Serie: Berliner Spaziergang

Friederike im Wunderland

Berliner Spaziergang: Die Sonntagsserie in der Berliner Morgenpost. Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen.Treffpunkt ist ihre Lieblingsecke. Heute: ein Spaziergang mit Friederike Kempter, Schauspielerin

Sie will jetzt erst einmal einen Kaffee trinken. „Einen guten“, sagt sie, „und hier gibt es guten. Das weiß ich. Da bin ich wie ein Trüffelschwein.“ Sie lacht und wirkt dabei noch jünger. Friederike Kempter ist 34 Jahre alt. Aber sie könnte – auch ohne begabte Maskenbildnerin – immer noch einen spätpubertären Teenager spielen.

Unser Treffpunkt ist die „Giro Coffee Bar“ an der Knesebeckstraße 5. Der Laden unterscheidet sich wenig von den Coffeeshops, wie sie auch in Prenzlauer Berg und Mitte zu finden sind. Und als wir mit der Schauspielerin das Geschäft betreten, kommt sofort der Gedanke an den Film „Oh Boy“ auf. An diese Szene, in der Hauptdarsteller Tom Schilling alias Niko Fischer so verzweifelt wie vergeblich versucht, bei der schwäbischen Tresenkraft einen ganz normalen Kaffee zu erstehen. Friederike Kempter spielt mit in diesem inzwischen preisgekrönten Film. Sie übernahm die Rolle der Julika Hoffmann, einer ehemaligen Klassenkameradin von Niko. In der Schule war sie dick, wurde verspottet als Julika Schwulika. Auch von Niko, in den sie trotz der vielen Demütigungen hoffnungslos verliebt war. 13 Jahre später und 20 Kilogramm leichter will ihm diese Julika nun mit aller Kraft beweisen, dass sie sich nichts mehr gefallen lassen wird. Friederike Kempters Auftritt als neurotische Ausdruckstänzerin, die den verunsicherten Niko am Ende in einem schmuddeligen Raum auch noch zu einem Quickie überreden will, ist einer der Glanzpunkte des Films. Sie wurde dafür für den Deutschen Filmpreis als Beste Nebendarstellerin nominiert. „Es ist für mich meine bislang wichtigste Rolle“, sagt sie. „Auch wenn es nur eine winzige Figur war. Ich hatte zwei oder drei Drehtage. Und trotzdem war das was ganz Besonderes, weil ich Raum bekommen habe und weil das gut geschrieben war.“

Alles tun für die Geschichte

Aber gibt da nicht auch Hemmungen? Für die Julika gab es ja fast keine Tabus mehr. „Es geht ja nicht um mich, sondern um die Geschichte“, erwidert sie. „Und im Dienste einer guten Geschichte würde ich alles tun.“ Die zierliche Frau bleibt kurz stehen, als sie das sagt. Als helfe es ihr, sich zu konzentrieren. Sie mag nicht einfach so losplaudern. Sie will etwas sagen. Zieht beim Nachdenken eine Schnute, beißt sich dann auf die Unterlippe, blickt mit ihren großen blauen Augen am Zuhörer vorbei. Aber nur beim Überlegen, wenn sie wieder redet, sucht sie sofort auch wieder den Blickkontakt. Später wird sie ergänzen, dass sie „ein Gedanken- und Kopfmensch“ sei, der sich sehr intensiv auf Rollen vorbereite und anschließend versuche, „alles wegzuschmeißen und keine Angst zu haben“.

Friederike Kempter wohnt in Mitte. „Wir hätten uns natürlich auch in meinem Kiez für den Spaziergang treffen können“, sagt sie, als wir auf den Savignyplatz zusteuern. Es wäre ihr aber unangenehm gewesen, dort so auffällig fotografiert zu werden. „Weil mich da so viele kennen – nicht als Schauspielerin, sondern einfach nur als Friederike. Ich mag privat nicht so im Mittelpunkt stehen.“ Aber diese Gegend, so nahe am Kurfürstendamm, hat sie dann auch nicht zufällig gewählt. „Ich mag dieses bürgerliche Berlin hier“, sagt sie. „Ich wollte schon als Kind immer gern nach Berlin kommen, und so wie den Savignyplatz hatte ich mir Berlin immer vorgestellt.“ Inzwischen könne sie sich auch vorstellen, von Mitte nach Charlottenburg zu ziehen. „Irgendwann, vielleicht schon bald, werde ich mir hier eine Wohnung suchen.“

Ihr Heimatort ist Freudental, ein Dorf in der Nähe von Ludwigsburg, das wiederum in der Nähe von Stuttgart liegt – also weit weg von Berlin, nach dem Friederike Kempter „schon als Kind eine große Sehnsucht“ hatte. Ursachen dafür, sagt sie, gebe es viele: die in den 80er-Jahren gesendete ZDF-Kinderserie „Hals über Kopf“, sie spielte in West-Berlin. Bücher mit Geschichten über Berlin wie die des Kinder- und Jugendbuchautors Klaus Kordon. Sachbücher, die sich mit der Historie der Stadt beschäftigen. Und nicht zu vergessen „Berlin Alexanderplatz“ von Alfred Döblin, das immer noch zu ihren Lieblingsbüchern zählt. Mit 14 fuhr sie dann zum ersten Mal mit ihrer Mutter nach Berlin. „Das hatte ich mir gewünscht“, sagt die Schauspielerin. „Und mit 16, als rebellischer Teenager, bin ich mit Freunden nach Berlin gefahren. Später immer wieder.“

Als erste Station – geeignet für Fotografien – wählt Friederike Kempter die Künstlerkneipe „Diener-Tattersall“ an der Grolmanstraße 47. „Hier trinke ich gern mal ein Bier“, sagt sie. Hinein gehen können wir nicht, das Lokal hat erst ab 18 Uhr geöffnet. Kennengelernt hat sie das „Diener“, als sie mit 20 ihren ersten richtigen Berlin-Dreh hatte und im nur einen Steinwurf entfernten Hotel „Savoy“ an der Fasanenstraße wohnte. Es war ihre erste Hauptrolle. Sie spielte die Tochter der Schauspielerin Mariele Millowitsch in dem Sat.1-Streifen „Zwei vom Blitz getroffen“. Eine Fantasy-Komödie, in der Mutter Susanne und Tochter Isabelle nach einem Blitzeinschlag unfreiwillig die Körper tauschen. „Als die Dreharbeiten nach zwei Wochen beendet waren, bin ich spontan nach Berlin gezogen, weil es mir so gut gefallen hat“, sagt sie. Sie hat hier dann auch studiert. Anfangs Geschichte an der Freien Universität. Offiziell zumindest, inoffiziell bevorzugte sie die Vorlesungen an der Humboldt-Universität. „Weil ich keine Lust hatte, morgens aus Mitte eine Stunde mit der U2 bis nach Dahlem zu fahren.“ Das dauerte ein Jahr, bis ihr klar war, dass für sie nur die Schauspielerei infrage kommt. Es folgte ein Studium an Berlins ältester Schule Der Kreis (Fritz-Kirchhoff-Schule), an der auch bekannte Schauspieler wie Thomas Kretschmann, Nicolette Krebitz und Rolf Zacher unterrichtet wurden. Und parallel gab es immer wieder Rollen in TV-Filmen in verschiedenen deutschen Städten. Aber Berlin war jetzt die neue Heimat.

Kommt die Schwäbin klar mit der doch etwas rauen Art der Berliner? Klar, sagt sie, da habe sie keine Probleme. Als die Frage nach dem Schwaben-Bashing in Mitte und Prenzlauer Berg kommt, lacht sie und erwidert, sie habe das nie richtig ernst genommen. „Es ist ja bekannt, der Schwabe an sich zieht gern nach Berlin. Das wird auch so bleiben. Ich habe mal gelesen: Nach den Türken sind wir die zweitgrößte Minderheit in der Stadt.“ Und kann sie selber noch schwäbeln? Sie kann. Und wie sie es kann. Das würde sie auch nie verleugnen. Wie ihre Sehnsucht nach dem Elternhaus, wenn sie lange nicht mehr in ihrem Heimatdorf Freudental war – „aber die Besuche dürfen nicht zu lange werden, dann muss ich auch schnell wieder weg“. Oder ihr Bekenntnis zum Fußballverein VfB Stuttgart, bei dessen Spielen sie „als echter Fan“ ins Berliner Olympiastadion geht – „deswegen fand ich es auch echt doof, als Hertha abgestiegen ist“. Und sie erzählt dann auch gleich mal im Heimatdialekt von ihrem großen Traum: „Einen schwäbischer Film drehen, nur mit Schwaben besetzt. Es kommen ja großartige Schauspieler aus dem Ländle – und wenn die alle vereint auf Schwäbisch loslegen, das wäre was!“

„Ich wollte auf die Bühne“

Wie bei der vier Jahre älteren auch aus Schwaben stammenden Nina Hoss gab es auch bei Friederike Kempter diesen Sog zu diesem Beruf. Alternativlos, so scheint es. „Ich war fünf oder sechs, als ich zum ersten Mal auf der Bühne stand“, erinnert sie sich. Es war die Weihnachtsfeier im Sportverein in ihrem Dorf. Sie gab einen Zirkusdirektor mit eigenen Texten, „also die kleine Nummer, die ich künstlich vergrößert habe, weil ich da so einen Spaß dran hatte“. Und danach sei für sie klar gewesen: „Okay, das ist es, ich will auf die Bühne. Diese Idee, dieser Wunsch, dieser Traum – das ging nie wieder weg. Es war auch damals schon fast eine Gewissheit.“

Kempter spielte im Schultheater und in der Kinderkunstschule in Ludwigsburg, übernahm Rollen in Hörspielen. Mit 18 gewann sie bei dem Stadtmagazin „Prinz“ eine Ausschreibung für einen einwöchigen Theaterschnupperkurs an einer Münchner Medienschauspielschule. Dort wurde eine Dozentin auf die begabte Schülerin aufmerksam, empfahl sie einem befreundeten Agenten. So kam die Abiturientin zu ihrer erste TV-Rolle: in der Sat.1-Familienserie „Sylvia, eine Klasse für sich“. Mit Uschi Glas in der Hauptrolle. Friederike Kempter hat die Kollegin „als sehr freundlich und professionell“ in Erinnerung. Diese Dreharbeiten damals, sagt sie, seien „sehr lehrreich“ gewesen. „Ich bekam auch die Schattenseiten des Berufs mit: dass man auch mal nicht so tolle Rollen annehmen muss. Dass es auch in diesem Beruf Arbeitslosigkeit und heftige Konkurrenz gibt.“ Auch inhaltlich war sie nicht immer angetan: „Es war manchmal ziemlich profan, und ich wollte doch Dramatik machen, große Stücke, wollte auf die Theaterbühne.“

Unser Weg führt in die Knesebeckstraße 33. Vor der Marga-Schoeller-Bücherstube bleibt die Schauspielerin stehen, betrachtet das Cover eines Bandes über Nelson Mandela. „Hier gibt es auch viele Kunstbücher, also wirklich nur zu empfehlen“, sagt sie und, dass sie gern in Buchläden gehe und stöbere. „Ich möchte die Bücher anfassen und darin blättern, ich kaufe auch nie im Internet Bücher, ich bin ein Gegner von Amazon.“ Ein älterer Herr hat den Satz vermutlich aufgeschnappt, jedenfalls lächelt er ihr zustimmend zu. Vielleicht hat er sie auch erkannt.

Vor allem eine Rolle hat ihr Gesicht bekannt gemacht: Seit mehr als elf Jahren spielt Friederike Kempter im „Tatort“ aus Münster die Kommissarsanwärterin Nadeshda Krusenstern. Es ist eine Nebenrolle. Inzwischen sicher schon zu klein für sie. Aber den „Tatort“ aufgeben würde sie nur ungern. „Wir sind mittlerweile wie eine Familie, die sich freut, sich zweimal zu treffen“, sagt Kempter. Sie arbeite unheimlich gern mit Jan Josef Liefers zusammen, der den extrovertierten Pathologieprofessor Boerne spielt, und mit Axel Prahl, der als permanent mürrischer Kriminalhauptkommissar Thiel ihr direkter Vorgesetzter ist. „Klar doch, manchmal bin ich da schon eifersüchtig auf die Mörderin – weil es da einfach mehr zu spielen gibt“, sagt sie. Aber auch kleine Rollen hätten ihren Reiz: „Es ist oft schwieriger, in Szenen sofort drin zu sein, in denen man nur einen Satz zu sagen hat.“ Ihre Maskenbildnerin habe dafür ein sehr treffendes Bild gefunden: das des Triangelspielers im Symphonieorchester. „Wenn er an der richtigen Stelle gegen die Triangel schlägt, wird niemand sagen, der Triangelspieler war aber gut heute. Aber wehe, er verpasst seinen Einsatz.“

Vor einem Jahr ist sie – parallel zur Hilfsdienste verrichtenden Kommissaranwärterin Krusenstern – zur SEK-erprobten Elitepolizistin Julia Klug avanciert: in der ARD-Serie „Hauptstadtrevier“. Es sei keine übliche Vorabendserie, beschreibt sie das Format, eher eine Familien- und Krimiserie mit vielen komischen Elementen und natürlich auch ein bisschen Action. Friederike Kempter spielt eine alleinerziehende Mutter, die als Polizistin eher durch Zufall in das Betrugsdezernat der Berliner Polizeidirektion 7 geraten ist. „Eine Figur über so viele Folgen, das hatte ich mir gewünscht“, sagt sie. „Das ist für mich wichtiger als der ,Tatort‘.“ Nicht zuletzt, weil sie diese Figur der Julia Klug entwickeln könne. Und weil es ein Übergang sei von der Mädchenfrau zur Darstellerin, die durchaus auch reifere Frauen spielen könne. Das Team hat gerade die letzten Folgen gedreht. Im Februar und März geht es weiter.

Aber ihren heimlichen Wunsch wird Friederike Kempter dabei nicht vergessen: „2014 will ich endlich auch mal Theater machen.“ Gibt es schon konkrete Pläne? Sie schmunzelt, schüttelt den Kopf. Nein, mehr will sie noch nicht verraten.