Vorbild

Der Tabubruch

Outing: Als erster prominenter deutscher Fußballprofi bekennt sich Thomas Hitzlsperger zu seiner Homosexualität. Die Reaktionen sind positiv

Es dauerte nur wenige Minuten, bis die Lawine ins Rollen kam. Sie kam mit so viel Wucht, dass sie andere wichtige Themen des Tages in den Hintergrund drückte. „Mutig – und richtig. Respekt, Thomas Hitzlsperger! Ein wichtiges Zeichen in der heutigen Zeit“, schrieb Lukas Podolski, der deutsche Nationalspieler, via Twitter. Es war eine der ersten Reaktionen auf das Coming-out von Thomas Hitzlsperger, seinem früheren Mitspieler in der Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB).

Als erster ehemaliger deutscher Nationalspieler und Fußballprofi hat sich Hitzlsperger zu seiner Homosexualität bekannt und damit ein Tabu gebrochen. „Erst in den letzten Jahren dämmerte mir, dass ich lieber mit einem Mann zusammenleben möchte“, sagte der 31-Jährige in einem Interview der Wochenzeitung „Die Zeit“. Nachdem der 52-malige Nationalspieler vor vier Monaten seine Karriere beendet hatte, sah er nun „einen guten Moment“ für sein Outing. „Ich äußere mich zu meiner Homosexualität, weil ich die Diskussion über Homosexualität unter Profisportlern voranbringen möchte“, sagte er.

Die Resonanz auf sein Outing war so gewaltig, dass kurzzeitig der Server von „Zeit Online“ zusammenbrach. Die Geschichte von Thomas Hitzlsperger dominierte sämtliche Social-Media-Kanäle. Denn sie betrifft eine Branche, in der es seit Jahren Gerüchte über schwule Fußballer gibt. In der aber auch seit Jahren kein Thema so tabuisiert wird wie jenes. In Kultur, in Wirtschaft und Politik ist die sexuelle Orientierung kein Thema, über das geschwiegen wird, im Fußball schon. Noch immer.

Obwohl der DFB und einige Vereine der Diskriminierung von Schwulen und Lesben den Kampf angesagt haben und es seit Sommer 2013 sogar einen Leitfaden gegen Homophobie im Fußball gibt, fällt es Betroffenen schwer, über ihre Gefühle zu sprechen. Es schwebt die Angst vor Repressionen mit, vor Anfeindungen in den Stadien, in denen es während der 90 Minuten oft keine Toleranz gibt. Da werden Spieler und Schiedsrichter zum Teil aufs Übelste beschimpft – und auch schon mal als „schwule Sau“ tituliert.

Über Widersprüche geärgert

Das Bewusstsein dafür zu erlangen, homosexuell zu sein, sei „ein langwieriger und schwieriger Prozess“ gewesen, sagte Hitzlsperger im Interview. Homosexualität werde im Fußball „schlicht ignoriert“. Bis heute kenne er keinen Spieler persönlich, der das zu seinem Thema gemacht habe: „In England, Deutschland oder Italien ist Homosexualität kein ernsthaftes Thema, nicht in der Kabine jedenfalls.“ In den genannten drei Ländern war der Nationalspieler aktiv. Sein größter Erfolg auf Klubebene bleibt die Deutsche Meisterschaft mit dem VfB Stuttgart 2007.

Er habe sich immer wieder über die Widersprüche geärgert, die in der Fußballwelt im Umgang mit Homosexualität aufgebaut würden, betonte der gebürtige Münchner, der 2006 zum WM-Kader gehört hatte. Der Profisport sei ein harter Leistungssport, „Kampf, Leidenschaft und Siegeswille sind untrennbar miteinander verknüpft“. Das passe nicht zu dem Klischee, das sich viele Leute von einem Homosexuellen machten, nämlich: „Schwule sind Weicheier.“ Er habe sich aber „nie dafür geschämt“. Trotzdem seien die Sprüche der Kollegen nicht immer einfach zu ertragen gewesen. „Da sitzen 20 junge Männer an den Tischen und trinken. Da lässt man die Mehrheit gewähren, solange das Gequatsche über Homosexuelle nicht massiv beleidigend wird.“

Die Verantwortlichen der Nationalmannschaft hätten „keine Kenntnisse von seiner Homosexualität gehabt, als Thomas noch aktiver Nationalspieler war“, sagte Teammanager Oliver Bierhoff am Mittwoch. Hitzlsperger habe sich „erst nach seinem Karriereende an uns gewandt. Dass er sich nun auch öffentlich bekennt, verdient Anerkennung und Respekt. Ich begrüße diesen Schritt, wir werden ihm alle Unterstützung zukommen lassen, damit er seinen mutigen Weg weitergehen kann“.

Auch in der Politik fand Hitzlspergers Outing Anklang. Die Bundesregierung begrüßte das Bekenntnis des früheren Nationalspielers. „Es ist gut, dass er über etwas spricht, das ihm wichtig ist, das ihn womöglich auch befreit“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Der Sprecher der Bundeskanzlerin betonte weiter: „Wir leben in einem Land, in dem niemand Angst haben sollte, sich zu seiner Sexualität zu bekennen.“

Doch so respektvoll und positiv die Reaktionen auf Hitzlspergers Outing am Mittwoch waren, festzuhalten bleibt, dass auch er damit bis nach dem Karriereende gewartet hat. Im September 2012 hatte er gegenüber „Zeit Online“ gesagt, dass die Debatte über den ersten deutschen Fußballer, der sich outet, auch in den Umkleidekabinen ein heißes Thema sei: „Da kursieren verschiedene Namen und die ewige Frage: Wer mit wem?“ Er glaube, ergänzte Hitzlsperger damals, der erste offen homosexuell lebende Profi könne zum Vorbild werden. Doch er müsse sich auch auf Anfeindungen gefasst machen.

Weitere Bekenntnisse erwartet

Die braucht er nun nicht mehr zu befürchten. Im Gegenteil: Das Echo auf seine offenen Worte ist durchweg positiv. Nicht wenige sehen darin eine mögliche Initialzündung für den Profi-Fußball. Corny Littmann etwa. Den Theaterchef, Schauspieler und ehemaligen Präsidenten des Fußball-Zweitligavereins FC St. Pauli, der selbst schwul ist und gemeinsam mit dem Operntenor Madou Ellabib in Hamburg lebt, erreichte die Nachricht vom Outing Hitzlspergers auf Kuba. Der 61-Jährige begrüßte Hitzlspergers Entscheidung und erwartet in der Konsequenz jetzt Bekenntnisse weiterer aktiver oder ehemaliger Bundesligaprofis. „Die schwulen Ex-Profis werden sich das nun ganz genau anschauen, wie Öffentlichkeit und Medien reagieren. Ich gehe davon aus, dass weitere Spieler dem Beispiel folgen werden“, so Littmann.

Hitzlsperger hat mit seinem Bekenntnis ein Zeichen gesetzt. Und eine Branche zum Nachdenken angeregt, in der es vielleicht bald kein Tabu mehr ist, sich öffentlich zu seiner Homosexualität zu bekennen.