Krim-Krise

„An Unehrlichkeit und Doppelmoral nicht zu überbieten“

Drei junge Berliner mit ukrainischer Herkunft über die Ereignisse in dem Land und auf der Krim: Teilung des Landes wäre das Schlimmste

Wenn Michael Groys in Berlin die aktuelle Berichterstattung über die Ukraine verfolgt, regt er sich schnell auf. „Für mich wird die Krise hier nicht ernst genug genommen. Dabei liegt Kiew nur zwei Flugstunden von Berlin entfernt“, sagt der 22-jährige Politikstudent aus Charlottenburg. Groys ist einer von 8508 Ukrainern, die laut Statistischem Bundesamt 2013 in Berlin wohnten.

Monatelange Demonstrationen auf dem Kiewer Maidan, der Sturz der Regierung von Präsident Viktor Janukowitsch, die Krim-Krise. Für die Menschen auf der Schwarzmeerhalbinsel ging es bei dem Referendum um ihre Zukunft und die Angliederung an Russland, im Ostteil des Landes gibt es zunehmende Auseinandersetzungen mit der russischsprachigen Minderheit. Für die, die im Ausland leben, ist die Entwicklung so weit mitunter nur schwer nachzuvollziehen. Im Berliner Schwarzen Café an der Kantstraße sitzt er und diskutiert mit anderen die Situation.

Wie Groys macht sich auch Alexander Beribes Sorgen um die deutsche Wahrnehmung des Konflikts. „Wer in Deutschland über Osteuropa redet, denkt immer zuerst noch an Russland. Obwohl die Ukraine seit 1991 unabhängig ist, ist das Land für viele gleichbedeutend mit Russland.“ Alexander lebt seit 16 Jahren in Deutschland, zurzeit macht er in Berlin seinen Master in Osteuropastudien. Nataliya Bashynska kennt alle drei Seiten des Konflikts. Die 17-Jährige ist in der Ukraine geboren und hat einen russischstämmigen Vater. Heute lebt die Schülerin in Zehlendorf. Diese drei Blickwinkel bekommt sie in den regelmäßigen Telefonaten mit ihrer Familie in Russland vermittelt. „Erst kürzlich wurden mir ganz schreckliche Sachen über die Ukraine erzählt: Dass das Land voller Faschisten sei, die alle umbringen wollten, und dass Russland die Ukraine nur schützen will.“

„Das Traurige ist, dass viele Menschen das nicht hinterfragen und einfach glauben“, ergänzt Alexander. Der Student der Osteuropawissenschaften gibt zwar zu bedenken, dass der Großteil der Medien in Russland von der Regierung kontrolliert wird, sodass es für den Durchschnittsbürger nicht leicht sei, sich objektiv zu informieren. Besonders schlimm findet er jedoch, dass sich die russischen Medien Einzelfälle herauspickten, die sie für ihre Propaganda gebrauchen könnten. „Es gibt ja wirklich Provokateure und Faschisten in der Ukraine. Nur Russland stellt das dann so hin, als wenn das Land voll von diesen Menschen wäre und alle Ukrainer Waffen tragen würden und Antisemiten wären“, sagt der Wahl-Berliner.

Die Entwicklung auf der Halbinsel Krim verfolgen alle drei Exil-Ukrainer mit Spannung. „Für Russland wird es sehr schwer sein, die Krim-Bewohner mit Lebensmitteln und Energie zu versorgen“, sagt Nataliya und denkt dabei zunächst an den Alltag der Menschen. Da Russland nicht direkt an die Schwarzmeerinsel angrenzt, komme ihrer Meinung nach nur der Transportweg über das Meer infrage.

Kritik an Europa

Warum Wladimir Putin die Krim so wichtig ist, kann Michael Groys nicht verstehen. Zu Russlands offizieller Begründung einer humanitären Mission hat er eine klare Meinung: „Für mich ist das Referendum an Unehrlichkeit und Doppelmoral nicht zu überbieten, wenn Putin dort über das Selbstbestimmungsrecht der Völker sowie über Demokratie und Souveränität redet“, sagt der Politikstudent.

Gegen die Entwicklung auf der Krim konnte Deutschland nichts unternehmen, alle Versuche, Russland zum Einlenken zu bewegen, scheiterten bislang. Ob die Krise mit Diplomatie und weiteren Wirtschaftssanktionen zu entschärfen ist, wird sich erst noch zeigen. Fest steht, dass sich Deutschland in einer schwierigen Lage befindet. „Das Land hat gute Beziehungen zu Russland, aber als Nato- und EU-Mitglied bekommt es permanent Druck von Ländern, wie etwa Polen, seine Politik zu verschärfen“, analysiert Alexander. Michael engagiert sich zwar in der SPD, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) möchte er jedoch nicht explizit kritisieren: „Ich finde ganz Europa ist von einer Konzeptlosigkeit in der Osteuropapolitik geprägt.“ Am wichtigsten für Deutschland sei doch die Frage nach der Energieversorgung, so der Charlottenburger.

Kritisch gesehen wird auch die aktuelle Übergangsregierung in der Ukraine. Nach dem Sturz von Präsident Viktor Janukowitsch wurde Arsenij Jazenjuk am 27. Februar 2014 als neuer Premierminister vom ukrainischen Parlament gewählt. Seine Mitgliedschaft in der Vaterland-Partei der kürzlich aus der Haft entlassenen Julia Timoschenko erzeugt Misstrauen. „Diese Partei steht doch für genau dasselbe wie die von Janukowitsch. Da sitzen seit zehn Jahren Politiker, die immer nur Versprechungen machen, aber nichts passiert. Es braucht neue, junge Menschen an der Regierung“, sagt Nataliya. Als ehemalige Ministerpräsidentin brachte Timoschenko dem Land nach der Orangenen Revolution keinen wirklichen Aufschwung und wurde immer wieder mit Korruption in Verbindung gebracht.

Der Zeit nach dem Referendum sehen die drei Exil-Ukrainer mit Sorgen entgegen. Michael ist schockiert über den Ausgang der Abstimmung. Für ihn ist die schlimmste Vorstellung eine Teilung des Landes wie in Jugoslawien in West, Ost und Krim. „Ich glaube nicht daran, da Russland bereits genug erreicht hat.“