Berliner Spaziergang

Der Hausherr des Kinos

Berliner Spaziergang: Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen.Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: ein Spaziergang mit Hans-Joachim Flebbe, Kinounternehmer

Hans-Joachim Flebbe ist bestens gelaunt. Er nimmt seinem PR-Mann das Berlinale-Programmheft aus der Hand und schlägt die erste Seite auf. „Back to the Zoo“ steht da in fettem Rot. So hat der Festivaldirektor Dieter Kosslick sein Editorial überschrieben. „Die Berlinale kommt zurück zum Zoo“, sagt Flebbe zufrieden. Sein Ende November 2013 neu eröffnetes Haus wird mit Sicherheit eines der großen Themen des größten internationalen Publikumsfestivals. Dieser Text im Programmheft, das weiß Flebbe, ist erst der Anfang. „Ich freue mich drauf, mit unserem schönen Kino anzugeben.“

Wir treffen uns im Foyer des Zoo Palasts. Durch die großzügigen Schwünge in der Decken- und Wandgestaltung entsteht ein Gefühl von Dynamik. Das Licht hier drinnen ist weich und schmeichelnd, da draußen ist es grau, Berlins Straßen sind vereist und mit Streugut verdreckt. Wir entscheiden uns, einfach durchs Gebäude zu spazieren, es gibt schließlich genug zu sehen. „Kennen Sie schon das Atmo-Demo?“, fragt Flebbe. „Nein? Das müssen Sie erleben.“

Der Zoo Palast ist wahrscheinlich das bekannteste Kino Deutschlands. „Als Kind habe ich ihn immer bei den Wochenschauen im Kino gesehen“, erzählt Flebbe. „Da stand dann der Hausherr oder der Berlinale-Chef und hat die Gäste begrüßt.“ Er grinst. „Und jetzt steh ich selber hier.“

Fünf Säle hat der neue Zoo Palast, zwei Clubkinos und eine Loge, die Innenarchitektur ist in großen Teilen denkmalgeschützt. Anna Maske, die Architektin, die das 1957 errichtete Gebäude saniert und mit den zeitgenössischen Ansprüchen ausgestattet hat, nennt es eine „leichte, zukünftige Bildwelt“, die der ursprüngliche Architekt Gerhard Fritsche entworfen hat. Der Linoleumboden im Foyer ist original, das detailreiche Treppengeländer wurde zur Restaurierung auseinandergebaut und die Teile jeweils einzeln aufgearbeitet, ähnlich wie die Sternbilder auf den Spiegeln. Die Aufbruchsstimmung habe sie erhalten wollen, sagt Maske. Ja, man versteht sofort, was sie damit meint.

Schlangen soll es nicht geben

Es ist Mittwoch, halb eins, eigentlich keine Zeit, um ins Kino zu gehen, und doch läuft in jedem Saal gerade eine Vorführung mit Publikum. Die Atmo-Demonstration muss also warten. Wir gehen erst mal in die Zoo-Loge, hier werden die Besucher begrüßt, die Logenplätze gebucht haben.

Personal ist reichlich vorhanden an diesem Morgen. Die beiden runden Kassenhäuschen direkt am Eingang sind mit freundlichen Menschen besetzt, lächelnde Mitarbeiter erwarten die Gäste an der Garderobe. Nur in der Zoo-Loge ist der Kollege noch nicht aufgetaucht.

Flebbe pumpt Kaffee aus einer Thermoskanne. Er ist der Erfinder des Premium-Kinos, der Filmlounge mit Valet Parking, Cocktails und Antipasti-Teller am Platz, aber anscheinend geht es auch mal mit Pappbechern. Die Loge ist an diesem Morgen vor allem von Mitarbeitern besucht. Vor einem Laptop wird eifrig diskutiert. „Na, Jungs, macht ihr die Homepage neu?“, ruft Flebbe rüber. Nein, es geht um die Gestaltung der Filmanzeigen. „Die gesamte Kommunikation läuft hier über Bildschirme“, erklärt Flebbe. „In den Multiplexen hängen immer Plakate, das sieht doch aus wie auf dem Rummelplatz.“

Multiplex, damit ist Flebbe bekannt geworden. Anfang der Neunziger war er der große Cinemaxx-Pionier, er wurde der Kino-König genannt. Als er 2008 aus dem Unternehmen ausschied, machte er die Kehrtwende. Seitdem betreibt er das Gegenteil von Multi. Für Flebbe bedeutet das: „Keine Schlangen, kein Popcorn, niemand, der im Kinosaal telefoniert.“ Er kann das aber auch positiv ausdrücken: „Gute Technik, gute Architektur, gute Filme“. Erwachsenenkino, wie er sagt.

Anna Maske, die Architektin, betritt mit einer Besuchergruppe die Zoo-Loge. Ein Kinounternehmer aus Kasachstan hat von Flebbes Konzept des Premium-Kinos gehört. Jetzt will er sich selber mal anschauen, wie das aussehen kann. Mittlerweile hat Flebbe fünf Standorte in Deutschland. Will er demnächst auch im Ausland Premium-Kinos betreiben? Flebbe lacht. Es gab mal einen Kunden in Abu Dhabi, der hatte Interesse. Flebbe flog rüber, erklärte alles. Der Kunde betreibt jetzt tatsächlich eine Art Premium-Kino. „Nur eben ohne uns“, sagt Flebbe.

Hans-Joachim Flebbe wirkt außerordentlich entspannt. Er ist ein großer Mann, ein erfolgreicher Unternehmer. Der plötzliche Multiplex-Abschied, dessen Hintergründe nie so recht bekannt wurden, hat ihn nicht in die Knie gezwungen. An sein neues Konzept glaubt er fest, aber unverbissen. Er macht aber auch keinen Hehl daraus, dass er sich nicht in alle Karten schauen lässt. Wie teuer war die Renovierung und technische Neuausstattung des Zoo Palasts? Gibt es einen Film auf der Berlinale, auf den er sich besonders freut? Einen Schauspieler, den er besonders gern begrüßt? Ein glatter Manager hätte jetzt so einen Null-Satz gesagt wie: „Wir erwarten in diesem Jahr ganz herausragende Stars.“ Flebbe aber spitzt amüsiert die Lippen. Ja, den gibt es, das kann man ihm deutlich ansehen. Oder vielleicht auch einen, auf den er sich gar nicht freut. Mitteilen wird er das nicht. Aber auch nicht vertuschen, dass er eine eigene Meinung hat.

Gestern Abend war Premierenfeier im Zoo Palast. „Mandela – Der lange Weg zur Freiheit“. „Ein total anderes Publikum“, sagt Flebbe. Botschafter kamen, auch Mandelas Tochter Zindzi war da. „In Berlin hat man eigentlich 60 Prozent ‚no show‘“, sagt Flebbe. Die Leute sagen zu, kommen aber nicht. „Aber gestern war es riesig voll.“

Premierentauglich ist der neue Zoo Palast also. Jetzt muss man abwarten, wie das edle Gebäude dem enormen Ansturm der Berlinale-Meute standhält. Der Zoo Palast wird Spielort fürs Panorama und fürs Berlinale Special, für das Forum, die Shorts und die NATIVe.

Dieter Kosslicks „Back to the Zoo“ ist also ernst zu nehmen. Die Berlinale war hier einst zu Hause und wird es jetzt wieder sein. Bis 1999 war das Kino Premierenkino des Filmfests gewesen, dann kam der Umzug in den „Berlinale-Palast“, das Musicaltheater am Potsdamer Platz. Der Zoo Palast, in seinem damaligen Zustand, eignete sich nicht mehr für Glamour und rote Teppiche. Der „Berlinale-Palast“ aber wurde erst mal nicht besonders begeistert angenommen. „Weltentrückt“ war damals noch das positivste Urteil der Kritiker über das neue Herz des Filmfests.

Hans-Joachim Flebbe wohnt in Hamburg. Der Kinder wegen, hat er früher gerne gesagt. Die aber sind jetzt 16 und 18 Jahre alt. Denkt er drüber nach, vielleicht doch nach Berlin zu ziehen? „Wenn, dann nur in den Westen“, sagt er.

Ein wenig heimisch ist er in Berlin allerdings schon. Vor fünf Jahren als er nur ein paar hundert Meter entfernt die erste Astor Film Lounge eröffnete, war es noch ein Test. Ist das Publikum wirklich bereit, zwischen 10 und 15 Euro für eine Kinokarte zu bezahlen, obwohl man sich mittlerweile alles mehr oder weniger umsonst aus dem Netz runterladen kann? Will wirklich jemand Doormen und Valet Parking? Man hat ihm gesagt, er solle doch lieber nach München gehen, die Berliner seien knauserig mit dem Geld. Aber es stimmte nicht.

Inzwischen hat Flebbe in Berlin, München, Frankfurt am Main und Köln seine Premium-Kinos. Seiner Idee bleibt er treu. Ein altes Lichtspielhaus in neuem technischen Glanz. Kinos, an denen die Menschen in der Stadt hängen. Wie emotional aufgeladen der Zoo Palast ist, das hat er schon auf der Baustelle gemerkt. „Fast jeder hier auf der Baustelle hat eine besondere Beziehung zu dem Haus gehabt“, sagt er. Nachmittagsvorstellung mit den Eltern, der erste Film mit dem neuen Freund: Kinobesuche sind eben einschneidende Erlebnisse.

Der Zoo Palast ist mit 1650 Plätzen – oder besser gesagt Ledersesseln – sein bislang größtes Haus. Es ist auch eine Gratwanderung. Ist das Kino zu groß, kommt schnell wieder die Vorstadt-Multiplex-Stimmung auf. Die will Flebbe vor allem mit dem Großaufgebot an Personal bekämpfen. „Wir haben doppelt soviel Mitarbeiter wie der Durchschnitt.“ Das Personal achtet auch darauf, dass das Publikum sich entsprechend benimmt. Wer im Kino telefoniert, der wird zur Not diskret herausgebeten. Ist das schon passiert? „Ein paar Mal ja.“

Die Schlangen an der Kasse, die größte Sorge Flebbes, haben sich allerdings nicht eingestellt. Das liegt vor allem an einer technischen Raffinesse: Ähnlich wie bei Fluglinien können sich die Kinobesucher hier ihr Ticket aufs Handy laden. „Fast 40 Prozent unserer Besucher nutzen das bereits“, sagt Flebbe. Er blickt rüber zu seinen Mitarbeitern. „So was denken sich die Jungs aus.“

Jeder Saal im Zoo Palast hat eine andere Stimmung, hier die roten Sitze im Clubkino inmitten von Buchregalen, da kleine Tischchen zwischen den Sitzen, falls die Besucher einen Cocktail trinken wollen, oder die Antipasti-Platte, oder einen der 12 Weine auf der Karte. In Saal 1 sind die Ledersessel der norwegischen Firma Skeie zweifarbig. Es war eine lange Diskussion, das Original hatte einen dunklen Holzrücken und einen hellen Samtbezug, aber die Ausstattung hätte dann wenig mit Bequemlichkeit im 21. Jahrhundert zu tun gehabt, also blieb nur die Zweifarbigkeit erhalten.

Was wird aus dem Programm?

Will Flebbe auch sein Programm entsprechend anpassen? Haben wir demnächst vielleicht finnische Originaltitel zu erwarten? Offstream-Autorenkino? Filme für die ganzen Neu-Berliner, von denen die wenigsten deutsch sprechen? Nein, Flebbe ist Unternehmer, solange es sich nicht rechnet, will er auch nichts in der Art planen. „Wenn wir jetzt Originalfassungen zeigen, bringen wir die Leute durcheinander. So was muss man total konsequent durchhalten, wenn man es einmal anfängt.“ So ganz will er einem die Hoffnung aber nicht nehmen. Immerhin, er hat ja noch ein zweites Kino im Westen am Kurfürstendamm, ein kleineres. Vielleicht gibt es da ja eine Chance.

Wir gehen in den nächsten Saal, aber da läuft noch „Der Medicus“. Der Titelheld kauert am Boden, Blut tropft aus seinem Mund in grauen Wüstenstaub. Es ist eine der harmloseren Momente dieses Films. Als wir wieder draußen sind, erzählt Flebbe, dass einigen der Besuchern schlecht wird in dem Film. Bei der Größe der Leinwand wirken solche Szenen natürlich noch drastischer.

Wie wählt er die Filme für sein Programm aus, frage ich ihn auf dem Weg zum nächsten Saal. Die Antwort ist einfach: „Das Wesentliche macht meine Frau“. Die schaue ständig neue Filme und überlege sich, was für das Premium-Publikum passend sein könnte. Vieles wird natürlich diskutiert? Ist „Twelve Years a Slave“ zu brutal für ein Publikum, dass eben im Durchschnitt zehn Jahre älter ist als der Multiplex-Gänger? Ist 120mal der Begriff „fuck you“ und mehr nackte Brüste, als man lange Zeit im amerikanischen Kino sah, bei „Wolf of Wallstreet“ vielleicht doch etwas zu viel?

Allerdings darf man sein Publikum auch nicht unterschätzen. Letztens war eine Gruppe Herren über 70 in der Zoo-Loge zum Aperitif versammelt, erzählt Flebbe. Als der „Medicus“ anfing, machte die Mitarbeiterin die Herren darauf aufmerksam. „Ihr Film fängt gleich an“. „Was? Medicus? Da wollen wir gar nicht rein. Wir gehen in ‚Fack ju Göhte‘.“

Im großen Saal hat sich nun auch die Besuchergruppe aus Kasachstan eingefunden. Auch sie wollen das Atmo-Demo sehen, das vor jeder Vorstellung den Zuschauern zeigt, was das Kino alles kann. Inklusive Wasservorhang. Wir nehmen ein paar Reihen hinter ihnen Platz. Ein Mann steht auf und dreht sich zu uns um. Es ist Franz Kober, Firma Cine Project, ein alter Bekannter von Flebbe also. „Mein Kompliment“, ruft er rüber. „Dieses Kino gehört zu den Top 2 der Kinos, die ich jemals gesehen habe, und ich bin seit 33 Jahren im Geschäft.“ Flebbe ist amüsiert. „Franz, setz dich wieder hin.“ Was ist das andere Kino? „Vergessen“, sagt Kober. „Was Frau Maske da gemacht hat, ist Kinokunst.“ – „Fangt mit der Vorführung an“, sagt Flebbe. „Sonst hört der nie auf.“ Hat Kober tatsächlich nicht vor. „Hier, Sie kommen doch aus Kasachstan, haben Sie so was schon mal gesehen?“ – Nein, haben sie nicht.

Am 6. Februar beginnt die Berlinale. Dann kommt die Filmwelt nach Berlin. Auf solche Auftritte wie die von Kober wird sich Flebbe dann gewöhnen.