Konjunkturumfrage

Unternehmensverbände fordern Mindestlohn erst ab 25

Ausbildung soll so finanziell attraktiv für Jugendliche bleiben. Berlin und Brandenburg müssen Schüler besser auf das Berufsleben vorbereiten

Die Unternehmensverbände Berlin und Brandenburg (UVB) sehen die Berliner Wirtschaft weiter auf Wachstumskurs. Nach der UVB-Konjunkturumfrage kann Berlin den positiven Trend der vergangenen Jahre auch 2014 fortsetzen. „Wir sehen mit einiger Zuversicht ins Jahr 2014“, sagte UVB-Hauptgeschäftsführer Christian Amsinck am Dienstag. Nach Angaben Amsincks gibt es vor allem in den Bereichen Gesundheit, Tourismus, IT und exportorientierter Industrie eine steigende Nachfrage nach Fachkräften. „Wir freuen uns über die gute wirtschaftliche Entwicklung“, sagte Amsinck.

Um die gute Konjunkturlage Berlins zu festigen, fordert der UVB vom Senat ein langfristiges Wachstums- und Investitionsprogramm. Dabei müssen nach Auffassung des UVB vor allem Investitionen in die Infrastruktur und die Bildung erfolgen. Denn nach wie vor ist die mangelnde Qualifikation der Hauptgrund dafür, dass sich die Situation bei den Langzeitarbeitslosen nicht bessert. In Berlin gehören 44 Prozent der Arbeitslosen zur Gruppe der Geringqualifizierten, das heißt, sie verfügen über keinen Schul- oder Berufsabschluss. Von den 18.000 Berliner arbeitslosen Jugendlichen haben sogar mehr als 70 Prozent keine Berufsausbildung.

Der UVB setzt sich deshalb dafür ein, den Übergang von der Schule ins Berufsleben besser zu gestalten. „Wir wollen den Teufelskreis durchbrechen, dass aufgrund fehlender Qualifikation und durch Ausbildungsabbrüche jedes Jahr wieder Tausende junge Menschen in die Arbeitslosigkeit geraten“, sagte Amsinck. Für viele Jugendliche sei die Berufswahl reiner Zufall, weil es in der letzten Schulphase zu wenig Orientierungshilfen gebe. Außerdem müsste es einen gemeinsamen Ausbildungsmarkt zwischen Berlin und Brandenburg geben, forderte Amsinck. „Im vergangenen Jahr sind 450 hochwertige Ausbildungsstellen im unmittelbaren Umland unbesetzt geblieben“, sagte der UVB-Chef.

Gleichzeitig lehnte er einen Mindestlohn auch für Auszubildende ab. In vielen Berufen würden die Azubis 500 bis 800 Euro Ausbildungsvergütung erhalten. Für viele Jugendliche wäre es dann attraktiver, Hilfstätigkeiten für einen Mindestlohn anzunehmen, anstatt eine Berufsausbildung zu absolvieren. Der Mindestlohn von 8,50 Euro sollte nach Auffassung des UVB deshalb erst für Menschen ab 25 gelten.

Als positiven Standortfaktor für Berlin wertet der UVB die vielen, zum Teil unbebauten landeseigenen Grundstücke. Allerdings müssten sie Investoren schnell bei Bedarf zur Verfügung gestellt werden. Dass jedes Grundstücksgeschäft zunächst den Vermögensausschuss des Abgeordnetenhauses durchlaufen muss, sei investitionshemmend.

Kritik übte der UVB-Chef an der Rekommunalisierungspolitik des Senates. Es ginge nicht um Gut oder Böse in Bezug auf öffentliche oder private Betreiber, sondern darum, wer es besser könne. Es sei unverständlich, dass das Land eine eigene Netzgesellschaft gegründet hat, um sich für den Betrieb des Berliner Gasnetzes zu bewerben, obwohl mit der Gasag ein kompetenter Anbieter bereits existiere.

Berlin hat nach Ansicht des Unternehmerverbandes auch mittel- bis langfristig gute Aussichten, sich wirtschaftlich weiter zu entwickeln. Dafür sprechen laut Amsinck die demografischen Prognosen für die Stadt. Die Demoskopen sehen ein anhaltendes Bevölkerungswachstum für Berlin voraus. Besonders erfreulich sei der prognostizierte Anstieg bei jungen Menschen bis 18 Jahren um 65.000 bis zum Jahr 2030. Aber auch der Anstieg bei den 65 Jahre alten Berlinern um 190.000 im gleichen Zeitraum könne ein Wachstumsmotor sein. „Auch sie benötigen Wohnraum, Dienstleistungen und Gesundheitsvorsorge“, sagte Amsinck.

Aus Sicht des UVB ist auch die Fertigstellung des neuen Großflughafens BER mitentscheidend für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt. „Der Flughafen wird ein Jobmotor“, sagte Amsinck. Die Verdoppelung der Passagierzahlen auf den Berliner Flughäfen innerhalb von zehn Jahren sei ein deutliches Zeichen dafür. Der Berliner Flugverkehr wachse damit schneller als in allen anderen deutschen Flughäfen. „Deshalb brauchen wir so schnell wie möglich einen belastbaren Eröffnungstermin“, sagte Amsinck. Der UVB stellte sich auch gegen Änderungen bei den Betriebszeiten des BER. Brandenburg hatte sich zuletzt auf die Seite derjenigen gestellt, die ein Flugverbot zwischen 22 und sechs Uhr durchsetzen wollen. Geplant sind dagegen Flugzeiten zwischen fünf und 23 Uhr. „Es kann nicht sein, dass sich ein Gesellschafter davon distanziert“, kritisierte Amsinck die Brandenburger.