Konflikt

Russen riegeln die Krim ab

Ukraine: Soldaten bauen einen Schutzwall gegen vermeintliche Extremisten. Die EU sucht den Dialog mit Moskau – und fürchtet eine Eskalation

Der Türkische Schutzwall dürfte schon mehr als 2000 Jahre alt sein. Die mehrere Kilometer lange Linie durchkreuzt die Landenge von Perekop, die die Halbinsel Krim mit dem Festland verbindet. Der Wall wurde schon im Osmanischen Reich, während des Russisch-Türkischen Krieges, des Russischen Bürgerkrieges und des Zweiten Weltkrieges benutzt. Und heute stehen hier wieder bewaffnete Soldaten, neben einem Checkpoint, an dem eine russische Fahne und die Fahne der Republik Krim wehen. Hier verläuft eine der zwei großen Straßen vom Festland auf die Krim. Der Checkpoint „Türkischer Schutzwall“ wird vom russischen Militär kontrolliert, Kosaken und Polizisten der aufgelösten ukrainischen Sondereinheit Berkut (Steinadler) prüfen hier Autos. Ein Teil der Straße ist mit Sandsäcken versperrt, daneben stehen drei Schützenpanzer.

Russische Truppen kamen Ende der vergangenen Woche hierher. Ein Augenzeuge erzählt der Morgenpost, er habe am Freitag mehrere Militärhubschrauber auf einem Feld im Gebiet Cherson auf dem Festland, unweit des Kontrollpunktes gesehen. Am Mittwoch befestigten Soldaten ihre Positionen. In den Feldern rund um den Checkpoint stehen mehrere Militärlaster der Marke Ural und ein Bagger. Bereits am Wochenende gab es Berichte, dass russische Truppen hier Schützengräben konstruieren. Neben dem Schutzwall ist ein Laster mit einem großen Scheinwerfer zu sehen, weitere Technik ist mit einem Tarnnetz abgedeckt. Soldaten haben hier mehrere große Zelte aufgeschlagen.

Was wie eine Verstärkung für einen Krieg aussieht, soll ein Schutz gegen „Extremisten“ aus Kiew und dem Westen der Ukraine sein. Das sagt ein Mann mit einer schwarzen Sturmhaube und einem Maschinengewehr. An seinem Ärmelstreifen ist ein Kopf eines Steinadlers zu sehen. Der Mann gehört zu der berüchtigten Sondereinheit der ukrainischen Polizei, Berkut. Er kommt aus Sewastopol und war im Kiew im Einsatz, als Berkut gegen Demonstranten kämpfte. „In Kiew haben wir gesehen, mit welchen Methoden diese Demonstranten kämpfen“, sagt er. „Jetzt schauen wir, dass sie nicht auf die Krim kommen und keinen Einfluss auf das Referendum haben.“ Die neue Regierung der Krim hat beschlossen, dass ein Referendum am 30. März über den Status der autonomen Republik entscheiden soll.

Schützengräben und Panzer

„Sie nennen uns Verbrecher, wir nennen sie Extremisten“, sagt der Berkut-Polizist. Er sagt, er habe gesehen, wie Demonstranten geschossen hätten. Er habe auch gesehen, wie seine eigenen Kameraden auf Demonstranten geschossen hätten. Nachdem in Kiew Dutzende Menschen ums Leben kamen, beschloss die neue ukrainische Regierung, dass die Sonderpolizei aufgelöst wird – das war eine der Forderungen der Regierungsgegner auf dem Maidan in Kiew. Doch auf der Krim gibt es die Einheit immer noch. „Wir wollen hier nicht aufgeben“, sagt der Berkut-Mann am Türkischen Schutzwall. Er spricht von 90 Polizisten aus Sewastopol und rund 300 Leuten aus anderen Orten. Der Checkpoint an der Landenge von Perekop wird von der Sewastopoler Einheit überwacht – wie viele genau sie hier sind, sagt der Polizist nicht. Aber er ist sicher, dass sich Soldaten mit ihren Schützengräben und Schützenpanzern hier lange verteidigen können. „Hier stehen so viele Kräfte, dass die ganz ukrainische Armee ihnen nichts antun kann“, ist er überzeugt.

Vor ein paar Tagen hatte der Berkut-Mann mit anderen Polizisten der Sondereinheit einen russischen Pass bekommen. „Wir haben nicht darum gebeten, aber als das russische Konsulat uns das vorgeschlagen hat, wollte ich auch nicht Nein sagen.“ Er habe das getan, weil es von der Gruppe „Rechter Sektor“ Drohungen gegen Berkut gab. Er glaubt an den Schutz aus Russland und nicht an Unterhändler aus dem Westen. „Ich war im Kosovo und in Bosnien und habe gesehen, dass OSZE und UN nur ein Deckmantel für Amerikaner sind“, sagt er.

Auf der Festlandseite ist die ukrainische Armee ebenfalls aktiv geworden. Ukrainische Einheiten haben nach eigenen Angaben Kontrollpunkte an den Zufahrtsstraßen zur Halbinsel eingerichtet. Die Führung in Kiew wolle das Eindringen von Provokateuren verhindern, die der prorussischen Führung der Autonomen Halbinsel zu Hilfe kommen, sagte der Vize-Chef des Grenzdienstes der ehemaligen Sowjetrepublik, Pawel Schischolin. „An den Zugängen arbeiten 300 Grenzschützer an drei Straßen“, sagte er örtlichen Medien zufolge. Auch die Kontrollen an der Landesgrenze mit Russland seien verstärkt worden. Rund 500 „Extremisten“ sei dort bereits allein in den vergangenen 24Stunden die Einreise verweigert worden.

Zurück auf der russischen Seite. Gleich neben dem Lager der russischen Soldaten stehen mehrere Zelte und eine Feldküche von Kosaken. An einem Zelt weht die rot-grün-blaue historische Fahne der „Republik Kuban“. Sie gehört Kosaken aus dem Süden Russlands, die jetzt in der Ukraine neben dem Checkpoint patrouillieren. Einige von ihnen tragen Jagdgewehre.

„Das hier ist schon Russland“

„Wir sind gekommen, weil unsere Brüder-Kosaken von der Krim uns gerufen haben“, sagt Dmitri aus Krasnodar, ein Mann mittleren Alters mit einem großen Schnurrbart und einer Fellmütze. „Wir sind hier, um die Bevölkerung der Krim vor Banditen und Extremisten zu schützen.“ Er selbst habe aber bis jetzt keinen einzigen Banditen oder Extremisten gesehen. „Wir wollen, dass dieses Territorium unter dem russischen Schutz steht“, sagt er und zeigt auf die russische Fahne an dem Kontrollpunkt.

Neben den Kosaken stehen weitere bewaffnete Männer in Tarnuniform. Wie andere Soldaten sagen sie nicht offen, wer sie sind und woher sie kommen. Der russische Außenminister Sergej Lawrow und der Verteidigungsminister Sergej Schoigu behaupteten am Mittwoch, bewaffnete Menschen auf der Krim gehören nicht zur russischen Armee. Schojgu sprach von „Unsinn und Provokationen“. Lawrow sagte, Moskau habe über die prorussischen Gruppen auf der Krim keinerlei Kommandogewalt. Putin hatte am Dienstag bei seiner Pressekonferenz ahnungslos getan: „Es gibt viele Uniformen, die ähnlich aussehen.“ Und: Uniformen gebe es doch überall zu kaufen.

Doch schwere Militärtechnik und Waffen, die sie nutzen, sowie russische Kennzeichen der Fahrzeuge lassen keine Zweifel daran, dass es russische Soldaten sind. Am Checkpoint „Türkischer Schutzwall“ hat jedenfalls ein Mann mit russischen Schulterklappen das Kommando.

Die Korrespondentin der Morgenpost wurde von Kosaken festgesetzt, nachdem diese gesehen hatten, wie sie russische Technik und den Schutzwall mit Soldaten fotografierte. Die Militärs stellten sich nicht vor und ließen die Fotos löschen. Auf den Einwand „Ich bin russische Staatsbürgerin und möchte mich an das russische Konsulat in Simferopol wenden“ kam die Antwort: „Das hier ist schon Russland“.