Hoeneß-Urteil

Zuhause auf Zeit – mit Bolzplatz und Pool

Im Internet können Kunden heutzutage ja alles nach Lust und Laune kritisieren oder loben. Auf www.knast.net hecheln ehemalige Insassen, Besucher von Inhaftierten und Bedienstete die Justizvollzugsanstalten dieser Republik durch, vergeben Sterne oder senken Daumen für ihre Erfahrungen hinter Gittern. Interessant ist, was dort über die JVA Landsberg am Lech zu lesen ist. Denn dort muss womöglich schon bald Uli Hoeneß seine Strafe wegen Steuerhinterziehung absitzen.

Die Meinungen jener, die das Gefängnis von innen kennen, gehen zwar auseinander, aber insgesamt sind die Bewertungen auf knast.net eher positiv. „Hallo, ich saß drei Jahre in Landsberg und muss sagen, dass dort die Haftbedingungen im Vergleich zu anderen Anstalten in Bayern sehr gut sind“, schrieb vor gut zwei Jahren ein „Markus“ ohne Angabe des Alters. „Die Beamten sind freundlich, und die Anstaltsleitung tut alles in ihrem Ermessen, um einem alle Freiheiten zu gewähren, Ausgang, Urlaub, Freigängerhaus.“

Hier und da wird zwar geschimpft, dort würden Leute zur Strafe in den Keller gesperrt und Kinderschänder würden prinzipiell besser behandelt als Ausländer oder Drogenkriminelle. Aber „der Knast an sich ist schon in Ordnung“, meint eine Besucherin. „Meine bessere Hälfte haust da seit 20 Monaten.“ Nur ab und an falle mal zuviel Salz in den Topf oder es werde ganz und gar vergessen. Jemand, der sich als Bediensteter ausgibt, schreibt aber sarkastisch vom „besten Hotel“ für Gefangene: „Die JVA Landsberg ist eigentlich kein Knast, sondern ein großer Kindergarten! In dem die Knackis gehegt und gepflegt werden!“ Das „bayrische Alcatraz“ – eine Wortschöpfung des einstigen Klatschkolumnisten Michael Graeter, der selbst dort büßte – ist übrigens weltberühmt, ein Ort der Geschichte. Nach seinem gescheiterten Putsch 1923 saß Adolf Hitler hier 264 Tage lang in einer Zelle und schrieb „Mein Kampf“. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen viele Kriegsverbrecher der Nürnberger Prozesse dorthin, viele wurden hingerichtet. In der Neuzeit waren Oetker-Entführer Dieter Zlof, Konzertmanager Marcel Avram oder Klatten-Erpresser Helg Sgarbi Promi-Inhaftierte. Nach dem Zweiten Weltkrieg ließen die Amerikaner den Festungstrakt entkernen – Hitlers Zelle gibt es daher nicht mehr.

Dass die JVA als relativ angenehm gilt, liegt wohl an ihrer Belegung. Vor allem solche Täter, die zum ersten Mal verurteilt wurden, kommen dorthin, es gibt zudem Außenstellen und zwei Freigängerhäuser, in denen Verurteilte nur noch übernachten. Nach Landsberg kommen Verurteilte mit Strafen von bis zu sechs Jahren. Ihnen stehen unter anderem ein Fußballplatz zur Verfügung. Getrennt nach Delikten wird aber nicht. In der Anstaltskirche „beten Mörder, Bankräuber, Sexualverbrecher und Wirtschaftsdeliktler gemeinsam das Vaterunser“, schrieb einst Graeter. Gerade für Machtmenschen, Alphatiere und erfolgsverwöhnte Wohlhabende ist der Einzug aber auch in ein relativ freundliches Gefängnis eine albtraumhafte Erfahrung. Er wünsche nicht mal seinem ärgsten Feind einen Aufenthalt „im Hotel Vier Eisenstangen“, ätzte der Klatschreporter. Denn die freie Selbstbestimmung muss an der Pforte abgegeben werden, strikt hat sich der Inhaftierte den strengen Regeln und Wärtern unterzuordnen.

Es gibt, auch in Landsberg, nicht nur bestimmte kurze Besuchszeiten für Angehörige, sondern auch Zeitkorridore, in denen solch ein Besuch zwingend anzumelden ist. Die Insassen dürfen laut „Augsburger Allgemeine“ zwar einen Fernseher mieten, aber ein Kabelanschluss mit Sky ist nicht erlaubt. Damit würden für Hoeneß viele Fußballspiele flach fallen. Internetfähige Smartphones sind auch nicht gestattet.

Lange Warteliste für Einzelzellen

Klar ist: Eine moderne Justizvollzugsanstalt, nach allen Regeln der Kunst beziehungsweise Haftpsychologie erbaut – das war Landsberg einst im Jahr 1908 bei seiner Eröffnung. Doch das liegt lang zurück. Bauliche Annehmlichkeiten der Moderne dürfen Inhaftierte dort nicht allzu viele erwarten. Am Haupteingang grüßen zwar trutzige Rundtürme und grüne Zwiebeldächer mit einer gewissen architektonischen Anmut. Der Planer, der königlich-bayrische Baubeamte Hugo von Höfl, entschied sich für die Stilrichtung des klassizistischen Jugendstils. Doch von der Luft aus gesehen wirkt die Anstalt auf dem sechs Hektar großen Gelände durchaus martialisch. Vier mächtige Flügel mit 565 Haftplätzen laufen sternförmig in einem zentralen Wach- und Verwaltungszentrum zusammen. Es soll zwar Einzelzellen geben, aber auch eine lange Warteliste dafür.

So gut wie sicher jedoch scheint, dass Hoeneß zumindest teilweise als Freigänger seine Haft verbüßen darf, also lediglich in einem der beiden Freigängerhäuser zum Übernachten anrücken muss. Auch die Wochenenden dürfte Hoeneß dann bei seiner Familie verbringen. Einen Rechtsanspruch auf den Freigängerstatus gibt es aber nicht, und es hängt von der Justiz und der Beurteilung des Inhaftierten ab.

Gerade die Süd-Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg gelten als zurückhaltend bei der Bewilligung von offenem Vollzug. Doch für Uli Hoeneß dürften trotzdem andere Regeln gelten. Theoretisch könnte er sogar von Anfang an offenen Vollzug beantragen, zumindest hat das Bundesverfassungsgericht einmal so entschieden. Allerdings ging es bei der Entscheidung darum, einem Verurteilten die Chance auf den Arbeitsplatz zu erhalten. Einen solchen hat Hoeneß nun aber nicht mehr: Er hat alle Ämter niedergelegt.