Pisa-Ergebnisse

Wenn der Alltag zur Rechenaufgabe wird

Die Scheibenwischer befreien die Frontscheibe vom Schnee, die Tachonadel schlägt aus, und der Audi fährt unter dramatischer Musik eine Skischanze nach oben.

Auf der Mitte der Schanze hält die Mathematik-Lehrerin Kerstin Rießelmann das YouTube-Video mit der Audi-Werbung aus den 80er-Jahren an. Die Schüler der elften Klasse des Lessing-Gymnasiums in Wedding gucken gebannt auf den Beamer. Ob es das Auto schaffen kann, den obersten Punkt der Schanze zu erreichen, müssen sie selbst mithilfe der Lehrerin herausfinden.

Lehrerin Kerstin Rießelmann versucht, in den Aufgaben Situationen einzubauen, die sich die Schüler gut vorstellen können, damit die Mathematik nicht abgehoben von ihrem Alltag ist. An der Skischanze können sie den Steigungswinkel errechnen. Anregungen für die Aufgaben erhält die Fachbereichsleiterin im Netzwerk „Mathe in Mitte“. Das Projekt startete 2012, nachdem die Schüler im Bezirk Mitte beim Mittleren Schulabschluss in allen Schulformen besonders schlecht in den schriftlichen Mathematik-Prüfungen abgeschnitten hatten. Mathematik-Lehrer aus allen Schulen im Bezirk Mitte treffen sich seither regelmäßig, um sich auszutauschen. Die Ergebnisse der letzten Prüfungen zeigten bereits erste Erfolge.

Mathematik-Coaches helfen

Deutsche Schüler, darunter auch die Berliner, haben auch international in Mathematik aufgeholt. Das zeigen die jüngsten Pisa-Ergebnisse. Die deutschen Schüler haben beim fünften internationalen Schulleistungstest Pisa so gut abgeschnitten wie noch nie. Zum ersten Mal lagen sie in Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen über dem Durchschnitt der insgesamt 510.000 getesteten 15- und 16-jährigen Jugendlichen in 65 Staaten. Bei den Tests haben auch vier Integrierte Sekundarschulen und drei Gymnasien aus Berlin mitgemacht, insgesamt 250 Schüler.

Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) zeigte sich erfreut über das deutsche Pisa-Ergebnis. In Berlin würden unter anderem Mathematik-Coaches dafür sorgen, dass die Ergebnisse der Schüler besser werden. Zurzeit seien etwa zehn Mathematik-Trainer an Berliner Schulen im Einsatz. Das seien besonders fortgebildete Mathematik-Lehrer, die den Kollegen vor Ort dabei helfen, Unterrichtsinhalte so zu vermitteln, dass möglichst alle Schüler sie verstehen. „Die Coaches sind dort, wo Bedarf ist“, sagt Scheeres. Schulen könnten sie anfordern, Schulräte diese Form der Beratung den Schulen empfehlen. Auch wenn bei der Schulinspektion unzureichende Leistungen in Mathematik und Naturwissenschaften auffielen, käme ein Coach an die betroffene Schule.

In Mitte legten alle Oberschulen und Grundschulen zunächst Mindeststandards fest. „Wir haben in Mitte vor allem zwei Probleme: Zum einen fehlendes Basiswissen, zum anderen können die Schüler die Aufgaben oft sprachlich nicht verstehen“, sagt Kerstin Rießelmann. Das erste Problem löst sie, indem sie am Lessing-Gymnasium die regelmäßigen Wiederholungsübungen zum Anfang der Stunde wieder eingeführt hat. Um die Sprachschwierigkeiten zu überwinden, haben die Lehrer Aufgaben entwickelt, denen die Schüler folgen können, ohne dass dabei auf Fachworte verzichtet wird. Dazu gehören auch viele bildhafte Darstellungen.

Wichtig dabei sei auch, dass sich die Mathematik-Lehrer auf einen verbindlichen Mindestwortschatz für jede Jahrgangsstufe geeinigt hatten. Aber es gehe auch oft darum, den Schülern einfach die Angst vor Textaufgaben zu nehmen, weil sie in der Grundschule damit vielleicht schlechte Erfahrungen gemacht haben. Und dann haben die Mathematik-Lehrer in Mitte Aufgabentypen entwickelt, an denen Schüler unterschiedlicher Niveaus arbeiten können. Auch das ist am Lessing-Gymnasium besonders wichtig. Denn hier lernen im Grundkurs Schüler der Schnelllerner-Klassen für Hochbegabte gemeinsam mit Schülern, die gerade noch die Gymnasialempfehlung erhalten haben.

Thomas Jahnke, Mathematik-Didaktiker an der Universität Potsdam, hält die Pisa-Ergebnisse insgesamt für fragwürdig. An den Zahlen lasse sich nichts über die Qualität des Unterrichts ablesen, sagte er. Bei der Lösung der Testaufgaben seien nicht unbedingt mathematische Fähigkeiten gefragt gewesen: „Was getestet worden ist, darf nicht mit dem verwechselt werden, was wir in Deutschland als Allgemeinbildung anstreben.“ Jahnke fordert, mehr Geld in die Fortbildung der Lehrer zu investieren. „Wir brauchen gut ausgebildete Mathematik-Lehrer, gute Schulbücher und ein Klima, in dem schulisches Lernen eine Wertigkeit hat“, sagt er. Jahnke begrüßt, dass Berlin künftig alle Grundschullehrer deutlich besser in Mathematik und Deutsch qualifizieren will. Viele Grundschullehrer hätten eine Abneigung gegen Mathematik und würden nur nach Lehrbuch unterrichten. Das müsse sich ändern.

Mädchen meiden das Fach

Die neue Pisa-Studie zeigt aber auch Schwachpunkte in den Bildungssystemen auf. Dazu gehört, dass sich die Leistungsunterschiede zwischen Jungen und Mädchen in Mathematik vergrößert haben. So erzielten die Jungen durchschnittlich 14 Punkte mehr als die Mädchen. 2003 betrug dieser Abstand nur neun Punkte. Das Vertrauen in die eigenen mathematischen Fähigkeiten ist bei Mädchen offensichtlich geringer als das der Jungen, Mathematik bei Mädchen weniger beliebt.

Auch in Berlin versucht man gegenzusteuern. Viele Schulen gehören dem Mint-Netzwerk an, das die Fächer Mathematik, Informatik und Naturwissenschaft/Technik besonders fördert und dabei vor allem auch Mädchen ansprechen will. Trotz erfreulicher Leistungszuwächse gibt es aber eine bedenkliche Entwicklungen: So wählen Berliner Schüler die Fächer aus dem „Mint“-Kanon in der Sekundarstufe II seltener als Leistungskurs als im bundesweiten Durchschnitt. Der Anteil der Teilnehmer an „Mint“-Leistungskursen in Berlin sank seit 2004/05 um etwa vier Prozent. Besonders gesunken ist dabei der Anteil der Schülerinnen. Hier betrug der Rückgang im gleichen Zeitraum fünf Prozent.

Die Berliner Senatsbildungsverwaltung will jetzt den Schwerpunkt auf die Mädchen legen. So soll etwa beim jährlichen Girls-Day versucht werden, Mädchen für Berufsfelder im naturwissenschaftlichen Bereich zu interessieren. eine frühe Berufsorientierung sei wichtig, heißt es.

Im Grundkurs am Lessing-Gymnasium sind die Schüler einer Lösung des Problems inzwischen nahe. Im Grundkurs der Elftklässler malt der 18-jährige Midjan mit dem Zeigefinger den Winkel an die Schanze auf dem Smartboard. Die anderen Schüler ergänzen das rechtwinklige Dreieck und grübeln, welche Gleichung passen könnte. Am Ende ist alles klar: Das Video ist ein Trick. Tatsächlich wird der Audi an einem Drahtseil die Schanze hoch gezogen. „Wenn man das weiß, ist der Film eigentlich langweilig“, sagt der 16-jährige Luca.