Bundesregierung

Großkoalitionäre Glückseligkeit

Schwarz-Rot: Kanzlerin Angela Merkel und ihr Kabinett vereidigt. Alle Regierungsmitglieder setzen auf Gottes Beistand. Ab jetzt wird wieder regiert

Es ist kein Tag für politische Botschaften. Auch wenn sich fünf Stunden lang alles um die neue Regierung dreht. Es ist der Tag der Begegnungen, der emotionalen Auftritte, der schönen Bilder und – wer weiß – historischen Momente. Fast drei Monate nach der Bundestagswahl wurde Angela Merkel zum dritten Mal seit 2005 zur Bundeskanzlerin gewählt. Dabei fehlten ihr 42 Stimmen aus der großen Koalition von CDU, CSU und SPD. Vor acht Jahren, beim ersten großen Bündnis, waren es 51, aber die damaligen Bündnispartner hatten weit weniger Abgeordnete. Merkel sind solche Rechenspiele ohnehin egal. Mehrheit ist Mehrheit.

Westerwelle bei Merkels Mutter

Der Tag beginnt um neuen Uhr morgens. Man drückt sich bis an die Saalwände. Es gilt das Mallorca-Prinzip. Wer früh kommt, erhält einen Platz an der Sonne. Sprich in der Nähe der vorderen Reihen, wo jene sitzen, auf die die Fotografen ihre Kameras richten. Dort nimmt auch die CDU-Chefin Platz, als einfache Abgeordnete. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) schlägt Angela Merkel dem Parlament zur Wahl vor. Die Union applaudiert kräftig, die SPD stimmt zaghaft, wie aus dem Oppositionsschlaf gerissen, ein. Einer, dem kaum nach Applaus zumute sein dürfte, sitzt auf der Besuchertribüne in prominenter Gesellschaft. Der Nur-noch-wenige-Minuten-Außenminister Guido Westerwelle ist als einziger Vertreter der aus dem Parlament aus der Regierung gewählten Liberalen hier erschienen. Er sitzt neben Merkels 84 Jahre alter Mutter Herlind Kasner und der Büroleiterin Merkels, Beate Baumann. Es könnte ein Abschied für immer sein. Etwas weiter oben füllt die Familie von Ursula von der Leyen eine ganze Reihe. Lange sind Heiko von der Leyen sowie die fünf Mädchen und zwei Jungen nicht gemeinsam zu sehen gewesen. Die letzten bekannten Fotos stammen aus der Zeit, als ihre Mutter noch Familienministerin war. Jetzt zieht von der Leyen ins Verteidigungsministerium ein, und auch ihre Kinder sind erwachsen geworden, junge Frauen und Männer.

Ihre Nachfolgerin im Amt, Manuela Schwesig (SPD) hat ihren Mann und den sechsjährigen Sohn dabei. Der Papa schießt von der Tribüne herab Fotos von Mutter mit Kind. Später – da sind sie schon vereidigt – winken Schwesig und von der Leyen von der Regierungsbank gemeinsam den Familien zu.

Fröhlich ist die Stimmung auch beim Bundespräsidenten. Der erhält gleich zweimal Besuch von nebenan. So will es das Protokoll. Nach ihrer Wahl kommt Angela Merkel vorbei, um sich ernennen zu lassen. Dann kehrt sie wieder ins Reichstagsgebäude zurück, um dort den Eid abzulegen. Mit ihren Ministern in spe macht sie sich dann erneut auf zu Joachim Gauck ins Schloss Bellevue.

Den Preis für das längste Dauerlächeln neben Gauck bekommt Ursula von der Leyen. Sie und ihr Vorgänger Thomas de Maizière (CDU) wagen als Erste eine Umarmung. Zu Scherzen ist Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) aufgelegt: Als von der Leyen ihm die Hand reichen will, salutiert er mit der rechten Hand, militärisch korrekt. Gelächter bei einigen Fotografen, irritierte Blicke bei den Ministern. Dann reiht sich – jawohl – von der Leyen in deren Riege ein. Tags zuvor ließ sich auch Unionsfraktionschef Volker Kauder zum Salutieren hinreißen. Noch findet die Ministerin das alles ziemlich lustig.

Die Differenzen, die das Verhältnis zwischen einigen CDU-Politikern mit von der Leyen im letzten Jahr zu dominieren schienen, man denke an die Diskussion über die Frauenquote, scheinen heute vergessen. Als von der Leyen sich zu Merkels Wahl in die Reihe vor die Urne stellt, schreitet Merkel mit ihr lächelnd einige Meter fort.

Joachim Gauck ist der Einzige, der an diesem Morgen so etwas wie ein offizielles politisches Bekenntnis abgibt. Außer seinen Worten kennt das Protokoll nur Schwüre und die einführenden oder hinführenden Worte des Bundestagspräsidenten. „Deutschland braucht eine stabile und handlungsfähige Regierung“, sagt Gauck. Er erinnert an die ersten beiden großen Koalitionen, die von 1966 bis 1969, die von 2005 bis 2009. „Was wird das Markenzeichen der dritten großen Koalition sein?“, fragt der Bundespräsident – und mahnt „Mut zu notwendigen Reformen“ an.

Verkehrsminister Dobrindt und Gesundheitsminister Hermann Gröhe umarmen sich. Andrea Nahles und Schwesig ebenfalls. Zwischen de Maizière und Bildungsministerin Johanna Wanka: Wangenküsschen. „Sie kriegen immer die schwierigen Aufgaben“, flüstert Gauck dem neuen Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU) zu. Altmaier wirkt als Einziger an diesem Morgen eher unglücklich. Er wollte als der Umweltminister in die Geschichte eingehen, unter dem die Energiewende ihren entscheidenden Schritt vorangekommen wäre. Wie ein Besessener hatte sich Altmaier in die komplizierte Materie eingearbeitet, hatte vermittelt, kommuniziert, kaum geschlafen und dabei noch ungesünder gelebt als in seiner Zeit als Parlamentarischer Geschäftsführer. Gerne hätte er weitergemacht. Aber Umwelt ging an die SPD, die Energie-Zuständigkeit an das Wirtschaftsministerium. Nun übernimmt er Ronald Pofallas Rolle als Kanzleramtsminister.

Und dann war da noch die Frage: Wie viele Minister schließen den Eid mit der Gottesformel ab? Diesmal waren es alle – also auch die SPD-Minister. Das war schon anders. 1998, als Gerhard Schröder Kanzler wurde, verzichtete er selbst und sieben seine Ressort-Chefs auf den Zusatz „So wahr mir Gott helfe“. Oskar Lafontaine, Otto Schily, Walter Riester, Edelgard Bulmahn, Bodo Hombach, Joschka Fischer und Jürgen Trittin entschieden sich, ohne göttlichen Beistand auskommen zu wollen. 2005, als Merkels erste große Koalition antrat, war nur noch Brigitte Zypries so strikt. In der schwarz-gelben Regierung riefen schon alle Gott als Zeugen an. „Fromme GroKo. 100 % Gott“, twitterte die SPD-Politikerin Angela Marquart.