Ukraine

In Alarmbereitschaft

Die ukrainische Einheit im Ort Perewalne bei Simferopol ist seit Sonntag von bewaffneten Militäreinheiten umstellt. Soldaten mit Maschinengewehren stehen am Eingang – und dann weiter alle paar Meter. Sie sehen aus wie die Soldaten, die am Freitag die zentralen Straßen in Simferopol kontrollierten: Masken, professionelle Ausrüstung, keine Hoheitszeichen. Jeder weiß, dass es Russen sind, aber offiziell sind sie nicht da. Neben der Einheit stehen 20 Militärlaster. Bei den meisten sind die Nummernschilder abgeschraubt, doch bei einigen sind mithilfe eines Fernglases russische Kennzeichen zu erkennen.

Hinter dem verschlossenen Tor stehen leicht verängstigte ukrainische Soldaten. Sie haben einen Panzer aufgefahren und sind bereit, sich zu verteidigen, sollten Russen die Basis stürmen. Hier ist eine ukrainische Brigade der Küstenwache stationiert. Russische Truppen forderten die Ukrainer auf, die Waffen abzugeben und sie auf das Gelände zu lassen, doch diese weigern sich.

Auch Dutzende pro-russisch gestimmte Männer sind nach Perewalne gekommen. Einer von ihnen, in Tarnuniform, steckt eine Fahne der Republik Krim neben die ukrainische Fahne am Eingang der Einheit. „Wir wollen nicht in dieses Schwuleneuropa“, brüllt er. „Damit uns nicht diese Homoehe aufgezwungen wird. Ich habe gesehen, dass ein hochrangiger Beamter in der EU in einer Homoehe ist. Ich will nicht, dass meine Kinder schwul und lesbisch werden.“ Neben dem Tor zur belagerten Einheit in Perewalne steht eine kleine Kirche. „Wir sind hier, um kein Blutvergießen zuzulassen“, sagt Olesja, die beim Morgengottesdienst war, als russische Truppen kamen. „Wir haben überhaupt nichts gegen Russen, aber wir sind gegen russische Machthaber.“

Offiziell heißt es, der russische Präsident Putin habe noch nicht über die Truppenentsendung entschieden. Doch de facto sind sie schon da und provozieren die ukrainische Armee. In Sewastopol haben sie versucht, Waffen einer Marineeinheit abzutransportieren. Ukrainische Soldaten haben die Ausfahrt mit einem Schützenpanzer blockiert. Nach Verhandlungen hätten die russischen Truppen die Basis verlassen, die Waffen seien in ein anderes Lager transportiert worden, so die Medien. Ähnlich in der Hafenstadt Feodossija.

Der ukrainische Premierminister Arseni Jazenjuk sprach von Provokationen seitens russischer Truppen, die zum Einsatz von Waffen führen könnten. „Der Konflikt muss mit allen Mitteln gelöst werden, vor allem auf dem friedlichen Weg.“ Nach seinen Angaben befinden sich auf der Krim bereits 6000 zusätzliche russische Soldaten, die am Freitag auf der Halbinsel gelandet sein sollen.

Die instabile Situation hat sich auch auf die östlichen Gebiete der Ukraine ausgebreitet. Bereits am Sonnabend fanden in mehreren Städten pro-russische Demonstrationen statt. Der ukrainische Abgeordnete Vitali Danilow sagte dem Sender Espresso TV, er habe Informationen darüber, dass Busse mit 2000 Russen aus Nachbarregionen in Charkow ankamen. Dort kam es zu Zusammenstößen mit knapp 100 Verletzten. Die Stadtverwaltung wurde gestürmt, die ukrainische Fahne auf dem Dach durch die russische ersetzt. In Donezk ernannte die Menschenmenge einen prorussischen „Volksgouverneur“. Sie forderte, dass das Gebiet Donezk zu Russland gehören und das Thema in einem Referendum entschieden werden sollte.

Russland zeigt sich inzwischen bereit, nicht nur auf der Krim, sondern in weiteren Regionen der Ukraine aktiv zu sein und russischsprachige Bürger militärisch zu „beschützen“. Am Sonnabend sagte der russische Parlamentssprecher Sergej Naryschkin im Telefongespräch mit dem ukrainischen Interimspräsidenten Alexander Turtschinow, Russland sei bereit, seine Truppen einzusetzen, wenn Kiew mit Gewalt gegen Bürger auf der Krim und im Südosten der Ukraine vorgehe.

In der Hauptstadt Kiew demonstrierten am Sonntag rund 10.000 Menschen auf dem Maidan-Platz gegen die russische Intervention auf der Krim. Demonstranten schwenkten britische, französische und deutsche Flaggen. „Die Ukraine und die Krim gehören zusammen“, riefen sie. Rund 300 Menschen belagerten Sonntagnacht die russische Botschaft. „Ich bin Russe, ich brauche euren Schutz nicht“, stand auf einem Plakat geschrieben. Auch in Odessa und Dnjepropetrowsk gingen Tausende gegen die Politik Putins auf die Straße.

Die Stimmung in Kiew ist bedrückt. Am Botanischen Garten versammeln sich am Sonntagnachmittag Studenten und diskutieren, ob die russische Armee sogar bis Kiew vorrücken könnte. Das ukrainische Parlament, die Werchowna Rada, bat die internationale Staatengemeinschaft um Unterstützung. Die USA, Großbritannien und Russland hätten der Ukraine 1994 eine Sicherheitsgarantie gegeben, sagt Oleg Tijanibok, Leiter der nationalistischen Swoboda-Partei. Im Gegenzug rüstete die Ex-Sowjetrepublik ihre Atomwaffen ab. „Doch Russland hat diese Garantie gebrochen.“ Übergangspräsident Alexander Turtschinow versetzte die ukrainische Armee in Alarmbereitschaft, ließ den Luftraum für ausländische Militärflugzeuge sperren und ordnete den Schutz der Zivilflughäfen an. Das Militär zieht Reservisten ein.

Zweifel an westlicher Unterstützung

Vitali Iwanenko glaubt nicht, dass der Westen der Ukraine militärisch zur Seite stehen wird. „Die Nato redet nur und hat Angst einzugreifen“, sagt der 46-Jährige mit der zerschlissenen Militärjacke. „Das war schon so in Georgien, als Russland Abchasien und Südossetien unter seine Kontrolle brachte“, so der Mann, der aus dem westukrainischen Lemberg gekommen ist. Er erzählt, er bewache das noch immer von Protestlern besetzte Kiewer Rathaus. „Im Ernstfall werde ich mich bei der Armee melden und kämpfen.“ Auch der Rechte Sektor, ein Verband nationalistischer Splittergruppen, rief zur Aufstellung bewaffneter Milizen auf. Allerdings unterstützen nur wenige Ukrainer den Rechten Sektor.

Eine größere Rolle spielt die Bürgerbewegung Spilna Sprava (Gemeinsame Sache). Die Organisation hatte während der Proteste in Kiew Regierungsgebäude besetzt und Straßenbarrikaden errichtet. „Ich glaube nicht, dass es Russland neben der Krim auch auf andere Landesteile abgesehen hat“, sagt Oleg Krawtschuk, Stabsleiter von Spilna Sprava. Russland wolle die Krim nur besetzen, um dann einen neuen Vertrag zur Stationierung seiner Schwarzmeerflotte zu erzwingen, glaubt der 40-Jährige. Die Janukowitsch-Regierung hatte den Flottenvertrag mit Russland bis 2042 verlängert. Der Kreml fürchte, die neue Regierung werde das Abkommen kündigen. Sollte es jedoch zum Krieg kommen, sagt Krawtschuk, könne Spilna Sprava zwischen 80.000 und 100.000 Männer mobilisieren.

Viele Demonstranten misstrauen zudem der neuen ukrainischen Regierung um Ministerpräsident Jazenjuk. „Er gehört zum alten System und wird von Oligarchen finanziert“, sagt Rechtsanwalt Anatoli Golubenko aus Odessa. Auch Innenminister Arsen Awakow sei ein Geschäftsmann und kein Politiker. Im Moment sehe er zur derzeitigen Übergangsregierung aber keine Alternativen. Oleg Krawtschuk ist sauer, weil Aktivisten der Bürgerbewegung bei der Regierungsbildung nicht berücksichtigt wurden. Spilna Sprava werde die Barrikaden und Zelte am Maidan erst nach den Präsidenten- und Parlamentswahlen wegräumen, schwört er. Trotz der Kritik sind sich Golubenko und Krawtschuk einig, dass die ukrainische Regierung Russland entschlossen entgegentreten müsse: „Wenn ich eingezogen werde, werde ich meine Pflicht erfüllen“, sagt Golubenko.