Potsdamer Landtag

„Entscheidend ist, was drinsteckt“

Stadtschloss oder Landtag? Wie sich der Neubau auf Selbstverständnis und Politik auswirkt

„Neuer Landtag. Wache!“: Als Erste haben die vormaligen Pförtner verinnerlicht, dass nicht alles bleiben konnte, wie es war. Ohne einen Anflug von Ironie melden sich die Angestellten am Eingang zum neuen Landtag auf dem Alten Markt, als wäre nicht die Demokratie, sondern die Monarchie hier zu Hause. Die leistete sich Wachen. Die Demokraten verlassen sich auf eine „Security“. „Wache“ klingt natürlich besser, wenn man ein Schloss hütet.

Im Januar startete der Parlamentsbetrieb im modernsten Landtag Deutschlands. Die Moderne offenbart sich aber erst im Inneren, hinter der Wache. Dort dominieren aseptisches Weiß, niedrige Decken, monochromes Licht, glatte Kunststofftüren, Schlösser, die nicht Schlüssel, sondern Chips öffnen. Äußerlich orientiert sich der Bau am Potsdamer Stadtschloss.

Eine Spende erlaubte die Rekonstruktion der historischen Fassade. Sogar das preußische Wappen wurde am Mittelbau rekonstruiert. Verbaut wurden auch 307 Teile des alten Stadtschlosses, das Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff unter Friedrich dem Großen in eine Form brachte, die bis zum Abriss 1960 die Stadtmitte definierte.

Wie wird das 100 Millionen Euro teure Schloss Brandenburg verändern? „Ich finde, die Bezeichnung Stadtschloss oder Landtag im Schloss sollte langsam nicht mehr benutzt werden. Das hier ist der brandenburgische Landtag. Auch mit dem Wort Landtagsschloss kann ich leben, aber das ist nicht das Stadtschloss“, sagt Gunter Fritsch (SPD), Präsident des Landtags. Sein Wunsch nach einem neuen Namen macht den Potsdamern klar, dass sie ihr Schloss wiederbekommen, es aber ein zweites Mal verlieren.

Es ist schon ein Phänomen, dass man den Deutschen ein hohes Geschichtsbewusstsein nachsagt, gerade wenn es um die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, vor allem die Jahre zwischen 1933 und 1945 geht. Spricht man dagegen über die Rekonstruktion von Gebäuden, die damals verloren gingen, wirkt es, als genügte ein Nachbau aus Stein und Beton, um Faschismus, Militarismus und Antisemitismus auferstehen zu lassen.

Dass sich die Politik mit dem neuen Gebäude spürbar ändert, erwartet Fritzsche nicht. Entscheidend sei doch, was drinstecke und nicht, was der sehe, der reingehe. Das Schloss dominiert den Alten Markt. Wer hier ein und aus geht, dem folgen die Augen vieler Touristen und Bürger. Weil der Alte Markt weiter rekonstruiert wird, wird das Gewusel zunehmen. Wer sich, ob nun Politiker oder Bürger, dann nicht aufrichtet, wenn er durch das Fortunaportal in den weiten Landtagshof schreitet, dem ist nicht zu helfen. Nur Strammstehen vor der Wache ist nun wirklich Geschichte.