Finanzaffäre

Der Rest ist Schweigen

Bei seinen Auftritten auf dem gesellschaftlichen Parkett fühlt sich der Berliner Kultur-Staatssekretär wohl – bis jetzt

André Schmitz ist selten um ein Wort verlegen. Gebildet, eloquent, für Berliner Verhältnisse sensationell stilsicher gekleidet. Aber jetzt ist Berlins Kultur-Staatssekretär, der charmante Plauderer mit den guten Manieren, in Erklärungsnot gekommen: André Schmitz hat ein „Steuervergehen“ eingeräumt und bedauert. Die übliche Schweizer Nummer. Also gewissermaßen ganz klassisch, wie etliche andere Wohlhabende auch. Aber warum? Das weiß nur er. Aber darüber redet er nicht.

Jetzt könnte man mit Hamlet kommen, da ist der Rest auch Schweigen – und Schmitz kennt seinen Shakespeare. Er hat zwar Jura studiert, wollte aber eigentlich Schauspieler werden. Hatte dann aber Bedenken, ob er damit seinen Lebensunterhalt bestreiten könnte. Möglicherweise eine Fehleinschätzung. Er hat seine Probleme souverän überspielt. Die Steuergeschichte samt anschließendem Strafverfahren ging 2012 über die Bühne und im Zeitalter von Steuer-CD-Aufkäufen und prominenten Fällen wie den von Uli Hoeneß, der offenbar wegen einer Finanzamtsindiskretion ans Tageslicht kam, musste Schmitz eigentlich ständig damit rechnen, dass auch sein Fall publik wird.

Schmitz ließ sich adoptieren

Er ließ sich aber nichts anmerken. Man hätte es aber auch nicht vermutet. Ausgerechnet Schmitz. Jetzt allerdings erscheint eine im Gespräch beiläufig eingeflochtene Ankündigung seines Rückzuges aus der Politik am Ende der Legislaturperiode 2016 in einem anderem Licht. Er hatte wohl gehofft, die Steuergeschichte bliebe zumindest so lange unter dem Teppich. Da hat er sich geirrt. Eine Telefonkonferenz der Spitze der Berliner SPD gab den Ausschlag: Dabei hätten viele Vorstandsmitglieder gefordert, dass Schmitz aus seiner Steuerhinterziehung Konsequenzen ziehen müsse.

Für Schmitz ist der Amtsverlust bitter, aber finanziell verkraftbar. Die kinderlose Pauline Schwarzkopf aus der gleichnamigen Haarkosmetik-Dynastie adoptierte ihn nach dem Tod ihres Mannes Heinz. Schmitz ist auch Vorsitzender der Schwarzkopf-Stiftung, die sich die europäische Verständigung auf die Fahnen geschrieben hat und mittlerweile in Berlin angesiedelt ist.

Dank der Adoption darf man davon ausgehen, dass Schmitz nicht arbeitet, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, sondern, weil es ihm Spaß macht. Weil er gern eine wichtige Funktion hat. Weil er gern auf dem gesellschaftlichen Parkett glänzt. Und weil er es mag, Strippen zu ziehen und sich sich mit anderen Vertretern der Hochkultur zu umgeben.

Seit 2006 ist André Schmitz in Berlin Kultur-Staatssekretär, davor hat er für den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) die Senatskanzlei geleitet. Er gilt als der heimliche Kultursenator, obwohl Wowereit, der ebenfalls seit 2006 als Regierender Bürgermeister auch für die Kultur zuständig ist, weil ein eigenständiger Senator abgeschafft worden ist, sich die wichtigen Anlässe wie der Vorstellung von neuen Intendanten nicht aus der Hand nehmen lässt. Und beispielsweise im Kulturausschuss Schmitz eher die Beantwortung der unwesentlicheren Fragen überlässt. Diese Arbeitsaufteilung hat der Kultur-Staatssekretär immer loyal akzeptiert, wohl wissend, dass man sich mit Wowereit besser nicht anlegen sollte.

Von der Volksbühne in die Politik

Dass André Schmitz SPD-Mitglied ist, vermutet man nicht unbedingt. Er stellt mit seinem großbürgerlichen Lebensstil – Stadtwohnung in Wilmersdorf, Landsitz in der Nähe von Neuruppin – nicht gerade den prototypischen Sozialdemokraten dar. Wowereit, so wird kolportiert, soll mal in einer Senatssitzung, als Schmitz sich etwas verspätete, gespottet haben, ob er wieder mit der Kutsche gekommen sei. Sein kulturpolitisches Handwerk gelernt hat Schmitz, der 1957 in Oberhausen geboren wurde und in Hamburg aufwuchs, bei Ingo von Münch, einem FDP-Mann: Direkt nach dem Abschluss des zweiten juristischen Staatsexamens war Schmitz von 1988 bis 1990 persönlicher Referent des 2. Bürgermeisters und Kultursenators in der Hansestadt. Über einen kurzen Ausflug in die Provinz, am Stadttheater Hildesheim war er Verwaltungsdirektor, kam er dann Anfang der 90er-Jahre in derselben Funktion an die gerade von Frank Castorf übernommene Volksbühne nach Berlin. André Schmitz erzählte früher gern die Anekdote, dass er dort der einzige war, der eine Krawatte binden konnte.

Eine Fähigkeit, die ihm in der jetzigen Situation auch nicht mehr weitergeholfen hätte. In den nächsten Tagen hätten ihn bei öffentlichen Auftritten eine Menge unangenehmer Fragen erwartet. Dem kommt André Schmitz nun zuvor.