Kommentar

Die Gesellschaft ist reifer als er

Boris Kálnoky über die Krise des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan

Männer mit fanatischen Blicken, in weiße „Leichentücher“ gehüllt, skandieren, dass sie für den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan zu sterben bereit sind. Es ist bestimmt nicht ihre eigene Idee. Er selbst sagt immer, wenn er besonders umstritten ist, wie derzeit im politischen Tornado massiver Korruptionsvorwürfe gegen seine Regierung: „Wir sind in unsere Leichentücher gehüllt auf diese Reise aufgebrochen.“ Nun sagte er vor den Leichentuch-Zombies: „Wir werden die Hände unserer Gegner brechen.“

Welche Reise? Welche Gegner? Im Westen wollte man jahrelang glauben, dass diese Reise der Weg zu Demokratie und liberalen Reformen war, für eine Türkei, die als Modell für die muslimische Welt ein Vorbild wäre. Braucht man dazu ein Leichentuch?

Erdogan war als Fundamentalist auf seinen politischen Weg aufgebrochen, als jemand, der mit zutiefst antiwestlichen und antieuropäischen Instinkten dem Islam nicht nur in der Türkei zum politischen Sieg verhelfen wollte, sondern überall in der islamischen Welt. Unter türkischer Führung. Denn das Leitmotiv seiner Politik ist, dass die Türkei zu ihrer einstigen imperialen Größe zurückfinden muss. Und dann ist das die verräterische, reflexhafte Reaktion, wann immer er und ihm nahestehende Politiker wie Außenminister Ahmet Davutoglu mit Dissens konfrontiert werden: Widerspruch deuten sie immer als das Werk ausländischer, westlicher Mächte und teuflischer Juden, die der Türkei ihre neue „Macht neiden“.

Um ihre „rechtsstaatliche Demokratie“ beneidet die Türkei tatsächlich niemand. Geknebelte Medien, niederschmetternde Gewalt gegen friedliche Demonstranten, politische Justiz und Polizei: Für Erdogan geht es derzeit um Leben und Tod. Die Korruptionsvorwürfe gegen seine Regierung wurzeln in jenen eifernden Anfangszeiten, als er noch als Glaubenskrieger auftrat: Es ging immer auch um Geld, und es wurde viel betrogen.

Eine gutmütige EU aber kommt ihm jedes Mal entgegen, wenn er wieder auf den Tisch haut. Es wird über neue Beitrittskapitel verhandelt und über Visafreiheit für türkische Bürger. Das sind Trümpfe, die Erdogan im Wahlkampf präsentieren wird. Vielleicht sollte man erst die Wahlen abwarten, bevor man ihm noch mehr Geschenke gibt. Denn die türkische Gesellschaft ist reifer als ihre Politiker. Sie wird sich über kurz oder lang eine „europäischere“ Führung geben.