Zahlen

Schwieriger Schutz vor Vernachlässigung und Gewalt

Pro Jahr werden in Berlin rund 2300 Kinder aus ihren Familien genommen

Die Schlagzeilen ähneln sich, wenn die Polizei wieder einmal ein Kind den Eltern entziehen und in die Obhut des Kindernotdienstes geben muss: „Müllwohnung: Kind befreit“ oder „Kein Bett und kein Essen, die Mutter betrunken“. Wenn der Kindernotdienst eingeschaltet wird, liegt das meist daran, dass die Eltern überfordert sind und schon ihr eigenes Leben nicht auf die Reihe bekommen. Oft ist Alkohol im Spiel.

Häufig sind die Kinder bei der Ankunft der Polizei nicht nur verwahrlost, sondern wurden auch misshandelt. So etwa im vergangenen August, als ein 14-jähriges Mädchen und ihr 12-jähriger Bruder in Gesundbrunnen den Beamten weinend und schon mit gepackten Taschen entgegenkamen und selbst verlangten, zum Kindernotdienst gebracht zu werden. Sie berichteten, die Mutter habe sie geschlagen. Was glaubwürdig klang, griff die volltrunkene Mutter doch auch die Polizisten an.

Aber oft sind die Kinder weit jünger. So fanden Passanten im September 2011 in Köpenick einen Zwei- und einen Vierjährigen, im Gleisbett der Tram spazierend. Sie hatten blaue Flecken und volle Windeln und trugen eine leere Schnapsflasche als Spielzeug. Mitte Dezember und am Silvestertag 2013 mussten Polizisten aktiv werden, weil Kleinkinder in oberen Stockwerken an geöffneten Fenstern standen und beide in vermüllten Wohnungen mit offenbar alkoholkranken Eltern lebten. Im Polizeideutsch heißt es in solchen Fällen: „Es wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Verletzung der Fürsorgepflicht eingeleitet.“

Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die kurzfristig oder dauerhaft in staatliche Fürsorge (amtsdeutsch „Inobhutnahme“) kommen, steigt an. Im Jahr 2012 haben die Jugendämter bundesweit 40.200 Kinder in Obhut genommen – fünf Prozent mehr als im Jahr davor. Im Jahr 2007 hatte es noch 28.200 Fälle gegeben – ein sattes Plus von 43 Prozent in nur fünf Jahren. In Berlin nahmen die Jugendämter im Jahr 2012 2329 Kinder und Jugendliche in ihre Obhut, wobei allein 1184 davon Kinder aus anderen Bundesländern oder minderjährige Asylsuchende waren. Spitzenreiter bei den Inobhutnahmen aus Berliner Haushalten ist mit weitem Abstand der Bezirk Treptow-Köpenick (260), gefolgt von Neukölln (150). Am unteren Ende rangiert Steglitz-Zehlendorf mit 17 Fällen.

Doch die Zahlen zu vergleichen ist nur sehr begrenzt möglich. Denn die Kriterien, was genau unter einer Inobhutnahme zu verstehen ist, variieren von Bezirk zu Bezirk. Einige melden schon eine kurzzeitige Herausnahme aus den Familien an das Statistische Bundesamt. Andere Bezirke versuchen, aus teils nachvollziehbaren Gründen so wenige wie möglich zu melden. So ist es in manchen Bezirken üblich, so oft wie möglich die Einwilligung der Eltern zu bekommen, dann gilt die Maßnahme per Gesetz nicht als Inobhutnahme.

Auch die kräftige Gesamtzunahme der Inobhutnahmen ist kritisch zu betrachten. Keineswegs sei es so, sagen Experten, dass die Zahl der vernachlässigten Kinder dramatisch zunehme. Die größte Rolle spielt demnach, dass die Behörden heute viel genauer auf mögliche Gefährdungen von Kindern achten. Nach spektakulären Fällen von Kindstötungen will keine zu spät reagieren. Damit es von vornherein möglichst wenige Fälle für die Gerichtsmediziner Saskia Guddat und Michael Tsokos gibt.

Kindernotdienst Berlin: Telefon 61 00 61