Bürgerrechte

Die Angst der Schriftsteller vor der Sammelwut

Orhan Pamuk, J. M. Coetzee, Elfriede Jelinek, Günter Grass und Tomas Tranströmer. Nicht nur diese fünf Nobelpreisträger haben den aktuellen Aufruf für Bürgerrechte im digitalen Zeitalter unterzeichnet, auch über 500weitere Schriftsteller, darunter international prominente Namen wie Umberto Eco, Margaret Atwood, Don DeLillo, Henning Mankell, James Salter, Richard Ford, Javier Marías, Björk, David Grossman, T.C. Boyle oder Liao Yiwu. Können so viele große Namen irren, wenn sie uns, die Weltöffentlichkeit, gegen Massenüberwachung sensibilisieren wollen? Die Autoren schreiben nüchtern-politisch: „Mit ein paar Mausklicks können Staaten unsere Mobiltelefone, unsere E-Mails, unsere sozialen Netzwerke und die von uns besuchten Internetseiten ausspähen.“

Manchmal gelingt es Schriftstellern – und das gehört zu ihren vornehmsten Eigenschaften – mit ihrer Sprache Gedanken und Befindlichkeiten zu formulieren, die wir uns, bevor wir sie lesen, so noch nicht einmal gedacht haben. Auch deshalb lohnt es, den in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ veröffentlichten Aufruf genauer anzuschauen.

Zuallererst bedeutet es natürlich etwas, dass überhaupt so viele Autoren – nämlich mehr als 550 – den von Juli Zeh und Ilja Trojanow initiierten Aufruf unterzeichnet haben. Schriftsteller, das beweist jede noch so zarte Rubrizierung seitens der Literaturkritik, gegenüber der sie sich verweigern, lassen sich notorisch ungern vereinnahmen. Sie interessieren sich am liebsten für den Einzelfall–ihr eigenes Werk – und werden „ungern prinzipiell“, wie es Jo Lendle, zukünftiger Hanser-Verleger und selbst Autor, symptomatisch formuliert. Wenn Schriftsteller sich also gleich reihenweise einem Prinzip verpflichtet fühlen und zum Ausdruck bringen, dass prinzipiell etwas falsch läuft mit unseren Bürgerrechten im digitalen Zeitalter, dann sollten wir aufmerksam hinschauen.

Daten sind Eigentum

Unsere Daten haben, so steht es im Aufruf, offenbar etwas mit Eigentum zu tun, das der Staat in der Demokratie – zumal in einer marktwirtschaftlich orientierten – eigentlich schützen sollte wie jedes Eigentum. „Überwachung ist Diebstahl.“ Diebstahl passiert, indem Rechner und Server, im weitesten Sinne Maschinen, sammeln, speichern und verarbeiten.

So wundert es nicht, dass ein guter Teil der schriftstellerischen Statements empfiehlt, sich den modernen Maschinen einfach zu verweigern. Alte, analoge Maschinen zu benutzen. „Zerstören Sie einfach das Telefon und den Computer“, empfiehlt T.C. Boyle („Die Frauen“, „Das wilde Kind“). Aber selbst wenn man es so macht wie Javier Marías und eine Schreibmaschine und keinen Computer benutzt, selbst wenn man nicht googelt, sondern weiter Bücher benutzt, um etwas nachzuschlagen, selbst dann hat man als Javier Marías womöglich ein Handy.

Wohl nur die Wenigsten würden indes wie Marías ein Bedrohungsszenario daraus ableiten, dass wir bei einem Grenzübertritt ganz selbstverständlich vom Roaming-Anbieter des betreffenden Landes begrüßt werden: „Noch bevor ich wusste, dass ich in Belgien angekommen war (keine Zollkontrolle, nicht einmal ein Straßenschild), empfing mein Mobilgerät die Nachricht: Willkommen in Belgien.“ Es scheint fast widersprüchlich, dass Marías (seine letzte Veröffentlichung: „Die sterblich Verliebten“) die Überwachung da, wo sie entfallen ist, am Zoll, quasi vermisst, während sie ihn beim Mobiltelefon, dessen Funksteuerung unser Bewegungsprofil automatisch mitverfolgt, empört. „Ein gesichtsloses, satellitengesteuertes System hat jeden Schritt, jeden Gedanken des Einzelnen im Blick und kann ihn jederzeit zielgerichtet und willkürlich ausschalten“, so beschreibt Antje Rávic Strubel das Gefühl des Ausgeliefertsein an eine technische Infrastruktur, die nur vordergründig angenehmer scheint als frühere „Spitzel, die unten vor dem Haus im Lada saßen und die Flucht über den Hinterhof als Möglichkeit offenließen“.

Die halb öffentliche Existenz

Mit Inka Parei könnte man Schriftsteller auch als „Spezialisten für das Unsichtbare“ bezeichnen. So wie Literatur Dinge thematisiert, die im normalen Alltag aus dem Blick geraten sind, habe die durch Edward Snowden publik gewordene Geheimdienstaffäre gezeigt, dass wir dem „Begriff des Unsichtbaren“ eine ganz neue Dimension zubilligen müssen. Wer hinter unseren schicken Benutzeroberflächen von Apple bis Zalando mit „liest, speichert oder deutet“ (Inka Parei) – das entzieht sich längst unserer Hoheit und könnte auch den schicken Internetmarken zum Problem werden. Wohl kein Zufall, dass der Schriftstelleraufruf und die Forderung großer Internetkonzerne wie Google und Facebook nach Grenzen staatlicher Überwachung in dieser Woche koinzidieren.

Von den Dichtern des Vormärz (Georg Büchner) über die Sowjetzeit (Alexander Solschenizyn) bis ins heutige China (Liao Yiwu): Schriftsteller sind aufgrund ihrer exponierten publizistischen Rolle zu allen Zeiten der Geschichte mit Überwachung und ihren Folgen konfrontiert gewesen. Sie haben also – allein schon aus der Erfahrung ihres Berufsstandes – mit Repression und Zensur zu tun. Und damit einen besonderen Grund, uns für dieses Thema zu sensibilisieren.

Darüber hinaus haben uns Dichter und Denker zu allen Zeiten die ungeheuerlichsten Fantasien totaler Kontrolle beschert, der Reigen reicht von George Orwells Gedankenpolizei in „1984“ über Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ bis zu Michel Foucaults Macht des „Panoptismus“ – der von Jeremy Bentham erdachten Idee eines Gefängnisses, in dem die Wächter in der Mitte sitzen und jede Zelle gleichzeitig beobachten können. Heute sitzen wir gefühlt alle in einer Geheimdienstarchitektur, die mindestens so groß wie der Weltraum scheint, in dem die Überwachungssatelliten ihre Bahnen ziehen, die die Aufenthaltsorte und Bewegungsprofile von Terroristenhandys orten – und von uns allen. Es geht, wenn wir von Überwachung sprechen, also um ein Gefühl der Ohnmacht, das nicht mehr nur Dissidenten betrifft. Im digitalen Zeitalter sind wir alle öffentlich kommunizierende Wesen geworden, während es früher, in der Gutenberg-Galaxie, exklusiv die Schriftsteller und Journalisten waren.

Heute posten wir (fast) alle unser Leben in sozialen Netzwerken, lassen unsere Einkäufe im Webshop registrieren. Vom Handy bis zum Ebay-Konto, von der Facebook-Timeline bis zum Twitter-Acount haben immer mehr Leute eine bewusst halb öffentliche kommunikative Existenz, die früher exklusiv Schriftstellern und Journalisten, also publizistisch tätigen Menschen vorbehalten war. Also müssen wir alle mit den Schriftstellern denken, wenn wir von Überwachung sprechen. Dass etwas aus dem Lot geraten ist, konnte man schon ahnen, wenn man zuletzt den Thriller „Die Todesliste“ von Frederick Forsyth las. Wenn selbst Schriftsteller wie er, die sich Geheimdienste zum literarischen Lebensthema gemacht haben, den Nachrichtendiensten der westlichen Demokratien nach dem 11. September „Paranoia“ bescheinigen, muss viel passiert sein.

Ach ja: Der Protestbrief wurde natürlich auch im Internet veröffentlicht, lesen kann man ihn unter www.change.org/ueberwachung.