Interview

„Wir gehen jedem Hinweis, auch anonymen, nach“

Wolfgang Mohns, Direktor des Jugendamts in Tempelhof-Schöneberg, berichtet, wie die Behörde in Kinderschutzfällen handelt. Der 64-Jährige ist selbst Sozialpädagoge und arbeitet seit fast 40 Jahren in diesem Bereich. Aus Erfahrung weiß er, dass die psychischen Krankheiten bei Eltern, egal welchen Alters, stark zunehmen und sie deshalb ihre Kinder nicht ausreichend versorgen. Fast jedes Jahr gibt es allein in seinem Bezirk 1000 neue Meldungen über Kindeswohlgefährdungen. Brigitte Schmiemann sprach mit Wolfgang Mohns über den Missbrauch von jungen Menschen.

Berliner Morgenpost:

Wir oft müssen Sie eingreifen?

Wolfgang Mohns:

Im vergangenen Jahr haben wir im Bezirk Tempelhof-Schöneberg – von den rund 320.000 Einwohnern sind etwa 50.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren – 852 Kinderschutzmeldungen erhalten. Sie betrafen 1095 Kinder, in manchen Familien sind ja gleich mehrere Kinder betroffen.

Wer meldet Ihnen, dass Kinder gefährdet sind?

Die meisten Meldungen kommen von der Polizei, 37 Prozent. Bei Fällen von häuslicher Gewalt meldet die Polizei dem Jugendamt das Vorgefallene, wenn Kinder vorhanden sind. Über die Berliner Kinderschutz-Hotline (Tel. 610066), die rund um die Uhr erreichbar ist, kommen zwölf Prozent. Weitere zwölf Prozent haben die Schulen gemeldet, elf Prozent stammten von Nachbarn, Verwandten, dem Wohnumfeld. Der Rest verteilt sich auf Kliniken, Kitas, Ärzte, aber auch auf Betroffene, die sich selbst bei uns melden. Auch anonymen Hinweisen gehen wir nach. Dazu sind wir verpflichtet.

Wie gehen Sie dann vor?

In Berlin wenden wir ein zweistufiges Verfahren an. Anhand beobachtbarer Risikofaktoren wie einem schlechten Entwicklungszustand schätzen wir die Gefahr ein. Im Gefährdungsfall besucht man die Familie und sieht auch das Kind. Immer zwei Sozialpädagogen gehen hin und schätzen die Lage ein. Wenn das Ergebnis ist, dass eine Kindeswohlgefährdung vorliegen könnte, prüfen die Mitarbeiter des regionalen Sozialdienstes intensiver. Auch die Ärzte unseres Kinder- und Jugendgesundheitsdienstes helfen bei der Beurteilung. Bei zweifelhaften Fällen ziehen wir die Charité zurate. Hier können auch die beweissichernden Verfahren gemacht werden.

Wie oft kommen Sie zur Einschätzung, eingreifen zu müssen?

Bei 17 Prozent unserer im vergangenen Jahr untersuchten 1095 Kinder lag eine Kindeswohlgefahr vor, bei weiteren 30 Prozent war sie nicht auszuschließen. Das bedeutet, dass es bei fast 50 Prozent schwerwiegende Probleme gab.

Welche Arten der Misshandlung sind am häufigsten?

An erster Stelle stehen die Vernachlässigungen, dann kommen die körperlichen Misshandlungen, die auch mit psychischen einhergehen können. Der sexuelle Missbrauch ist eher selten, ist aber auch das schwerwiegendste Problem. Es hat eine hohe Dunkelziffer. Der Mensch, der missbraucht, ist häufig auch eine Beziehungsperson des Kindes, die dieses nicht verlieren will.

Wie gehen Sie im Verdachtsfall vor?

Nur bei unmittelbarer Gefahr haben wir das Recht der Inobhutnahme, das heißt, dass wir solch ein Kind in ein Heim oder eine Pflegefamilie geben. Ist die Gefahr aus unserer Sicht nicht auszuschließen und weigern sich die Eltern zuzustimmen, rufen wir ein Familiengericht an, das darüber entscheidet. In allen anderen Fällen versuchen wir, mit den Eltern ins Gespräch zu kommen.

Wie viele Fälle von Verdacht auf sexuellen Kindesmissbrauch gab es vergangenes Jahr?

Wir haben 20 Fälle bearbeitet.

Und in wie vielen Fällen haben Sie Kinder der Familie entziehen müssen?

95 Mal. Hauptsächlich dann, wenn unmittelbar Gefahr für Leib und Leben bestand. Hinzu kommen 55 Unterbringungen, bei denen die Eltern einverstanden waren, dass ihre Kinder in Heimen und Pflegefamilien untergebracht wurden. Überlastung und große psychische Schwierigkeiten der Eltern waren die Hauptgründe. Wenn Kinder leiden, müssen die Jugendämter handeln.