Gesundheitsreport

Pflege wird ein immer größeres Risiko

45.000 Euro für Frauen: Privater Kostenanteil steigt weiter deutlich an

Immer mehr Menschen in Deutschland werden zu Hause professionell von ambulanten Pflegediensten betreut. Jeder vierte Pflegebedürftige wurde im Jahr 2012 von ambulanten Helfern gepflegt – so viel wie nie zuvor, stellt der neue Pflegereport der Barmer GEK fest. Dagegen stagnierte der Anteil der Heimpflege in den vergangenen Jahren und sank zuletzt auf 28,8 Prozent. Dementsprechend sind die Personalkapazitäten in der ambulanten Pflege zwischen 1999 und 2011 mit 64 Prozent schneller gewachsen als die Zahl der Betten in Pflegeheimen, die um 36 Prozent zugenommen hat.

Knapp die Hälfte der Pflegebedürftigen wird von Familienangehörigen zu Hause gepflegt – 1995 lag der Anteil noch bei fast 85 Prozent. Pflege ist dabei meistens Frauensache. 2,2 Millionen Frauen pflegen einen Angehörigen, bei den Männern sind es 1,3 Millionen. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts wird die Zahl der Pflegebedürftigen von gegenwärtig rund 2,5 Millionen Menschen bis 2050 auf 4,5 Millionen ansteigen. Das liege an der Alterung der Gesellschaft, so der Report. Die Wahrscheinlichkeit, pflegebedürftig zu werden, sei seit 1999 nicht gestiegen.

Wer heute Leistungen aus der Pflegeversicherung bezieht, muss indes immer mehr aus eigener Tasche zahlen. Für eine Pflege im Heim ist der Eigenanteil von 1039 Euro im Jahr 1999 auf 1380 Euro im Jahr 2011 gestiegen. Die Leistung aus der Pflegeversicherung blieb dagegen mit 1023 Euro über die gesamte Zeit auf demselben Niveau (Pflegestufe I).

Das Bild in den anderen Pflegestufen ist ähnlich. So lagen die Kosten für stationäre Pflege in Stufe III im Jahr 2011 bei 1802 Euro. 2009 waren es noch 1791 Euro gewesen, 1999 nur 1451 Euro. Auch hier gilt: Die Leistungen der Pflegeversicherung wurden niemals den gestiegenen Preisen angepasst.

Für die Pflegekosten reichen die Leistungen der Versicherung den Angaben zufolge nicht mehr aus. Hier betragen die Eigenanteile je nach Pflegestufe zwischen monatlich 346 und 760 Euro. Insgesamt müssen Frauen mit durchschnittlich 45.000 Euro privaten Kosten rechnen, Männer mit 21.000 Euro.

Dies stellt nicht nur ein finanzielles Risiko für jene dar, die pflegebedürftig werden, sondern auch für deren Kinder. Denn sie müssen je nach Einkommen und Vermögen für die Kosten der Pflege ihrer Eltern aufkommen, die nicht von der Pflegeversicherung übernommen werden. Verbessert hat sich dem Pflegereport zufolge aber die Lage der Demenzkranken. Jährlich rund 220.000 Antragsteller erhielten das Extrageld zur Betreuung, das 100 oder 200 Euro im Monat beträgt.

Die Bundestagsfraktion Die Linke erklärte, die Leistungen der Pflegeversicherung seien seit ihrem Bestehen nicht an die Kostenentwicklung angepasst worden. „Immer mehr Menschen können sich gute Pflege nicht mehr leisten“, sagte die Pflegeexpertin Pia Zimmermann. Vermeintliche Verbesserungsansätze im Koalitionsvertrag änderten daran nichts.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz kritisierte „jahrelang verschleppte Reformen im deutschen Gesundheitswesen“. Pflege mache abhängig und arm. Pflegebedürftigkeit stehe an erster Stelle der Ängste. „Die neue Bundesregierung darf keine Zeit mehr verlieren und muss jetzt entgegensteuern. Der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff muss umgesetzt werden, gute Pflege muss sich lohnen, schlechte Pflege muss sanktioniert werden“, forderte Vorstand Eugen Brysch.