Potsdamer Landtag

Einladung zum Staatsbesuch

Potsdamer Landtag: Brandenburgs neues Parlament lädt am Wochenende zum Tag der offenen Tür. Veranstalter erwarten 20.000 Besucher

Erste Renovierungsarbeiten in den frisch geweißten Fluren und Sälen dürften schon am Montag fällig werden. 20.000 Besucher werden an diesem Wochenende zur offiziellen Eröffnung des neuen Brandenburger Landtags auf dem Alten Markt erwartet. Die womöglich mit Mantel und Taschen ihre Spuren an den Wänden hinterlassen. „Das bleibt nicht aus“, kommentiert Landtagsarchitekt Peter Kulka. „Das Haus soll wachsen, leben.“

Vor allem aber mit wenig Pomp in Szene gesetzt werden. So ist für die offizielle Zeremonie um zehn Uhr „gerade mal eine Viertelstunde angesetzt“, lässt Landtagspräsident Gunter Fritsch wissen. Das Landespolizeiorchester werde aufspielen. Anschließend will Fritsch „ein paar Worte sagen“. Ebenso Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) und Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD). Dann geht es hinein ins Haus. Zumindest für die Bürgerdelegierten, die als Erste das Knobelsdorffsche Treppenhaus betreten dürfen.

Für Peter Kulka ein besonderer Ort. „Hier findet Transformation statt, treffen sich Geschichte und Moderne, ist der Übergang in die spartanische Welt des Landtags“, sagt der Dresdner Stararchitekt. Ein kleiner Seitenhieb auf das nach seiner Auffassung geringe Budget, das ihm für den Bau zur Verfügung gestellt wurde. „Man wollte um jeden Preis bescheiden bauen.“ Den Ärger darüber hat er längst heruntergeschluckt. Auch den Frust über mangelnde Kommunikation – mit den Potsdamern wie den Projektbeteiligten. Jetzt will Kulka nur noch feiern. Und das mit Sinn fürs große Ganze.

Er verweist auf die vier von Kriegsspuren gezeichneten Marmoratlanten aus dem Jahr 1748. Angebracht am Treppengewölbe. „Original, nicht saniert“, erklärt Kulka mit Blick auf die teils gesichtslosen mächtigen Figuren am Treppengewölbe. Für ihn ein symbolhafter Ausdruck von Erinnerungskultur. Der Fingerzeig auf die wechselvolle Historie des Schlosses, das 1945 stark beschädigt und auf Beschluss des SED-Politbüros 1960 komplett abgerissen wurde. Seit der Wende habe die Stadt die Bebauung dieser städtebaulichen Wunde beschäftigt. „Den Anspruch zu erfüllen, in einer barocken Hülle mit vorgegebenem Maß so viel Platz zu schaffen, dass künftig auch der Berliner Landtag dort unterkommen könnte, war fast unmöglich.“ Diese Herausforderung habe ihn gereizt. „Und der demokratische Beschluss.“

Mehrheit für die Schlossoptik

2005 hatte der Brandenburger Landtag sich gegen die Sanierung der alten Reichkriegsschule, dem späteren Sitz der SED-Bezirksleitung und schließlich des Nachwendeparlaments, entschieden. Vielmehr beschlossen die Volksvertreter mit den Stimmen von CDU und SPD, ein modernes Parlamentsgebäude in den Um- und Aufrissen des historischen Stadtschlosses auf dem Alten Markt hochzuziehen. Eine in der Stadt heiß diskutierte Wahl. Eindeutig allerdings auch das Ergebnis einer anschließender Bürgerbefragung in der Landeshauptstadt. Die Mehrheit der Befragten sprach sich für die Schlossoptik aus.

Entscheidend sei die Funktion des Baus, wird Landtagspräsident Fritsch nicht müde zu betonen. Nicht von ungefähr sei auf der Westfassade der sieben Meter lange goldene Schriftzug „Ceci n’est pas un château“ (Dies ist kein Schloss) der Potsdamer Künstlerin Annette Paul als Botschaft verewigt. Die Diskussion scheint beendet. Auch die um den Adler im Plenarsaal. Der hebt sich auf Wunsch Kulkas nicht klassisch rot auf weißem Untergrund ab, sondern verschwindet mit eigenem weißen Anstrich dezent in den Wänden. Für Kulka eine Frage der Ästhetik. „Wer Geschmack hat, wird mir recht geben.“ Sollten sich die insgesamt 88 Abgeordneten, die seit Dezember im Landtag – einem echten Energiesparhaus – residieren, doch noch für einen Farbwechsel aussprechen, werde er aber damit leben. „Die Brandenburger können sich an diesem Wochenende ja selbst eine Meinung bilden, wenn sie im Plenarsaal vorbeischauen.“

Doch auch dieser Streit hat längst Patina angesetzt, wurde abgelöst von der Debatte über die aktuell im Landtag gezeigte Schau des Künstlers Lutz Friedel. Unter dessen 112 übermalten Plakaten finden sich nicht nur die verfremdeten Gesichtszüge von Rosa Luxemburg und Anne Frank, sondern auch Goebbels, Stalin, Hitler. „Das sind Personen, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen“, argumentiert Fritsch. „In jedem von uns steckt das Gute und das Böse, jeder muss wählen, für welche Kategorie er sich entscheidet“, begrüßt Fritsch die zu erwartende Diskussion unter den Besuchern. Von denen möglichst viele am Wochenende durch den neuen Landtag geschleust werden sollen, wie Sandra Ponesky von der Veranstaltungsagentur Compactteam unterstreicht. Denjenigen, die zuvor eine der limitierten Einlasskarten ergattern konnten, bleiben jeweils zwei Stunden Zeit, um das Parlamentsgebäude auf Rundgängen zu inspizieren. Betreut von Landtagsmitarbeitern und Mitgliedern der Fraktion, die Wissenswertes über den Neubau und die Arbeit im Haus vermitteln. „Wir werden keinen, der etwas länger braucht, rauswerfen“, beruhigt Landtagssprecherin Katrin Rautenberg. Trotzdem, auf den Takt werde geachtet. Man wolle denen, die sich spontan zu einer Stippvisite entscheiden, auch eine Chance einräumen. Es gebe einige Restkarten. „Die werden schnell weg sein“, ist sie sich allerdings sicher. Wann habe man schon mal die Gelegenheit, mit Architekt Kulka persönlich ins Gespräch zu kommen, dem Landtagspräsidenten in seinem Büro über die Schulter zu schauen oder an die Tür des Landtagsbüros des Ministerpräsidenten anzuklopfen.

Auch die fünf Fraktionen bitten in ihre Räume. Die eint die Quadratmeterzahl. Die insgesamt 400 Büros, die Fraktionen, Landtagsverwaltung und Landesrechnungshof im Gebäude bezogen haben, sind jeweils kaum größer als 18 Quadratmeter. Auf allen Fluren die gleichen roten Standardhocker, gelegentlich noch ein schwarzes Kunstledersofa. Der Landtag kommt nicht üppig, eher karg daher. Hier wird gearbeitet nicht geprotzt, schwingt in den Fluren mit. Für frische Luft sorgt der Abstecher auf die Dachterrasse mit Blick auf den gepflasterten Innenhof und das noch dunkle Kupferdach. „In 20 Jahren wird das grün leuchten“, verspricht Kulka. „So wie die Nikolaikirche.“ In sie wird vor der offiziellen Eröffnung zum ökumenischen Gottesdienst geladen.

Lichtinstallation am Abend

Fürs künftige Kupfergrün ist Potsdams Mäzen Hasso Plattner verantwortlich. Nachdem er 20 Millionen Euro für die historisierende Fassade spendierte, legte er auch fürs Dach noch mal etwas drauf. Fernsehmoderator Günther Jauch hatte es 2002 vorgemacht. Für drei Millionen Euro aus Jauchs Portemonnaie wurde das Fortunaportal, das einstige Eingangstor des Schlosses, wieder originalgetreu aufgebaut.

Der letzte Einlass ist um 17.30 Uhr. Kinder unter zwölf Jahren benötigen kein Ticket. Der Höhepunkt am Sonnabend: Um 18 Uhr wird der Landtag per Lichtinstallation in Szene gesetzt. Die Nachbarschaft stimmt in den Trubel auf dem Alten Markt ein. An beiden Tagen zeigt die St. Nikolaikirche neben einer Schau zur Geschichte der Orgeln an St. Nikolai auch die Ausstellung „Zwischen Abriss und Aufbau. Der zerstörte Alte Markt in Amateurfotografien von Tilo Catenhusen“.