Kinderschutz

Wenn Eltern zu Tätern werden

Misshandlung: Jede Woche sterben in Deutschland drei Kinder in ihren Familien – Zwei Mediziner wollen die Arbeit der Jugendämter verändern

Luisa und Hendrik kommen aus der Mitte der Gesellschaft, sie haben beide einen Job, wohnen in einer Stadt mit Bürgersteigen und Parkverbot, sie sind Ende 20 oder Anfang 30 und – so steht es in einem Buch – fassen einen „folgenschweren Entschluss“: Sie wollen Kinder. Der kleine Konstantin wird kurz darauf geboren und ist ein Wunschkind der beiden, aber dann wird es schwierig. Hendrik verliert seinen Job, schreibt viele Bewerbungen, und wenn einmal der Personalchef zurückruft, schreit plötzlich Konstantin im Hintergrund.

Eines Tages rastet der Vater aus und schüttelt den Jungen – bis der nicht nur still ist, sondern sich gar nicht mehr rührt. Hendrik sagt, er habe nichts getan, als der Notdienst Konstantin mitnimmt. Die Ärzte werden später „retinale und subdurale Blutungen“ feststellen sowie „irreversible Schäden im Hirn“ – und sie glauben dem Vater kein Wort.

Diese Ärzte haben jetzt ein Buch geschrieben, „Deutschland misshandelt seine Kinder“ ist der reißerische Titel, und die beiden Gerichtsmediziner Michael Tsokos und Saskia Guddat werden damit in den nächsten Tagen und Wochen eine Debatte über das Kindeswohl im Land anstoßen. Sie werden in Talkshows sitzen und mit der gleichen ernsten Miene diese furchtbaren Einzelfälle erzählen, mit der sie am Donnerstag auf einer Pressekonferenz ihr Buch in Berlin vorgestellt haben. Dort haben sie grausige Bilder aus ihrem Medizineralltag gezeigt, Brandwunden, Striemen, verbrühte Kinderkörper und verweste Kinderleichen in Kinderbettchen. Außerdem haben sie einen Satz immer wieder gesagt: „Das, was wir hier sehen, passiert täglich in Deutschland, mitten unter uns.“

Jugendamt trägt Mitschuld

Der Kriminalstatistik nach sterben jede Woche drei Kinder in Deutschland an den Folgen von Misshandlungen, rund 160 pro Jahr. „Die Dunkelziffer“, sagt Saskia Guddat, „geht von rund der doppelten Anzahl aus, bei konservativen Schätzungen.“ Bei den Verletzungen bei Kindern seien es 70 Fälle von schwerster Misshandlung pro Woche, 3600 pro Jahr – und eine Dunkelziffer, die ungleich höher ist. Manche Experten rechnen mit einem Faktor von 400. Doch der Grund, warum die Ärzte schließlich ein Buch mit einem derart bösartigen Titel schrieben, ist ein anderer: Sie sagen, dass diese misshandelten Kinder mit einem System konfrontiert sind, das damit nicht angemessen umgehen kann. „Das System des Kinderschutzes ist krank“, sagt Michael Tsokos, „und muss überdacht werden.“ Er mahnt an, dass immer wieder Familienrichter die Gerichtsmediziner nicht zurate ziehen, weil sie deren Gutachten nicht verstünden. „Das führt dazu, dass Kinder zurück zu ihren Eltern geschickt werden, denen es dort aber schlecht geht.“ Das Jugendamt trage deshalb oft Mitschuld am Tod der Kinder.

Solch ein Fall hat sich offenbar erst vor rund sechs Wochen in Hamburg ereignet. Im Stadtteil Billstedt starb am 19. Dezember die dreijährige Yagmur, wahrscheinlich an inneren Blutungen, nach Schlägen oder Tritten ihres Vaters. In einem aktuell veröffentlichten Papier kommen die Inspekteure zu dem Ergebnis, dass das Jugendamt Eimsbüttel eine Verantwortung an dem Tod von Yagmur trage. Der 40 Seiten starke Bericht enthält „eklatante Verstöße“ gegen „allgemein anerkannte Grundsätze guter Sozialarbeit“, obwohl offenbar alle einschlägigen gesetzlichen Vorschriften und Dienstanweisungen eingehalten worden seien. „Einer meiner Kollegen“, sagt Mediziner Tsokos, „hat zu Lebzeiten des Kindes bereits Anzeige erstattet.“ Ihm waren Verletzungen bei Yagmur aufgefallen. Man habe den Misshandlungsvorwurf aber nicht abschließend klären können. Erst nachdem das Kind zurück bei den Eltern war, starb es infolge von Vernachlässigung.

Der Tod des Kindes, so Tsokos und Guddat, wäre zu verhindern gewesen. Dieser Fall macht derzeit deutschlandweit Schlagzeilen. Doch den Autoren sind vor allem die Fälle wichtig, die nicht allgemein bekannt werden, solche eben, die nur auf ihrem Schreibtisch landen. „Von diesem Fall des Mädchens, das drei Monate tot in der Wohnung lag, bevor die Behörden den Leichnam fanden“, sagt Guddat, „davon haben bisher nur wenige gehört.“ Auch dieser Fall sei vermeidbar gewesen, da dem zuständigen Jugendamt bekannt gewesen sei, dass die Eltern heroinabhängig waren. „Trotzdem wurde das Kind den leiblichen Eltern zurückgegeben.“ Tsokos greift auch die Arbeit der Jugendarbeiter scharf an: „Es kann vorkommen, dass die Jugendarbeiterin mit der Mutter einen Kaffee trinkt, während das Kind im Keller angekettet ist.“

Die Bilder von toten Kindern und von untätigen Jugendarbeitern, die Tsokos und Guddat im Buch beschreiben, sind hart für ein Land, das den vierten Platz weltweit in puncto Wettbewerbsfähigkeit einnimmt und doch seine Schwächsten nicht zu schützen weiß. Tatsächlich gibt es Umstände, die die Arbeit von Jugendämtern ineffizient werden lassen, manche Betreuer haben 80 bis 120 Familien, die Einzelfall-Beurteilung kann darunter leiden, besonders in Ballungsgebieten. Zudem sind viele Eltern gut darin, ihre Taten zu vertuschen. Bei einer repräsentativen Umfrage unter Minderjährigen kam aber im vergangenen Jahr heraus, dass rund 200.000 Kinder in Deutschland Gewalt zu Hause erfahren haben. Erst im Jahr 2000 wurde unter Rot-Grün der Passus ins Bürgerliche Gesetzbuch aufgenommen: „Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.“

In Berlin ermittelt das LKA 125

Dass diese aber tagtäglich geschehen, davon zeugen die Verletzungen, mit denen sich Gerichtsmediziner auseinandersetzen müssen. „Wir sind direkt an der Front“, sagt Saskia Guddat, „und nehmen die Fotos auf, die sich manche Schöffen und Richter nicht anschauen wollen.“ Immer wieder erlebe sie, dass sie nicht zum Familiengericht geladen werde, obwohl sie diejenige wäre, die am meisten zur Aufklärung der Verletzungen beitragen könnte. „Schon deshalb muss es ein Umdenken der Verantwortlichen in diesem System geben.“ Das sei zwar kein Problem, das sich innerhalb von zwei Jahren lösen ließe, ergänzt sie, aber es müsse sich etwas tun.

Wie weit die Folgen von Kindesmisshandlung im schlimmsten Fall reichen können, zeigt die Geschichte von Hendrik, Luisa und Konstantin, dem jungen Pärchen mit dem „folgenschweren Entschluss“ zur Familiengründung und seinem Kind. Tsokos und Guddat beschreiben sie auf Seite 210 in ihrem Buch. Sie endet sechs grausame Seiten später mit dem Urteil von zwei Jahren auf Bewährung für Hendrik und einem schwerbehinderten Konstantin, der sein Leben lang auf Hilfe angewiesen sein wird. Luisa hat ihren Mann angezeigt und wurde verhört, vom bekannten Landeskriminalamt 125, jener Einrichtung, die in Berlin speziell für Fälle von Kindesmisshandlung eingerichtet wurde. Sie bearbeitet ausschließlich „Gewaltdelikte an Schutzbefohlenen und Kindern, die keinen sexuellen Hintergrund haben“.

Die Einrichtung dieses Amts führe aber nicht zu einer Senkung der konstant hohen Rate an (bekannt gewordenen) Kindesmisshandlungen in Deutschland, sagt Michael Tsokos. „Vielmehr werden durch die Arbeit der Beamten noch mehr Taten überhaupt aufgedeckt.“ Zusammen mit seiner Koautorin will er erreichen, dass es nicht mehr zu Fällen wie Yagmur und Konstantin kommt. „Dazu müssen aber die Jugendamt-Mitarbeiter besser geschult werden“, sagt er, „damit sie sich nicht von Eltern an der Tür abwimmeln lassen.“ Seine Kollegin ergänzt, dass es gerade bei freien Trägern zudem zu einer Situation kommen könne, dass sie nur dann bezahlt werden, wenn die Kinder weiter in der Obhut der Familien blieben. Das System, das Kinder schützen soll, arbeite dann zu deren Nachteil.

Symptome früher erkennen

Doch die Autoren mahnen nicht nur Missstände an, sie loben ausdrücklich die Effekte des LKA 125 für Berlin („sucht in Deutschland seinesgleichen“) und in ihrem letzten Kapitel geben sie einen Leitfaden für die Verbesserung der Familienarbeit. Ihre Punkte umfassen die Stärkung der Position der Helfer sowie die Ausweitung der Kontrolle derselben. „Es kann doch nicht sein, dass ein Mädchen jetzt blind ist“ , sagt Saskia Guddat, „weil ein Jugendamtsmitarbeiter sich von der Mutter an der Tür hat abweisen lassen.“

Außerdem sollten sowohl Kinderärzte als auch Sachbearbeiter mehr Fachwissen bekommen, um bestimmte misshandlungstypische Symptome auch ohne Hinzuziehen eines Gerichtsmediziners erkennen zu können. Seit 2008 gebe es in Berlin zwar die Vorlesungsreihe „Plötzlicher Kindstod und Kindesmisshandlung“, aber im Bundesgebiet gebe es da wenig Ähnliches.

Dass es auch funktionieren kann, zeigt der Fall von Sabrina Gerlicher. Die junge Frau wird von dem Kindsvater während der Schwangerschaft verlassen, sie zieht nach Berlin und findet in der großen Stadt nur schwer Anschluss. Das Baby Alina ist alles andere als einfach und vor allem: Das Kind schreit, schreit und schreit. Eines nachts macht es „Peng!“ im Kopf von Sabrina, und sie kneift ihre Tochter vor Wut in den Arm, bis ein Bluterguss an dem kleinen Körper erscheint.

Die junge Frau macht danach aber alles richtig: Geht sofort zum Notarzt und zeigt sich bei der diensthabenden Ärztin selbst an. „Ich habe Alina gekniffen, ich brauche Hilfe.“ Ein junger Familienhelfer begleitet Sabrina für zwei Monate, er hat genug Fälle zu betreuen, in denen Eltern nicht so viel Einsicht zeigen. Alinas Geschichte habe „nur zufällig“ ein Happy End, heißt es im Buch.

Lange klingt der Satz von Michael Tsokos aus der Pressekonferenz nach: „Die gefährlichsten Menschen im Leben eines Kindes sind seine Eltern.“