Berliner Spaziergang

Eine leise Beobachterin

Um ein Haar hätte es nicht geklappt. Doris Dörrie, hieß es noch am Vortag, sei erkältet. Ob sie spazieren gehen könne, sei sehr ungewiss. Ich stecke für alle Fälle ein Vitaminpräparat ein. Das hat schon eine gewisse Tradition. Bei unserem vorletzten Gespräch, das war damals für ihren Marzahn-Film „Die Friseuse“, war sie auch angeschlagen. Und ich hatte ihr da ebenfalls eine Ampulle mitgebracht. Jetzt muss die Regisseurin lachen, als ich abermals mit einem solchen Fläschchen komme. Sie erinnert sich noch gut an das letzte Mal. Ihr geht es heute schon wieder viel besser. Die Vitamine nimmt sie trotzdem. Und dann gehen wir los. Frische Luft soll ja auch gut tun bei einer Erkältung.

Wir treffen uns an der Brücke Friedrichstraße, Ecke Schiffbauerdamm. Sie kommt ohne Mütze. Und ohne Sonnenbrille. Dabei ist es heute frühlingshaft sonnig, man könnte auch sagen: gleißend hell. Und Frau Dörrie ist ja berühmt für ihre Sonnenbrille, die sie selbst in Fernsehstudios nie absetzt. Was ihr auch den Ruf einer Schwierigen, einer Unnahbaren eingebracht hat. Aber darauf wollen wir sie noch nicht gleich ansprechen.

Jetzt laufen wir erst einmal an der Spree entlang Richtung Hauptbahnhof. Auf der Strecke passieren wir Stellen, an denen sie schon gedreht hat. Vor allem aber ist die Route nicht weit von ihrer Wohnung in Mitte entfernt. Die Münchnerin hat seit gut zehn Jahren eine Zweitwohnung in Berlin. Wobei, wie sie gleich einwendet, das ja mehr die Wohnung ihres Mannes geworden sei. Als Filmproduzent habe Martin Moszkowicz mindestens einmal die Woche hier zu tun. Sie selber sei nicht regelmäßig hier. Das können einmal drei Monate am Stück sein, wenn sie einen Berlin-Film wie „Die Friseuse“ oder die Schirach-Verfilmung „Glück“ dreht. Das kann aber auch mal nur eine Stippvisite sein, wie jüngst bei der Berlinale. Ihr neuester Film, „Alles inklusive“, die Verfilmung ihres eigenen Romans, startet am 6. März. Den hätte man gut auf der Berlinale zeigen können. Das hat sie aber diesmal nicht gewollt. So kam sie einmal auf das Festival ohne diesen Stress, ohne den Druck. Und sie hat mal andere Filme gesehen. Herrlich sei das gewesen.

Es gab eine Zeit, da war München nicht nur Deutschlands heimliche Hauptstadt, sondern die ganz offizielle Filmhauptstadt. Heute muss eigentlich jeder, der im Business arbeitet, in Berlin wohnen. Doris Dörrie ist eine der Letzten, die München treu geblieben sind. Ist man damit eigentlich ein Fossil, gehört man einer aussterbenden Spezies an? Die 58-Jährige lacht. „Für mich ist München eine wahnsinnig angenehme Stadt, in der ich gern lebe. Ich bin aber so viel unterwegs, dass ich mir die Frage nie stelle. Ich muss nicht nach Berlin ziehen, ich bin ja oft genug hier. Sonst müsste ich auch nach Japan oder nach Mexiko ziehen. Da bin ich auch oft und gern.“

Zweitwohnung in Mitte

Immerhin: Die Zweitwohnung liegt in Mitte. Da müssen sie ja alle hin, die Neu-Berliner. Nein, auch da wehrt sie ab. Die Wohnung haben zwei gute Freunde von ihr gefunden, der Schauspieler Pierre Sanoussi-Bliss, der in ihrem Film „Keiner liebt mich“ die Hauptrolle gespielt hat, und sein Kollege Matthias Freihof. Bei denen im Haus sei eine Wohnung frei geworden. Sie wohnen jetzt quasi unter einem Dach. Und verbringen viel Zeit miteinander. Das sei ja sonst schwierig in Berlin. Die beiden haben vorher übrigens in Prenzlauer Berg gewohnt, seien da aber weggezogen, wegen der Gentrifizierung. Ein Effekt, den Dörrie auch in Mitte verfolgen konnte. „Ich habe die Veränderung des Kiezes sehr genau mitbekommen: Anfangs hatten wir noch einen Bäcker, einen Lebensmittelladen, einen Blumenladen in der Straße. Und plötzlich waren das nur noch Galerien.“ Gentrifizierung sei ein kompliziertes Thema. Natürlich bringe sie auch Arbeit und positive Veränderungen für ein Stadtviertel. Gleichzeitig ziehe sie aber eine komplette Vertreibung alter Mieter nach sich und einen Verlust von Kiez. „In Berlin ist das besonders augenfällig, weil die Stadt ja nur aus Kiezen besteht.“ Im Gegensatz zu München.

Berlin ist ihr nicht nur als Gegenpol zu Bayerns Metropole wichtig. Hier hat sie auch ein wahres Erweckungserlebnis gehabt. Das zur Opernregisseurin nämlich. Man hat sie damals wirklich überreden müssen. „Oper“, staunt sie noch heute, „war für mich exotischer, als nach Japan zu fahren.“ Eine Operngängerin war sie nie. Bis dahin war sie genau zwei Mal in einer solchen, als Kind in der „Zauberflöte“ und dann mit ihrer Tochter, wieder in der „Zauberflöte“. Aber Daniel Barenboim wollte sie unbedingt für „Cosi fan tutte“ an die Staatsoper holen. Und er persönlich hat sie überzeugt, es zu wagen. Eine doppelte Herausforderung. „Nicht nur, in diese Welt zu reisen. Sondern auch in dieses Haus, diese Staatsoper Unter den Linden, ein ganz fremdes Schiff in sehr fremden Gewässern.“

Es war eine grundlegende Erfahrung. Wer kann schon von sich behaupten, dass Barenboim sein privater Musiklehrer war? „Er hat mir alles beigebracht. Wie man hört. Was für eine Struktur so eine Partitur hat.“ Er hat an sie als Opern-Novizin geglaubt. Und sie wiederum hat ein El Dorado gefunden: die Kantine der alten Staatsoper, wo noch die alten Sänger und die Ex-Primadonnen saßen, die schon lange nicht mehr sangen. Die natürlich viel über die DDR-Vergangenheit zu erzählen hatten. „Das“, sagt Dörrie, und ihre Augen glitzern dabei, „hat mich irrsinnig fasziniert. Ich wollte damals auch jeden porträtieren von der Staatsoper, hatte aber leider nicht die Zeit. Und nicht die Mittel dazu.“ Das sei schade. Denn irgendwie ist dieses Schiff ja untergegangen. „Und wenn es irgendwann mal wieder eröffnet wird, ist es ein anderes Schiff.“

Die „Cosi“-Premiere 2001 war eine regelrechte Saalschlacht, hier die Bravo-, da die Buhfraktion. Und auf der Bühne die Filmregisseurin, die so ihre Opernweihe erlebte. „Cosi“, triumphiert sie, läuft immer noch im Spielplan. Und sie hat seither eine Art Drittkarriere gemacht. Doris Dörrie ist zuallererst Filmregisseurin, dann auch gefeierte Buchautorin. Aber immer wieder inszeniert sie auch Opern. Wie „Turandot“, ebenfalls an der Staatsoper. Oder zuletzt „Don Giovanni“ im vorletzten Jahr in Hamburg. Steht bald wieder eine Oper an, vielleicht wieder an Barenboims Haus? Dörrie wiegelt ab. „Opern sind für mich kompliziert zu planen. Weil sie immer so lange im Voraus die Zusage haben wollen. Und da weiß ich meist noch gar nicht, was ich machen möchte.“ Sie möchte sich da auch ein wenig treiben lassen können.

Wo kommen ihr eigentlich die Ideen? Am Schreibtisch? Oder beim Beobachten der Menschen? Sie macht eine ausladende Handbewegung, wie um den Raum um uns einzufangen. „Ich bin ein großer Anhänger des Notierens. Die Welt um mich herum wahrzunehmen.“ Das beweist sie bei unserem Spaziergang. Als wir an den Kreuzen für die Mauertoten vorbeikommen, wundert sie sich etwa, warum am Kreuz von Klaus Schroeder Blumen angebracht sind, an den anderen aber nicht. Solche Fragen beschäftigen sie. Dahinter verbergen sich Geschichten. Und bei der Bundestagskita fällt ihr auf dem Balkon eine adrette Fahrzeugbatterie an Kinderwagen auf, ordentlich einer neben dem anderen geparkt. Ein lustiges Bild. „So etwas merke ich mir. Das kann ich dann abrufen. Einen aufmerksamen 360-Grad-Blick zu trainieren, ist meine tägliche Arbeit.“

Für ihren neuen Film „Alles inklusive“ etwa, in dem eine gehfaule Bulldogge eine nicht unbedeutende Rolle spielt, hätte sie viel in München im Englischen Garten gesessen und Hundebesitzer beobachtet. Und deren Gespräche belauscht. Das hätte sie wohl auch hier am Reichstagsufer machen können. Da sind heute jedenfalls fast nur Herrchen mit ihren Hunden unterwegs. Aber Moment mal: Kann sie denn überhaupt unbemerkt andere beobachten? Oder wird sie dann nicht selbst automatisch beobachtet? „Das weiß ich gar nicht. Weil ich darauf nicht achte. Das habe ich Mitte der Achtziger beschlossen, als ich mit einem Mal so erfolgreich wurde.“ Das war 1985, nach „Männer“. Der Erfolg hatte sie schlagartig ins Rampenlicht katapultiert, was ihr gar nicht lieb gewesen ist. Deswegen hat sie sich wohl auch so einen Tunnelblick antrainiert. Kann sie denn jetzt durch Berlin flanieren, ohne ständig angesprochen zu werden? „Das ist eine Frage der Haltung“, glaubt sie. „Wenn ich jetzt ständig darauf lauern würde, dass mich jemand erkennt, würde mich wahrscheinlich auch mal jemand erkennen. Wenn ich das nicht forciere, findet das aber auch nicht statt.“

Das scheint uns jetzt der ideale Moment für die Sonnenbrillenfrage. Ist das nicht der Grund, warum sie immer so ganz undurchsichtige Modelle getragen hat – um sich abzuschirmen, um nicht erkannt zu werden? Nein, das habe einen ganz lapidaren Grund. „Ich hatte immer sehr lichtempfindliche Augen. Jetzt bin ich so kurz- und altersweitsichtig, dass ich ständig eine Brille aufhabe, die das korrigiert.“ Wir sind jetzt ganz mutig und bringen auch das mit dem Ruf der Schwierigen zur Sprache. Das scheint sie erst recht zu erheitern. „Wirklich?“ Oh, das sei aber doch gut, als schwierig zu gelten. Dass sie sich aber nicht so wahnsinnig gern gezeigt habe, das stimme schon. Sie hat sich ja bewusst für eine Karriere hinter der Kamera entschieden.

Schnurstracks durch die Menge

Ganz zufällig ergibt sich jetzt ein Blitz-Test. Eine Horde von Menschen kommt uns entgegen. Wir müssen mitten hindurch. Und tatsächlich gucken die. Muss ja jemand wichtiges sein, wenn da jemand mit Aufzeichnungsgerät nebenherläuft. Man ahnt, wie die jetzt denken, die kenne ich doch irgendwoher, wer ist das nur. Doch keiner sagt etwas, keiner spricht sie an. Frau Dörrie senkt auch nicht den Blick. Geht aber schnurstracks durch die Menge durch.

Heilfroh sei sie, sagt sie danach, dass sie nicht so richtig berühmt ist. „Das wäre schrecklich. Ein entsetzliches Gefängnis.“ Für sie wäre es schlicht der Untergang: „weil ich dann ja gar nichts mehr beobachten, nichts mehr beschreiben könnte.“ Was, wie sie hinzufügt, doch ihr Hauptberuf sei: „Sammeln. Beobachten. Schreiben.“ Wen, fragt sie, könne George Clooney eigentlich noch beobachten? Vielleicht seinen Bodyguard.

Ihr Job sei es, „Zeugin zu sein auf eine seltsame Art und Weise“. In ihren Filmen und ihren Büchern versuche sie zwar, nicht als zentrale Geschichte, aber doch en passant gesellschaftliche Realität abzubilden. Schon „Männer“ war ja nicht nur eine Beziehungskomödie, es ging um den Gegensatz von Angepassten und Unangepassten, Politaktivisten und Kapitalisten. „Happy Birthday Türke“ war der erste deutsche Film, in dem ein türkischer Immigrant die Hauptrolle spielte. In „Bin ich schön?“ ging es um die Sehnsucht auszusteigen, in „Keiner liebt mich“ um Esoterik und das Geschäft damit, in „Nackt“ um die erste Turbokapitalismus-Blase, in „Hanami - Kirschblüten“ um unseren Generationenkonflikt, wo die Jungen keine Zeit mehr für die Älteren haben. Die Liste könnte man noch weiter ausführen. Das muss nicht immer in Deutschland spielen. Es funktioniert auch in Japan. Oder, wie jetzt in „Alles inklusive“, in spanischen Hotelanlagen.

Arbeitet sie sich an Deutschland ab? Wieder lacht sie. „Das klingt, als sei ich total abgearbeitet.“ So solle man es, bitte schön, nicht verstehen. Aber im übertragenen Sinne stimme das schon. Weil ihr Personal aus diesem Land komme. „Ich ernähre mich von den Geschichten in diesem Land. Ich stelle mir Fragen über uns und mich selbst. Und versuche das auch meinen Figuren mitzugeben.“

Plötzlich macht das irgendwie tieferen Sinn, das wir am Reichstagsufer entlang spazieren, vorbei am Marie-Elisabeth-Lüders-Haus auf dem Hin- und am Paul-Löbe-Haus auf dem Rückweg, all den Bundeseinrichtungen.

Wenn Sie, lieber Leser, also demnächst hier entlang spazieren sollten, womöglich mit Hund, oder in einem Park sitzen und nicht weit von ihnen entfernt entdecken Sie eine Frau mit oder ohne Sonnenbrille, die ein wenig wie diese „Männer“-Regisseurin aussieht, dann sollten Sie sich gut überlegen, was Sie sagen. Denn es könnte gesammelt, notiert und verwertet werden. Und im nächsten Buch oder Film von Doris Dörrie wieder auftauchen.