Edathy-Affäre

Der Deutsche, der in Rumänien Kinderpornos drehte

Die Vorgeschichte des Falls Edathy beginnt in der Stadt Zalau im Norden von Rumänien. Hier wurden die meisten Filme gedreht, die die kanadische Internetseite Azov Films vertrieb, deren Kunde der SPD-Politiker Sebastian Edathy war.

2001 zog, so berichten es rumänische Medien, der Deutsche Markus R. nach Zalau, arbeitete für eine deutsche Holzfirma. R., so erzählt es auch die rumänische Polizei, trat als Wohltäter auf, gab Kindern Unterricht in Karate, spendierte Pizza. „Er schlich sich in das Leben der Familien ein“, sagt ein Ermittler. Schließlich drehte R. mit den Kindern ab acht Jahren Nacktfilme. „Das Zeug war widerlich“, sagt der Ermittler. Insgesamt 200 Jungen sollen in den Streifen auftauchen. Pro Film soll R. den Kindern 20Lei, etwa fünf Euro, gezahlt haben. Ihren Eltern sagten die Kinder, sie würden zum Karate gehen. Schließlich kamen Eltern dahinter, was bei R. wirklich abging. Der Deutsche musste zwei Jahre ins Gefängnis. Das Gericht sagte, einige Filme würden den Straftatbestand der Kinderpornografie erfüllen.

Die rumänische Polizei wurde während der Ermittlungen auch auf Azov Films in Toronto aufmerksam – der „Spiegel“ beschreibt die Internetseite als „eine Art Amazon für Pädophile“. R. hatte Filme für bis zu 3000 Euro das Stück an die kanadische Firma verkauft. Die Rumänen informierten ihre Kollegen in Kanada. Und so stießen diese auf den Namen Brian Way.

Im Mai 2011 schlugen 30 Fahnder gleichzeitig mit sieben Hausdurchsuchungen in Toronto zu – Way wurde verhaftet, als er seine tägliche Bagel- und Kaffeefahrt machte. Wichtigstes Fundstück war die internationale Kundenkartei Ways. Mehr als 500 Filme und 283.000 Fotos werteten die Beamten aus. Die schlimmsten Kinderpornos und ihre Käufer meldeten sie ihren Kollegen in den USA, dann Interpol. Bei der Operation „Spade“ wurden Daten in der Größenordnung von etwa 45 Terabyte beschlagnahmt – Speicherplatz für rund 30.000komprimierte Kinofilme.

Kunden in 94 Ländern

Menschen in 94 Ländern waren Kunden bei Azov Films, unter ihnen auch Edathy. Er soll nach Angaben der Ermittler zwischen 2005 und 2010 neun Mal insgesamt 31 Bildersets und Videos bestellt haben. Zu sehen sind auf dem Material, das Edathy geordert hatte, Jungen zwischen neun und 14 Jahren, aber keine sexuellen Handlungen. Das Bundeskriminalamt stuft dieses Material in die „Kategorie 2“ ein, es ist „strafrechtlich irrelevant“. Doch die Fahnder entschlossen sich trotzdem, bei Edathy genauer hinzuschauen – oft ist es nämlich so, dass Menschen, die gerade noch legale Nacktfilme schauen, auch härteres Material besitzen. Der SPD-Politiker hatte sich auf der Homepage sogar mit seinem Klarnamen als Kunde registriert. Er versuchte offenbar gar nicht erst, seine Identität zu verbergen.

Am 13. November 2013 gehen die Kanadier mit ihrem Fahndungserfolg an die Presse. Interessant ist, was Edathy jetzt darüber sagt: „ Mitte November 2013 gab es in der deutschen Medienlandschaft Berichte, wonach eine Firma in Kanada von dortigen Behörden der Verbreitung illegalen Materials bezichtigt werde. Da mir erinnerlich war, bei einer kanadischen Firma, um die es mutmaßlich ging, vor etlichen Jahren Material bezogen zu haben, das ich für eindeutig legal halte, habe ich einen Anwalt um Beratung gebeten. Zum damaligen Zeitpunkt war mir unklar, ob, und falls ja, wo es überhaupt einen Prüfvorgang geben könnte. Mein Anwalt hat daraufhin präventiv mit verschiedenen Behörden im Bundesgebiet Kontakt aufgenommen, um für den Eventualfall vollständige Kooperationsbereitschaft anzubieten.“

Schwesig will Kinderschutz prüfen

In diesem Zusammenhang will Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig(SPD) die Regelungen zum Kinder- und Jugendschutz danach überprüfen, ob sie zum wirksamen Kinder- und Jugendschutz tatsächlich ausreichten. Ähnlich sieht das die Union. Es müsse überprüft werden, „ob es eine Schutzlücke im Gesetz gibt“, sagte der Chef des Bundestags-Innenausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU), der „Rheinischen Post“. Der gesundheitspolitische Sprecher der Unions-Fraktion, Jens Spahn (CDU), unterstützt Schwesig. „Wir müssen die Frage ins Zentrum rücken, wie es den Kindern in Rumänien oder anderswo geht, die für solche Bilder und Filme herhalten mussten“, sagte er. Möglicherweise sei das Kaufen und das Herunterladen von derartigem Material „zwar legal, aber gleichwohl nicht legitim“.