Kultur-Staatssekretär

Das Geld war da, die Visionen fehlten

Die Bilanz von André Schmitz fällt ordentlich aus, aber bei der Intendantensuche schwächelte er. Sein Nachfolger könnte auch von außen kommen

Die Formulierung passt zu ihm: Kultur-Staatssekretär André Schmitz reichte ein „schriftliches Gesuch“ ein, bat den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), ihn von seinen „Aufgaben zu entbinden“. Wahrscheinlich wurde lange nach den richtigen Wörtern gesucht, es geht ja auch um Versorgungsansprüche und einen einigermaßen stilvollen Abgang. Der in diesem Fall schwierig ist. Denn Schmitz hat sich – anders als etliche andere prominente Steuersünder – nicht selbst angezeigt, sondern wurde 2012 ertappt. Die Steuerhinterziehung lag noch länger zurück, André Schmitz (SPD) war zu dieser Zeit Chef der Senatskanzlei und beschäftigte sich auch mit Anti-Korruptions-Regeln für den öffentlichen Dienst.

„Ich tue diesen für mich persönlich schmerzhaften Schritt, um Schaden für das Amt und für die Berliner Kulturpolitik zu vermeiden“, begründet Schmitz seinen Rücktritt, ohne dies Rücktritt zu nennen. Die Kultur-Staatsministerin Monika Grütters (CDU) erklärte: „Die langjährige erfolgreiche Arbeit von André Schmitz hat die Berliner Kulturlandschaft nachhaltig geprägt, dies und auch seinen konsequenten Rücktritt sehe ich mit großem Respekt. Seine allseits anerkannte Kompetenz als Kulturpolitiker war immer ein Garant für die immer reibungslose Zusammenarbeit von Bund und Berlin in Kulturfragen. Der Rücktritt von André Schmitz tut mir persönlich und menschlich sehr leid.“ Die beiden kennen sich gut. Ulrich Seelemann, der Konsistorialpräsident der evangelischen Landeskirche, sagte: „Wir schätzen André Schmitz als einen hochgebildeten, weitsichtigen Mann und verlässlichen Partner, der viel für die Stadt Berlin, für unsere evangelische Kirche und das gute Miteinander der Religionsgemeinschaften geleistet hat.“

Als der Regierende Bürgermeister Wowereit nach der Abgeordnetenhauswahl 2006 den Posten des Kultursenators strich und selbst die Verantwortung für diesen Bereich übernahm, musste Schmitz aus der Senatskanzlei auf den Posten des Kultur-Staatssekretärs wechseln. Schmitz’ Traum vom Senatorenposten erfüllte sich nicht.

Seine Bilanz fällt ordentlich aus, auch dank der schützenden Hand von Wowereit. Während die Opposition in diesen sieben Jahren Reflexionen und Visionen vermisste, sorgte der Regierungschef dafür, dass das Geld stimmte. Die etablierten Einrichtungen wurden auskömmlich finanziert. Schmitz hat den Suhrkamp Verlag nach Berlin zurückgeholt. Kulturelle Bildung wurde ein Schwerpunkt, er setzte sich für den Neubau der Zentral- und Landesbibliothek auf dem Tempelhofer Feld ein, stärkte die Erinnerungskultur und setzte 2013 mit dem Themenjahr „Zerstörte Vielfalt“ ein auch international beachtetes Zeichen. Das ehrgeizige Projekt einer Kunsthalle versandete, die Stiftung Stadtmuseum muss noch lange auf ein neues Haus warten.

Personalentscheidungen stehen an

Bei der Berufung von Intendanten, der Königsdisziplin, ist die Bilanz durchwachsen, weil man sich oft zu spät darum gekümmert hatte. Die erste Personalie war Ulrich Khuon, sein Wechsel vom Hamburger Thalia-Theater ans Deutsche wurde gefeiert. Das Votum für Nacho Duato als Nachfolger von Staatsballett-Chef Vladimir Malakhov kam bei der Fachkritik nicht gut an. Die Verpflichtung von Shermin Langhoff als erste Intendantin mit Migrationshintergrund an einem deutschen Staatstheater war ein Coup – und kaschierte nebenbei erfolgreich die nur einjährige und damit verdammt knappe Vorbereitungszeit der neuen Leitung am Maxim-Gorki-Theater. Bei der Deutschen Oper bekam Dietmar Schwarz eine Chance, an die Staatsoper wurde der erfahrene, altgediente Jürgen Flimm verpflichtet, lediglich Barrie Kosky hatte an der Komischen Oper ausreichend Vorbereitungszeit – und zeigte das eindrucksvoll in seiner Eröffnungssaison.

Weitere wichtige Personalentscheidungen stehen an, denn im Sommer 2016 verabschieden sich Frank Castorf als Volksbühnen-Intendant und Claus Peymann als Direktor des Berliner Ensembles. Und auch über die Nachfolge von Jürgen Flimm an der Staatsoper muss bald entschieden werden. Sollten die Gespräche mit den Kandidaten noch nicht kurz vor dem Abschluss stehen, hätte der Nachfolger von Schmitz gleich am Anfang große Probleme.

Vorläufig übernimmt Senatskanzleichef Björn Böhning (SPD) die Geschäfte. Möglicherweise wechselt der Wowereit-Vertraute, der sich um den Aufbau des Musicboards gekümmert hat, auch ganz auf den Posten. Das wäre eine Zäsur und ein Zeichen, dass sich die Gewichte weg von der Hochkultur verschieben könnten. Als möglicher Nachfolger gehandelt wird auch Moritz van Dülmen, der Chef der Kulturprojekte GmbH, die so etwas wie eine ausgelagerte Abteilung der Kulturverwaltung ist. Vorstellbar wäre aber auch eine externe Lösung wie die Verpflichtung von Oliver Scheytt, der bei der Wahl 2013 SPD-Kandidat für das Amt des Kulturstaatsministers im Bund war. Er kennt sich aber in der Berliner Kulturlandschaft nicht gut aus. Anders als beispielsweise Martin Hoffmann, der Intendant der Berliner Philharmoniker. Der bewegt sich in der Hochkultur, hat aber nach seiner Tätigkeit bei Sat.1 auch Erfahrung mit dem Populären.

Am kommenden Montag will sich Wowereit nach Angaben von SPD-Landeschef Jan Stöß im Kulturausschuss zum Fall Schmitz äußern. Stöß bezeichnete den Rücktritt als alternativlos, auch wenn er Verständnis dafür habe, dass Wowereit zu seinem langjährigen Weggefährten Schmitz gestanden habe. Es sei verständlich, dass es eine menschliche Loyalität gebe. Wowereit wird wohl schnell über die Nachfolge entscheiden, um die Causa Schmitz zu den Akten legen zu können. Er hat ja noch andere Baustellen.