Gesundheitsreport

Krank durch Lebensstil

Die gute Nachricht vorweg: Die Berliner werden immer älter. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Frauen liegt nun bei 82,6 Jahren. Im Jahr 1993 waren es 78,6 Jahre. Männer kommen nicht ganz so weit, steigerten sich aber immerhin von 71,9 auf 77,6 Jahre. Beides sind Werte knapp unter dem Bundesdurchschnitt. Zurück ging die vorzeitige Sterblichkeit – allerdings mit starken Schwankungen zwischen den Bezirken. Ausschlaggebend ist die Sozialstruktur. Die wenigsten Männer und Frauen starben in Charlottenburg/Wilmersdorf und Steglitz/Zehlendorf. Friedrichshain-Kreuzberg, Neukölln und Mitte hingegen hatten überdurchschnittlich hohe Sterberaten. Alle diese Zahlen sind dem „Basisbericht zum Gesundheitszustand der Berlinerinnen und Berliner und dem Gesundheitswesen“ zu entnehmen.

Er beschreibt im Schwerpunkt „chronische Erkrankungen“. Und in diesem Kapitel steht die schlechte Nachricht. Sie lautet: Chronische Krankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes oder Krebs verringern die Lebenserwartung der Berliner. So sind 54 Prozent der vorzeitigen Todesfälle bei Männern und sogar 64 Prozent derer bei Frauen unter 65 Jahren diesen Volkskrankheiten zuzuschreiben. Vom persönlichen Risiko abgesehen, wirken sie sich auch ökonomisch aus. Im Jahr 2011 verursachten sie über vier Fünftel der Frühberentungen bei Frauen und gut drei Viertel derer bei Männern. Folglich rief Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) zu mehr Gesundheitsbewusstsein auf, eben bei Ernährung, Tabak- und Alkoholkonsum: „Die Risikofaktoren sind bekannt und oft beeinflussbar.“ Es liege zu großen Teilen in der Hand jedes Einzelnen, mit einer gesundheitsbewussten Lebensführung dazu beizutragen, chronische Erkrankungen zu vermeiden.

Lungenkrankheit: Eine Möglichkeit ist, gar nicht erst zu rauchen oder das Rauchen aufzugeben. Im Bericht wird das als „die effektivste Prävention“ angeführt, und zwar im Zusammenhang mit der weitverbreiteten „chronischen obstruktiven Lungenkrankheit“ (abgekürzt mit COPD). Diese Krankheit lasse sich den Autoren zufolge so eindeutig wie kaum eine andere auf Rauchen als Ursache zurückführen. Neun von zehn Erkrankten sind aktive oder ehemalige Raucher, Passivrauchen begünstigt ebenfalls das Erkrankungsrisiko. Eine COPD gehört wie ein Emphysem und eine chronische Bronchitis zu den chronischen Krankheiten der unteren Atemwege und gilt inzwischen als die gesundheitspolitisch bedeutsamsten chronische Krankheit, mit steigender Tendenz. Schätzungen zufolge leiden in Berlin 280.000 Menschen an einer COPD. Zum Vergleich: In Deutschland sind es insgesamt sieben Millionen Menschen. Zudem ist die Sterblichkeit hoch: In der Berliner Bevölkerung der unter 65-Jährigen zählt COPD zu den zehn häufigsten Todesursachen.

Bluthochdruck/Herzkrankheit: Die zahlenmäßig größte Gruppe von chronischen Krankheiten und zugleich Todesursache Nummer eins stellen die Krankheiten des Kreislaufsystems dar. Bluthochdruck ist darunter die mit Abstand häufigste Erkrankung – und der Hauptrisikofaktor für einen Schlaganfall: Jährlich gibt es in Berlin etwa 11.500 Fälle akuten Schlaganfalls. Auf Platz zwei folgt die koronare Herzkrankheit. In Berlin erleiden jährlich geschätzt mehr als 10.000 Menschen einen Herzinfarkt.

Diabetes mellitus: Die Zahlen steigen bundesweit. Doch Berlin liegt – bei den Diabetes-bedingten Krankenhausfällen – unter dem Durchschnitt (108 statt 123 auf 100.000 Einwohner).

Krebs: Zurück zum Risiko Rauchen. Es gilt den Autoren des Berichts zufolge als der Hauptrisikofaktor für ischämische und zerebrovaskuläre – die Blutgefäße des Gehirns betreffende – Erkrankungen. Ischämie bedeutet, dass ein Gewebe kaum oder gar nicht durchblutet wird. Das Rauchen ist außerdem der größte Risikofaktor für Krebs. Der Konsum von Nikotin war im Jahr 2010 in Berlin für etwa 3460 Krebsneuerkrankungen verantwortlich. Jede dritte Krebserkrankung in Berlin ist Schätzungen zufolge auf Rauchen und weitere negative Gesundheitsverhaltensweisen wie ungesunde Ernährung, Übergewicht und Alkoholmissbrauch zurückzuführen. Im Jahr 2011 wurden in den Krankenhäusern der Hauptstadt mehr als 59.000 Menschen aus Berlin wegen bösartiger Neubildungen stationär behandelt.

Insgesamt lag das Erkrankungsrisiko der Berlinerinnen mit 365 je 100.000 in etwa auf Bundesniveau. Die Berliner Männer wiesen mit 414 je 100.000 eine deutlich unter dem Bundesdurchschnitt (480) liegende Neuerkrankungsrate auf – stehen aber schlechter da als die Berlinerinnen. Für das Jahr 2008 listet das Gemeinsame Krebsregister rund 17.900 Personen aus Berlin mit Krebsneuerkrankungen auf.

Brustkrebs: Statistik ist trocken, dennoch können Zahlen ein wenig trösten: So hatten Berlinerinnen gegenüber Frauen aus dem Bundesgebiet in den vergangenen Jahren eine um 16 Prozent niedriger liegende Sterberate. Die vorzeitige Brustkrebssterblichkeit ging in Berlin von 1992 bis 2011 um 48 Prozent zurück: von 20,7 Gestorbenen auf 10,9 je 100.000. Überhaupt beschäftigt der Bericht sich breit mit „vermeidbaren Todesfällen“ (VTF). Darunter sind Sterbefälle zu verstehen, die in einem definierten Alter auftreten und durch angemessene Behandlung sowie geeignete individuelle Prävention weitestgehend oder gänzlich vermieden werden könnten.

Bitter für das männliche Geschlecht: Es hat gegenüber der weiblichen Spezies Mensch in allen Altersgruppen ein deutlich höheres Sterberisiko. Unter den vermeidbaren Todesursachen dominieren bei den Männern in Berlin Lungenkrebs, ischämische Herzkrankheiten und Krankheiten der Leber. Im Jahr 2011 stellten sie mit 1118 Todesfällen 74 Prozent. Bei den Berliner Frauen war es ähnlich: Die Todesursachen Lungenkrebs, Brustkrebs und Krankheiten der Leber stellten mit 643 Fällen 63 Prozent der vermeidbaren Sterbefälle.

Lungenkrebs: Als die häufigste vermeidbare Todesursache gilt Lungenkrebs. Er wird im Alter von 15 bis 65 als vermeidbar eingestuft. Die vorzeitige Lungenkrebssterblichkeit stieg bei den Berlinerinnen von 1992 bis 2010 um 43 Prozent an. Die Sterberate lag in den vergangenen Jahren 27 Prozent über dem Bundesniveau.

Demgegenüber ging das Sterberisiko bei den Berliner Männern um 27 Prozent zurück. Es lag aber weiter 16 Prozent über dem der Männer aus dem Bundesgebiet. Es mag die Hektik der Großstadt sein, schlechtere Luft, der ungesunde Lebensstil: In allen drei Stadtstaaten gibt es bei beiden Geschlechtern erhöhte Sterberaten.