Pro Russland

Auch der Osten der Ukraine fordert eine Entscheidung

Demonstranten in Donezk und Charkow fordern den Anschluss an Russland

Der Leninplatz in Donezk ist vom Kiewer Maidan weit entfernt. An einem Fahnenmast vor dem Bildungszentrum flattern die russische Flagge und das Banner der Kommunistischen Partei. Auf dem Betonplatz liegen Blumen zu Ehren von „Berkut“-Polizisten, die im Februar bei Krawallen in Kiew starben. Vor dem mächtigen Lenin-Denkmal machen rund 5000 Menschen ihrem Zorn auf die Übergangsregierung in Kiew Luft. Demonstranten halten Plakate mit dem kubanischen Revolutionär Ernesto „Che“ Guevara und mit der Losung „Donbass ist Russland“ in die Luft.

Einige von ihnen dringen später in das Hauptquartier der Sicherheitskräfte sowie das Büro des Staatsanwalts ein. Dabei stoßen sie praktisch auf keinen Widerstand. Die Demonstranten forderten die Freilassung des selbst ernannten „Volksgouverneurs“ der Region, Pawel Gubarew. Dieser war Anfang März festgenommen worden, nachdem er zusammen mit anderen prorussischen Aktivisten den Sitz der Regionalregierung in Donezk gestürmt und sich selbst zum Gouverneur erklärt hatte.

Unter die Menge vor dem Lenin-Denkmal hat sich Ljudmila Petrowna, eine 62 Jahre alte Deutschlehrerin aus Donezk, gemischt. „Was in Kiew vor sich geht, macht mir Angst“, sagt Petrowna. Dort hätten sich Rechtsradikale an die Macht geputscht, Neonazis und Antisemiten würden nun durch die Hauptstadt ziehen, „Tod den Moskauern“ skandieren und damit die russischsprachigen Einwohner der Ukraine meinen. Dass auch jüdische Gemeinden die Übergangsregierung unterstützen, will Petrowna nicht glauben. „Die haben sich bestimmt kaufen lassen“, sagt die Frau mit dem schwarzen Mantel und der Pelzmütze. Petrowna fühle sich als Russin und wünsche sich die Einheit mit dem Brudervolk.

So wie Petrowna denken im Donbass im Südosten der Ukraine viele. Sie erkennen die Übergangsregierung in Kiew nicht an und halten Viktor Janukowitsch noch immer für ihren rechtmäßigen Präsidenten. Seit Wochen fordern sie ein Referendum über eine Autonomie der Donezk-Region. Prorussische Bewegungen wie der Russische Block, die Progressive Sozialistische Partei oder die Volkswehr Donbass verlangen den Anschluss der Region an Russland. Vor der Regionalverwaltung am Puschkin-Boulevard zeigt aber die Kiewer Regierung, dass auch sie in Donezk noch Macht ausübt. Knapp 1000 Polizisten haben den Sowjetbau mit Stacheldraht umzäunt und bewachen die Eingänge.

„Gubarew ist für mich ein Held“, sagt Alexander Wassiliew, Aktivist der Volkswehr Donbass und Mitglied der Kommunistischen Partei. Der „Volksgouverneur“ habe sich schon früher mit der Regierung angelegt, nachdem die Stadt Donezk Privatgrundstücke enteignete, um darauf ein Delfinarium zu bauen. Aktivist Wassiliew steht vor dem Lenin-Denkmal in Donezk, er trägt eine grüne Militäruniform und ein Funkgerät im Gürtel. „Ich beschütze das Lenin-Denkmal“, sagt der aus Irkutsk stammende Aktivist, der seit 23 Jahren in Donezk lebt. „In anderen Städten wurden Lenindenkmäler niedergerissen“, sagt Wassiliew. „So was lassen wir hier nicht zu.“ Die Volkswehr fordert zusammen mit dem Russischen Block und der Sozialistischen Partei ein Referendum über die Unabhängigkeit der Region. „Dann können wir selbst über unsere Zukunft entscheiden“, sagt Aktivist Wassiliew.

Doch die Regierung in Kiew kann es sich nicht leisten, das Donezk-Gebiet zu verlieren. Im Umkreis der Millionenstadt siedelt die für die Ukraine wichtige Bergbau- und Stahlindustrie. In der 1869 gegründeten Stadt sitzen Großunternehmen wie die Stahlfirma Metinvest oder das Energieunternehmen DTEK. In den 90er-Jahren war Donezk Schauplatz blutiger Machtkämpfe unter Gangsterbossen. Oligarch Rinat Achmetow entkam knapp einem Anschlag. Seine Macht konnte sich Achmetow sichern.

Auch in Charkow stürmen prorussische Demonstranten die Büros mehrerer Organisationen wie etwa dem Rechten Sektor, der aus Mitgliedern neofaschistischer Splittergruppen und Hooligans besteht. Die Teilnehmer hätten Bücher aus den Gebäuden in einen Hof geworfen und angezündet. Die Polizei habe nicht eingegriffen, heißt es. In Odessa, Lugansk, Saporoschje und Dnjepropetrowsk demonstrieren ebenfalls jeweils Hunderte für ein Referendum nach dem Vorbild der Krim. Innenminister Arsen Awakow warnt in Kiew vor „Provokateuren“, die die Lage in der Ukraine destabilisieren wollen.

Nach dem Sturz von Janukowitsch im Februar kommt es im Osten und Süden der Ukraine immer wieder zu Gewaltausbrüchen. Beteiligt sind meist Anhänger einer engeren Anbindung an Russland sowie Nationalisten – von denen einige auch aus Russland einreisen – auf der einen Seite sowie Gefolgsleute der neuen Regierung in Kiew auf der anderen Seite. Das russische Außenministerium hatte kritisiert, dass die Führung in Kiew die Lage nicht unter Kontrolle habe. Der Ministeriumsmitarbeiter Konstantin Dolgow nannte die Festgenommenen von Charkow „kampfbereite Neofaschisten“.