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Gegen die Wand

ADAC-Skandal: Manipulierte Umfragen, Rücktritt des Pressechefs: Dem mächtigen Automobilklub droht der Verlust seiner Glaubwürdigkeit

Vor wenigen Tagen noch demonstrierte der ADAC eine heile Welt. Da stand Karl Obermair, Geschäftsführer des Klubs, auf einer Bühne in der einst königlichen Münchener Residenz. Und er bemühte gleich mehrere Zitate, um bei der Verleihung des ADAC-Automobilpreises „Gelber Engel“ die Zeitungsberichte der vergangenen Tage über möglichen Betrug bei der Leserbefragung zum „Lieblingsauto der Deutschen“ als Unsinn abzutun. Obermair gab sich unbeeindruckt: „Nichts ist so alt, wie die Zeitung von gestern“, sagte er. Darin wickele man doch Fische ein. Abschütteln wollte er die Krise.

Dieser Versuch ist gehörig gescheitert. Am frühen Sonntagmorgen bestätigte der Autoklub einen Bericht der „Bild am Sonntag“. Demnach hatte Kommunikationschef Michael Ramstetter bereits am Freitag in einer internen Sitzung die Betrugsvorwürfe gegen den ADAC bestätigt. Er selbst habe also die Anzahl der eingegangenen Leserstimmen des ADAC-Vereinsmagazins „Motorwelt“ regelmäßig geschönt, also höher angesetzt, als sie es tatsächlich waren. Er übernimmt die Verantwortung dafür und tritt zurück.

Der Vorwurf wiegt schwer. Die fast 19 Millionen Mitglieder des ADAC werden nun schon seit zehn Jahren dazu aufgerufen, ihr Lieblingsauto zu wählen. Allerdings korrigierte der ADAC in der Vergangenheit die Anzahl der abgegebenen Stimmen nach oben, um dem Preis mehr Gewicht zu geben. Einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ zufolge sollen etwa für das diesjährige Siegerauto, den VW Golf, nur 3409 Menschen abgestimmt haben statt der 34.299 Personen, die der ADAC eigentlich in der kommenden Ausgabe der „Motorwelt“ veröffentlichen wollte. Der ADAC bestätigte, dass Zahlen geschönt wurden, erklärte aber, die Rangfolge der Autos beim Ergebnis nicht manipuliert zu haben.

Vollständige Aufklärung gefordert

Die Enthüllungen beschädigen den Preis an seinem zehnten Jubiläum. Auch deswegen rufen die Hersteller den ADAC nun dazu auf, künftig für mehr Transparenz zu sorgen. „Wir erwarten vom ADAC eine vollständige Aufklärung der Vorgänge. Erst danach können wir entscheiden, wie wir mit dem Preis ‚Lieblingsauto der Deutschen‘ umgehen, dessen Wertigkeit beschädigt ist“, erklärte Volkswagen. Glücklicherweise sei der Golf das meistverkaufte Auto in Deutschland und daher ganz unabhängig von Fehlern bei der ADAC-Preisvergabe objektiv das Lieblingsauto der Deutschen.

Der Vorjahressieger Daimler kommentierte die Vorgänge nicht. Doch bei den Stuttgartern wird die Angelegenheit nicht sonderlich hoch gehängt. Weder denkt man dort daran, das gesamte Verfahren in Frage zu stellen, noch sich künftig nicht mehr daran zu beteiligen oder die Auftritte beim ADAC abzusagen. BMW war für eine Stellungnahme zunächst nicht erreichbar.

Der AutoClub Europa (ACE) stellt als Wettbewerber des ADAC generell die Bedeutung von Autopreisen infrage. Wer wirklich wissen wolle, welche Wagen am beliebtesten seien, solle auf die fälschungssicheren Zulassungszahlen des Kraftfahrtbundesamtes schauen, teilte der Verein am Sonntag mit. „Demgegenüber ist alles andere offenbar nur Blendwerk und aufgeblasene Selbstinszenierung.“ Es sei erklärungsbedürftig, warum Repräsentanten namhafter Autohersteller sich diese „peinliche Farce“ weiter antun wollen.

Dem ADAC droht angesichts der eingeräumten Manipulationen in ein ernster Schaden. Der Verein präsentiert sich immerhin als unabhängige Interessensvertretung von fast 19 Millionen Autofahrern. Nicht nur Pannenhilfe gehört zu seinen Leistungen sondern etwa auch unabhängige Autotests. Glaubwürdigkeit ist neben der Servicequalität im Pannendienst damit das höchste Gut, das der ADAC hat. Und dieses Gut droht nun, beschädigt zu werden.

Auch deswegen will der ADAC mit dem Rücktritt Ramstetters die Sache nicht auf sich beruhen lassen. Der Verein möchte rückwirkend die Vergabe von „Gelben Engeln“ in den vergangenen zehn Jahren untersuchen. „Jeder Stein wird umgedreht“, heißt es im Verein. Der ADAC betont allerdings, dass sich die Manipulationen allein auf die Leserbefragungen in der „Motorwelt“ zum „Gelben Engel“ beziehen. Alle Daten zu Techniktests seien zu 100 Prozent belastbar.

Wie glaubwürdig der ADAC ist, war schon in der Vergangenheit immer wieder ein Thema. So wird in regelmäßigen Abständen hinterfragt, ob der Klub nicht zu enge Kontakte mit der Autoindustrie pflege. Zwar tritt der Klub als ernster Kritiker der Autoindustrie auf. Ein negativer Bericht in der „Motorwelt“, die Ramstetter bislang als Chefredakteur leitete, kann einem Hersteller schwer zusetzen. Trotzdem gibt es enge wirtschaftliche Verbindungen. So leistet der ADAC etwa auch im Auftrag von Autoherstellern Pannenhilfe.

Mit Ramstetter tritt ein Schwergewicht im ADAC zurück. Der 60-Jährige war seit mehr als zehn Jahren Leiter Öffentlichkeitsarbeit des ADAC und Chefredakteur der „Motorwelt“. Zudem war er auch Geschäftsführer der ADAC-Stiftung „Gelber Engel“. Nach Informationen der Berliner Morgenpost vertraute er selbst engen Mitarbeitern nicht an, wie die Ergebnisse bei der Leserbefragung zustande kamen. Dass Ramstetter noch vor dem Ende dieser Untersuchungen die Manipulationen einräumte, hat die Vereinsführung nach eigenen Angaben überrascht. Geschäftsführer Karl Obermair und Vereinspräsident Peter Meyer lassen erklären: Weder der Verein noch das Präsidium des ADAC seien zu „irgendeinem Zeitpunkt“ über diese Unregelmäßigkeiten bei der Leserwahl unterrichtet gewesen.

Vorwürfe fahrlässig abgetan

Dass der ADAC allerdings bereits vor Abschluss der internen Prüfung die Manipulationsvorwürfe so entschieden abkanzelte, war im Rückblick fahrlässig. Nicht allein Geschäftsführer Karl Obermair hatte bei der Verleihung des „Gelben Engels 2014“ am Donnerstag die Vorwürfe als ungerechtfertigt beiseite gewischt. Auch in einer Pressemeldung vom 15. Januar hatte der ADAC erklärt: „Alle Preise beruhen auf sauber, statistisch repräsentativen Auswertungen der Stimmen. Die Stimmen spiegeln eins zu eins das Bild und die Präferenzen unser Mitglieder wieder, alle Aussagen, die etwas anders behaupten sind schlicht und ergreifend unwahr.“

Der ADAC nahm das Dementi mittlerweile wieder von der Facebook-Seite und löschte damit auch die zahlreichen Kommentare der Nutzer. Doch in den sozialen Netzwerken diskutieren die weiter. „Wer wirklich glaubt, dass diese Mauschelei das Werk einer einzigen Person ist, dem ist nicht mehr zu helfen“, erklärt ein Facebook-Kommentator. „Was vor wenigen Tagen auf der Gala noch das Werk der bösen Journalisten war, ist nun doch wahr und keiner hat etwas gewusst – Lächerlich! Der ADAC verspielt hier sein wichtigstes Gut: seine Unabhängigkeit.“ Vor diesem Hintergrund bekämen alle Tests, ob nun Pannenstatistik oder Kindersitztests, einen „ganz üblen Beigeschmack“. Einige Mitglieder fordern gar den Rücktritt von Vereinspräsident Meyer.

Die Mitglieder sind schon länger aufgebracht gegen die Spitze. So führte ein Interview, das Vereinspräsident Peter Meyer Ende Dezember der Berliner Morgenpost gab, zu einem regelrechten Shitstorm im Netz. Meyer hatte da zwar die Einführung einer Autobahnmaut entschieden abgelehnt, zur Finanzierung des Straßenerhalts allerdings als Ultima Ratio eine Erhöhung der Mineralölsteuer ins Spiel gebracht. Meyer wurde deswegen vorgeworfen, sich für höhere Spritpreise einzusetzen. Ein Vorwurf, den er selbst als ungerechtfertigt empfand.

Der Skandal und die Diskussionen um den Kurs des Vereins drohen nun die alten Gräben im ADAC wieder aufzubrechen. Immer wieder wird im Kreis des Autoklubs diskutiert, ob die Entwicklung richtig ist, dass sich der ADAC immer mehr wie ein Wirtschaftsunternehmen aufstellt oder ob er sich nicht vielmehr wieder auf den Kern seiner Tätigkeit, nämlich Pannenhilfe, konzentrieren sollte. Vor allem Regionalverbände in Norddeutschland standen in der Vergangenheit dem Kurs von Vereinspräsident Meyer kritisch gegenüber. Und wie man hört, bewerteten die auch die Mautdiskussion kritisch.

Der ADAC ist eine wirtschaftliche Macht in Deutschland. Der Klub ist Reiseunternehmer, Mietwagenverleiher, betreibt eine Flugzeugflotte für Krankentransporte und ist Deutschlands größter Verkehrs-Rechtsschutzversicherer. Vor wenigen Wochen startete der Klub auch mit dem ADAC-Postbus, der Reisen durch das Deutschland anbietet und damit als Konkurrent der Deutschen Bahn auftritt. Auch den Aufbau einer mächtigen Seniorenorganisation, die Mitglieder auch jenseits des Alters als aktive Autofahrer binden soll, gibt der ADAC trotz Startschwierigkeiten nicht auf.

Sowohl als Verein als auch als Unternehmen ist der ADAC sehr erfolgreich. Die gesamten Mitgliedsbeiträge des ADAC e.V. und der Regionalklubs stiegen 2012 auf 1,01 Milliarden Euro. Mit den diversen Wirtschaftsaktivitäten wurden Umsätze oder Versicherungsbeiträge über 1,03 Milliarden Euro erzielt. Zusammen sind das jährliche Einnahmen von gut zwei Milliarden Euro. Der Jahresüberschuss des Vereins lag 2012 bei 25 Millionen Euro und beim Wirtschaftskonzern bei 85 Millionen Euro.

Bei den 18 Regionalklubs summierten sich die Überschüsse auf weitere 57 Millionen Euro. Das Wachstum soll da allerdings nicht enden. ADAC-Klubpräsident Peter Meyer hegt ambitionierte Wachstumsziele. Bis 2020 soll der Verein die Schwelle von 20 Millionen Mitgliedern durchbrechen. Spätestens im Februar, dürfte der ADAC die Schwelle von 19 Millionen Mitgliedern reißen. Die Frage ist nun, ob sich diese Wachstumsziele nach dem jüngsten Eklat noch verwirklichen lassen. Viele Mitglieder erklärten im Internet bereits, dem ADAC den Rücken zu kehren. Ihnen verspricht der ADAC künftig mehr Transparenz bei der Verleihung des „Gelben Engels“. Die Auszählung der Leserstimmen soll künftig unter notarieller Aufsicht erfolgen.