligen DDR-Bürger war dieser Film auch so etwas wie ein Aufbegehren gegen die These, dass alles nur grau und dumpf gewesen sei und das Leben eigentlich erst nach dem Zerfall der DDR richtig begonnen habe.

„Ich hatte wunderbare Freunde“

Haußmann lässt seinen Hauptdarsteller dazu am Ende programmatisch sagen: „Es war einmal ein Land, und ich habe dort gelebt. Und wenn man mich fragt, wie es war: Es war die schönste Zeit meines Lebens. Denn ich war jung, und ich habe geliebt.“ Auch da kann sich die in Friedrichshain aufgewachsene Marianne Birthler anschließen. Klar habe es Indoktrination und Verfolgung gegeben, sagt sie. „Aber wir sind ja trotzdem nicht mit gebeugten Schultern und mit gesenktem Haupt durch die Gegend gelaufen. Ich hatte wunderbare Freunde, und wir hatten viel Spaß miteinander. Uns war zwar das Risiko bewusst. Aber wir dachten, dass wir keine Angst um Leib und Leben haben müssen.“ Später erst habe sich herausgestellt, „dass die SED zu jedem Zeitpunkt bereit war, mit Gewalt gegen das eigene Volk vorzugehen“.

Die Entstehung des inzwischen mit einem Oscar ausgezeichneten Filmes „Das Leben der Anderen“ von Florian Henckel von Donnersmarck hat Marianne Birthler teilweise sogar persönlich erlebt. Sie war zu dieser Zeit Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen. Und gedreht wurden einige Szenen auch in Räumlichkeiten der Behörde. „Ich wusste, wenn der Film anläuft, geht es los mit der Fragerei. Dann wollen alle wissen, wie findet die Bundesbeauftragte diesen Film. Deswegen wollte ich ihn vorher schon mal gesehen haben, damit ich in Ruhe darüber nachdenken und auch schon mal mit Freunden darüber diskutieren kann.“

Das hat sie so auch getan: Es gab eine Preview in ihrer Wohnung mit Freunden. Die Bürgerrechtler Ulrike Poppe und Roland Jahn gehörten dazu, der Liedermacher Wolf Biermann. „Wir haben heftig gestritten, die ganze Nacht. Einige fanden den Film unter aller Würde.“ Aber sie habe ihn verteidigt, habe ihn aber auch kritisiert. „Ein einziger Stasimitarbeiter – gespielt von Ulrich Mühe – hätte das Geschehen niemals derart beeinflussen können“, sagt Birthler. Und gestört habe sie auch die Rolle der einzigen wichtigen Frau – gespielt von Martina Gedeck: „Sie ist passiv, verführerisch, unpolitisch, tablettenabhängig und am Ende tot. Und zum Schluss widmet ihr Geliebter ausgerechnet dem Menschen, der sie in den Tod getrieben hat, sein Buch.“ Für den Film spreche jedoch, so Birthler, „dass er deutlicher als jeder andere Film zuvor zeigt, wie die Stasi in das Leben von Menschen eingegriffen hat.“

Im März 2011 gab Marianne Birthler das Amt der Bundesbeauftragten für Stasiunterlagen nach zehn Jahren auf. Inzwischen hat sie ein Buch geschrieben: „Halbes Land. Ganzes Land. Ganzes Leben“. Sie hat sich dafür mit ehemaligen Mitschülern getroffen, mit politischen Gefährten, hat „in Bilderkisten gekramt und Musik aus dieser Zeit gehört“. Manchmal, sagt sie, sei sie auch an Orte des Geschehens gegangen, um die Erinnerung aufzufrischen und sich in bestimmte Situationen noch einmal einzufühlen.

Das Buch erzählt aus ihrer Perspektive das Leben in Ost-Berlin, den Weg zur Opposition und die Zeit nach der Wiedervereinigung. Es ist ein Erinnerungsbuch für Zeitgenossen und ein Lehrbuch für jene, die diese Zeit nicht erleben konnten. Kein Heldenepos. Marianne Birthler, die in ihren Ämtern viel erreichte, berichtet sympathisch bescheiden auch von Unsicherheiten und Fehlern. Und freimütig erzählt sie dann auch, wie sie als frisch gekürte Ministerin lernen musste, „Termine nicht freihändig zu verabreden, sondern (mit der Chefin des Leitungsbüros) abzustimmen und vor allem im Kalender einzutragen“ oder „erst einmal Informationen aus den Fachreferaten einzuholen, anstatt Journalistenfragen spontan zu beantworten …“

Solche Stellen liest sie gern vor, wenn sie mit ihrem Buch unterwegs ist. Da werde dann gelacht, sagt sie. Es sei wie ein Aufatmen, weil der Stoff ja ansonsten sehr schwer ist. Aber das Interesse sei groß, gerade in Gegenden, die weit weg liegen vom damals geteilten Berlin.

Zwei Tage vor unserer Radtour las Marianne Birthler in Nürnberg. Eine Reihe weiterer Städte stehen noch auf dem Plan. Aber sie will endlich auch mehr Zeit haben für die drei Töchter und die sechs Enkelkinder. „Wir haben noch viel vor“, sagt sie schmunzelnd, „zum Beispiel gemeinsam ein Stück auf diesem wunderbaren Mauerradweg entlangzufahren.“