Justiz

„Herr Hoeneß, erzählen Sie doch keinen vom Gaul“

Der Fall Hoeneß: Zum Prozessauftakt überrascht der Präsident des FC Bayern München mit Enthüllungen zu seiner Steuerhinterziehung

Um halb zwölf war die erste Halbzeit geschafft, kurz nach 15 Uhr kam der Abpfiff, zumindest für den ersten von vier Verhandlungstagen. Die Schweißperlen standen Uli Hoeneß auf der Stirn, der Kopf war puterrot, als er sich endlich im Saal 134 des Münchener Justizpalasts von der Anklagebank erheben durfte. „So, jetzt gemma“, sagte der Präsident des FC Bayern zu seiner Frau Susi, die im Zuschauerraum gesessen hatte, und es klang erleichtert. Er mühte zwar sich um Fassung, wirkte aber ermattet und gezeichnet.

Der Auftakt im Steuerhinterziehungs-Prozess, auf den Hoeneß monatelang mit Bangen wartete, hinterließ Spuren. Am schlimmsten waren für den 62-jährigen vermutlich die zwei Stunden am Morgen, als er selbst „Einlassungen zur Sache“ machte und dem Richter persönlich Rede und Antwort gestanden hatte. Zeitweise hatte Hoeneß da völlig hilflos gewirkt, manchmal ein bisschen verzweifelt. „Sie müssen wissen, Herr Vorsitzender,…“, sagte er immer wieder, oder: „Ich muss Ihnen das erklären.“ Aber auf manche Fragen wusste er eben einfach keine befriedigende Antwort. Oder wollte Hoeneß keine wissen?

Schon morgens um drei Uhr, viereinhalb Stunden vor Einlass, hatten sich die ersten Besucher vor dem Münchener Justizpalast angestellt, um sich einen der 51 Zuhörerplätze zu sichern. Und dann kam er, Uli Hoeneß, kurz vor halb zehn betrat er den Gerichtssaal, nachdem er die Nacht nicht in seiner schmucken Bauernhaus-Villa in Bad Wiessee verbracht hatte, sondern in einem Hotel in der Münchener Innenstadt. In den Saal kam er mit seinen drei Anwälten Hanns W. Feigen, Bernd Groß, Markus Gotzens. Fünf Minuten stand er inmitten seiner Verteidiger, eine Viererkette der ganz anderen Art.

Hoeneß bemühte sich, selbstbewusst zu wirken, dunkler Anzug, weißes Hemd, rote Krawatte mit weißen Punkten. Wenn er lächelte, wirkte es angestrengt, aber demonstrativ scherzte er ein wenig mit seinen Anwälten. Doch direkt über Hoeneß prangte ein unheilvolles Omen. In dem 1959 vom Bildhauer Robert Lippls entworfenen Deckenfries im Gerichtssaal 134 halten die Germanen just an der Stelle, wo er saß, Gericht unter der Eiche und brechen über den Schuldigen den Stab. Und hätte Hoeneß in den Zuschauerraum geblickt, wären die Aussichten auch nicht besser gewesen. Dort symbolisieren Flammenschwert, Pflug und Steine die Vertreibung der ersten Menschen aus dem Paradies. Das Gefühl dürfte der Bayern-Präsident gut kennen.

Doch Hoeneß, bekannt für die Abteilung Attacke, schaute nicht nach hinten, er blickte nach vorn zum Richtertisch, zum Gegner. Die zunächst aufgesetzte gute Laune wich im Laufe der Verhandlung immer mehr einer großen Anspannung. Hoeneß rutschte zusehends in die Defensive. Und das lag vor allem an Rupert Heindl, dem Vorsitzenden Richter.

Der erste Dialog zwischen Richter und Angeklagtem lief noch eher locker ab. „Der Herr Hoeneß, das sind Sie“, sagte der 47-Jährige Richter und gab wie üblich die Formalitäten und Personalien an. „Geboren am 5.1.1952, Vorname ist Ulrich, uns ist kein weiterer Vorname bekannt.“ Dazu Hoeneß: „Das ist richtig.“ Er wirkte in diesem Moment fast, als breche er gleich in Tränen aus.

Dann folgte die Anklageschrift. Um dieses Dokument war ein großes Geheimnis gemacht worden. 30 Seiten lang sei die Schrift, so wurde gemunkelt, gespeichert auf einem Hochsicherheitsserver der Münchener Justiz. Auf dass auch ja nichts nach außen dringe vor der Verlesung. Doch Staatsanwalt Achim von Engel hatte alles auf vier Seiten zusammengekürzt, und er benötigte ganze sieben Minuten, um das Zahlenwirrwarr vorzutragen: 33,5 Millionen Euro an Gewinnen verschwiegen, 3,5 Millionen Euro an Steuern hinterzogen. Angeklagt ist Hoeneß in „sieben Fällen“ deshalb, weil er für 2003 bis 2009 in Deutschland sieben Steuererklärungen abgegeben und dabei die Millionen in der Schweiz konsequent verschwiegen hatte.

Und zwar sehr viel mehr Millionen, als das sogar die Staatsanwaltschaft bis zu diesem Moment wusste. Fast wie in einer Nebenbemerkung ließ Hoeneß-Anwalt Hanns W. Feigen die Bombe platzen. Er erklärte, die Steuerschuld von Hoeneß sei nach Durchsicht der Unterlagen „noch deutlich erhöht, über 15 Millionen Euro hinaus“. Was bedeutet, dass Hoeneß statt der bisher angenommen 3,5 Millionen sogar 18,5 Millionen Euro hinterzogen hat. „Das“, sagte Feigen, „ändert aber nichts daran, dass die Rückkehr des Herrn Hoeneß zur Steuerehrlichkeit zu bejahen ist.“ Heißt: dass das Gericht seine Selbstanzeige akzeptieren und für wirksam erklären sollte. Dann wäre die Höhe der Steuerschuld egal.

Im Anschluss an den ersten Verhandlungstag verriet ein Sprecher der Staatsanwaltschaft, dass er von dieser Einlassung überrascht war. Hoeneß und seine Anwälte hatten erst am 28. Februar alle Unterlagen komplett, immerhin mussten für sieben Jahre über 33.000 Spekulationsgeschäfte nachdokumentiert werden, ein Riesenaufwand: 77.000 Seiten Papier gingen von der Schweiz nach München. „Für die Staatsanwaltschaft war es eine Überraschung, dass der Angeklagte eine Einlassung von 15 Millionen Euro erklärt hat“, sagte der Sprecher. Aber am Prozessverlauf dürfte das nichts ändern. „Im Großen und Ganzen hat das unsere Sicht aber nicht groß verändert.“

Doch zunächst hatte am Morgen nach der Verlesung der Anklage Uli Hoeneß selbst das Wort ergriffen. Er verlas eine Erklärung und gab alle Vorwürfe zu. Zeitweise erinnerte die abgelesene Erklärung auffällig an das Interview, das Hoeneß wenige Wochen nach seiner Selbstanzeige der „Zeit“ gegeben hatte. „In den Jahren 2002 bis 2006 habe ich richtig gezockt, mit Beträgen, die heute schwer für mich begreifen zu sind. Das war für mich ein Kick. Pures Adrenalin“, sagte er fast wortgleich vor Gericht.

Als Hoeneß schilderte, wie trotz seiner Selbstanzeige die Hausdurchsuchung und Verhaftung kam, wurde er emotional. „Ich war total geschockt. Auch wenn es gelang, den Haftbefehl gegen Kaution außer Vollzug zu setzen. Ich wollte nur nach Hause.“ Er wolle nicht jammern, aber die Folgen für ihn und seine Familie seien katastrophal gewesen. „Mein Haus wurde belagert, es gab sogar Morddrohungen. Ich kann das alles nicht ändern, bin aber doch sehr betroffen.“ Sprach’s und vergaß nicht, seine soziale Seite zu erwähnen. „Ich bin kein Sozialschmarotzer. Ich habe seit 2001 fünf Millionen Euro an gemeinnützige Vereine gespendet. Ich will damit aber nicht angeben. Ich will die Sache hinter mich bringen.“ Dass das nicht so einfach geht, machte Richter Heindl klar.

Vertrauen zum Chefdevisenhändler

Zunächst entspann sich bei der Befragung noch ein angenehmer Dialog. Es ging um die Karriere von Hoeneß, als Heindl sagte: „Sie waren Nationalspieler bis 1976. Daran können wir uns ja alle erinnern.“ Ein Seitenhieb auf den berühmten verschossenen Elfmeter im EM-Finale gegen die CSSR in Belgrad. Heindl fragte auch zum Flugzeugabsturz 1982, den Hoeneß nahe Hannover als einziger Insasse überlebte, und zu etwaigen Folgeverletzungen. „Der Rücken ist etwas malträtiert“, sagte Hoeneß. Darauf Heindl: „Oberhalb des Rückens ist aber nichts geblieben.“ Ein belustigtes Raunen zog durch den Saal, dann wurde es ernst. Es ging um die Geschäfte.

Um die Spekulationen auf Währungsankäufe. Euro gegen Dollar. Yen gegen Franken. Dollar gegen Yen. Jeder gegen jeden. Um Arrangements mit der Bank, ob Hoeneß Ansagen machte oder ob die Bank eigenmächtig handelte, etwa bei verschiedenen Anlageformen wie den „Futures“. „Ich habe nie einen Kontostand angeschaut“, sagte Hoeneß. „Der Chefdevisenhändler ist ein sehr guter Freund von mir, zu dem habe ich 100 Prozent Vertrauen.“ Immer wieder bohrte Richter Heindl nach, warum er sich nicht selbst darum gekümmert habe, immer fachspezifischer wurde die Debatte, immer mehr geriet Hoeneß in die Schusslinie und in die Defensive, etwa als Heindl sagte: „Das waren doch keine Peanuts.“ Hoeneß berief sich seinerseits darauf, die Bank habe die Anlagen immer eigenmächtig verlängert, solange er nicht selbst der Bank Bescheid gab.

Und plötzlich hatte es Hoeneß dann sogar nicht nur mit dem Richter zu tun, sondern auch mit seinem eigenen Anwalt. Bei der Frage, ob er vom Vontobel-Konto auch mal Bargeld abgehoben habe, meinte Hoeneß: „Mein Gefühl sagt mir, dass es zwischen einer halben Million und einer Million ist.“ Anwalt Feigen polterte dazwischen: „Mein Gefühl ist, dass es schon etwas höher ist.“ Und als Hoeneß wenig später erklärte, die Ermittlungen durch Journalisten hätte bei der Selbstanzeige keine Rolle gespielt, da haute Anwalt Feigen zu seiner Rechten auf den Tisch und sagte sehr laut: „Herr Hoeneß, erzählen Sie doch keinen vom Gaul!“ Und: „Hat es natürlich. Da sind Sie gerannt wie ein Verrückter.“ Hoeneß war sichtlich irritiert, doch Feigen wollte wohl verhindern, dass sein Mandant wieder wie ein Schwindler dastand.