Interview

„Heute geht es um einen einzigartigen Menschen“

Attilia Giuliani leitet „Abbadiani itineranti“, den Fanklub der reisenden Abbadianer

Attilia Giuliani hat den Abbado-Fanclub gegründet und leitet den Vorstand. „Abbadiani itineranti“ – die reisenden Abbadianer – heißt der in Italien ins Leben gerufene Klub, deren Mitglieder sich weltweit dort trafen, wo der Maestro gerade am Pult stand. Auch bei den letzten Konzerten Abbados in der Berliner Philharmonie im Mai 2013 war eine stattliche Gruppe Abbadianis anzutreffen. Darüber hinaus pflegt der Klub ein Archiv über das Leben des Italieners. Axel Brüggemann hat Attilia Giuliani auf der Abschiedszeremonie für den Dirigenten vor der Mailänder Scala getroffen.

Berliner Morgenpost:

Frau Giuliani, wann haben Sie Claudio Abbado kennengelernt?

Attilia Giuliani:

Das war in den 60er Jahren an der Mailänder Scala. Ich war in einer Aufführung und habe sofort gemerkt: dieser Mann geht anders mit Musik um als alle anderen Dirigenten. Klar, er hat das Mailänder Publikum zunächst einmal herausgefordert. Bis dahin sind viele eher aus Tradition in die Oper gegangen. Aber plötzlich war da jemand, der sie mit Neuer Musik konfrontiert hat, der die Philosophie von Adorno kannte, der moderne Komponisten wie Schönberg und Stockhausen mitgebracht hat. Für einige war das ein Skandal in einem so ehrenwerten Haus. Aber Abbado hat eben auch unsere großen Opern neu interpretiert: besonders die von Verdi! Da ging es plötzlich nicht mehr um schöne Arien, sondern um das Politische. Für mich war das eine Offenbarung. Damals habe ich den Fanklub gegründet, mit zehn anderen. Heute operieren wir weltweit.

Abbado hat Mailand im Streit verlassen, ging nach Wien und dann nach Berlin ...

Ja, da waren wir in Mailand weitgehend ambivalent. In diese Zeit fiel ja die Auseinandersetzung mit Riccardo Muti. Das waren zwei völlig unterschiedliche Dirigenten-Typen: dem Kumpel Claudio auf der einen und dem Meister alter Schule, Riccardo Muti, auf der anderen Seite. Als Abbado dann in Berlin war, war das für uns Italiener aber auch eine Ehre, dass ein Landsmann dieses großartige Orchester, die Berliner Philharmoniker, geleitet hat. Und wir haben eine Tugend daraus gemacht und Touren von Mailand nach Berlin unternommen. In der Philharmonie habe ich seinen Mahler-Zyklus gehört, den ich nie vergessen werde.

Wann haben Sie Claudio Abbado zum letzten Mal getroffen?

Bei seinem letzten Konzert in Luzern. Da hat er Bruckner dirigiert – und nach dem Konzert war es totenstill. Niemand hat geklatscht. Alles war still. Das war beeindruckend. Man hat die Kraft der Musik in der Stille gespürt. Ich habe ihn nach dem Konzert kurz gesehen, er war erschöpft, aber er strahlte. Das hat mich beruhigt.

Claudio Abbado hat in Italien immer gegen die politische Rechte und Berlusconi gekämpft. Wenn die Stadt sich jetzt offiziell von ihm verabschiedet, ist das auch ein politischer Akt?

Das wäre es vielleicht vor 10 Jahren gewesen. Aber heute nicht. Heute geht es um einen einzigartigen Menschen, nicht um den Politiker Abbado. Aber, wenn man so will, geht es bei ihm immer auch um Politik. Nicht um Links oder Rechts, sondern um das kleine, das zwischenmenschlich Politische. Wenn wir uns heute von Claudio verabschieden, geht es darum, dass er uns gezeigt hat, dass die Welt schon besser wird, wenn zwei Menschen sich miteinander unterhalten und einander zuhören. Das ist die Politik im Kleinen.