Berliner Spaziergang

Die Schatzsucherin von Köpenick

Es ist gar nicht leicht, ein Hausboot an einen Steg zu steuern, es ist träge und schwer, das kann einen ziemlichen Knall geben beim Anlegen. „Rotz und Wasser“ habe sie geschwitzt, sagt Yvonne Catterfeld, als sie das erste Mal versuchte, eine Freundin mit Kinderwagen vom Ufer an Bord zu holen. Erst im Nachhinein sei das lustig gewesen. Diese Geschichte wird sie erzählen, als wir vom Köpenicker Strand auf das Wasser der Dahme schauen.

Was würde ein erfahrener Kapitän zu diesem Erlebnis sagen? Vermutlich würde er einen Vortrag halten. Darüber, dass Anlegen eine gewisse Haltung erfordere: Man dürfe nicht zu viel wollen – und das nicht zu schnell. Das Boot müsse sanft auf Kurs gebracht werden, man müsse den Kräften vertrauen, die einen ans Ziel brächten. So gehe das, würde der Kapitän sagen. Er würde allzu gerne zeigen, dass er es besser weiß.

Für Yvonne Catterfeld gab es unbestreitbar Zeiten in ihrem Leben, in denen sie zu viel und zu schnell etwas wollte. Vielleicht waren es auch andere, die zu viel von ihr wollten. Kritik und Ratschläge gab es jedenfalls reichlich für sie. Beim Bootfahren allerdings kann ihr niemand mehr reinreden. Natürlich weiß sie längst, wie man souverän anlegt, sie kennt die Kräfte, die sie ans Ziel bringen.

Überhaupt: Catterfeld hat neuerdings ein Hausboot, das ist ja eine Nachricht. Klingt nach Veränderung. Auch, weil sie gerade ihr neues Album veröffentlicht hat mit dem Titel „Lieber so“. Man muss wissen, dass nahezu alle Alben von Catterfeld so vermarktet werden: dass sie inzwischen anders sei, reifer, authentischer. Sie selbst gibt dieses Thema vor. Und doch ist man neugierig, was dahintersteckt.

Das Restaurant „Krokodil“ in Köpenick, das sie als Treffpunkt ausgesucht hat, eignet sich gut, um die Schlagworte hinter sich zu lassen, die an Catterfeld kleben. Dieter Bohlen zum Beispiel, die Seifenoper „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ und natürlich: Romy Schneider, die sie hätte spielen sollen. Hätte – denn der Film, der ihr internationaler Durchbruch gewesen wäre, scheiterte an der Finanzierung.

Aber das ist alles lange bis sehr lange her. Wir gehen durch die Tür des Restaurants „Krokodil“, durch eine rustikale Stube – und gleich zur Tür auf der anderen Seite wieder hinaus. Dort stehen wir am Strand. Noch mal: Am Strand, und das in Berlin. Wer aus der Innenstadt hierhergekommen ist, fühlt sich wie im Urlaub. In einem guten Urlaub geht es immer um Hier und Jetzt.

Der Himmel ist blau, die Sonne scheint. Ein Moderator hat diese Kombination mal Yvonne-Catterfeld-Wetter genannt. Man versteht, was er meint. Sie trägt Schal und Wollmütze und kann einen schon ziemlich aus der Fassung bringen. „Du, wir machen schnell Fotos, und dann gehen wir in die Stadt“, sagt Catterfeld. Keine großen Vorbereitungen, keine Schminksession, sie lächelt in die Kamera, das reicht. Auch sonst benimmt sie sich nicht wie ein Model, sie redet über fettiges Essen. „Die haben hier Kartoffel-Wedges, eine richtige große Portion.“ Die bestelle sie oft im Sommer.

Jeder hat sein eigenes Hausboot

Das Hausboot hat sie sich in diesem Jahr gekauft. Ihr Freund, der Schauspieler Oliver Wnuk, den man aus der Serie „Stromberg“ kennt, hat auch eins. Als Investition, die Boote werden das Jahr über vermietet. „Wir haben beide einen unregelmäßigen Job“, sagt sie. Da sei es schön zu wissen, dass regelmäßig Einnahmen reinkommen. Wenn die Boote nicht vermietet sind, dann fährt sie selber damit, gerne über den stillen Müggelsee. Wohnen könnte sie aber nicht auf dem Boot. „Da wäre gar nicht genug Platz für meine Klamotten.“

Klingt nach einer lässigen Wertanlage für ein Paar: Jeder hat sein eigenes Hausboot. Das ist romantisch und trotzdem frei. Andere Paare kaufen sich eine Doppelhaushälfte.

Am Anfang ihrer Zeit in Berlin, vor mehr als zehn Jahren, hat Yvonne Catterfeld in einer 35-Quadratmeter-Wohnung in der Sensburger Allee gewohnt, erzählt sie, es war ein Zufall, dass sie dort gelandet war. Sie hatte keine Zeit, eine Wohnung zu suchen. Es waren Jahre, in denen sie eine Nummer-eins-Single aufgenommen hat, Hunderttausende Platten verkaufte und auch sonst ziemlich viel in der Öffentlichkeit unterwegs war.

Auf ihrem neuen Album singt sie: „Weißt du noch deine erste Wohnung? Die große Stadt, du kamst nicht zurecht/ Damals war dir alles fremd/ Und jetzt.“

Und jetzt? Sie wohnt in Köpenick, der Stadtteil Berlins, der sie ein bisschen an ihre Heimat erinnere, an Erfurt. Wir laufen durch die enge Gartenstraße, vorbei an vielen Fenstern mit ebenso vielen Spitzengardinen. „Hier ist es manchmal noch wie damals im Osten“, sagt Catterfeld. „Aber viel bunter als früher.“ Es gibt hier schmucklose Schuhläden, die eher einem Lager ähneln als einem Geschäft, aber gleich daneben hat eine Boutique eröffnet, die Möbel und Schnickschnack im angesagten Shabby-Look verkauft, diesem modisch-nostalgischen Landhausstil. „Jungs“, sagt sie zu Fotograf und Reporter, „ich lade euch auf ein Eis ein.“ Aber vorher wollen wir uns in der Sonne aufwärmen.

Ihr Lieblingsbuch war früher „Der Alchimist“, der Bestseller von Paulo Coelho. Die Hauptfigur sucht darin einen Schatz, sie reist durch viele Länder, trifft auf Räuber, Enttäuschungen und nur selten auf Menschen, die ihr weiterhelfen. Aber es gibt diese Wahrsagerin, die am Ende recht behalten sollte. Die Hauptfigur wird den Schatz schließlich dort finden, wo sie ihre Reise begonnen hat.

„Ich bin viele Umwege gegangen“, sagt sie. „Manchmal kommt man erst später dort an, wo man eigentlich schon vor zehn Jahren sein wollte.“ Wenn sie heute Autogrammkarten von früher sehe, mit blondiertem Haar und „tonnenweise Make-up“, dann wundere sie sich manchmal schon.

Wir setzen uns gegenüber auf eine Mauer vor dem Schloss Köpenick. Es leuchtet weiß in der Sonne, die Wiese ist grün und leer. Für diesen Moment ist es ein guter Ort, um zu bleiben. Wir sprechen über ihre musikalischen Anfänge, als sie in einer Leipziger Band die Frontfrau war, eine Partyband, die Discoklassiker coverte. Den Sound kannte sie, bei ihr zu Hause wurde viel Michael Jackson gehört. Sie habe damals nie geglaubt, dass sie einen Plattenvertrag bekommen würde. Talentshows mit Millionenpublikum wie „The Voice of Germany“ gab es noch nicht. Catterfeld fiel auf dem Wettbewerb „Stimme 2000“ auf, der auch an ihrer Hochschule stattfand und später vom Mitteldeutschen Rundfunk übertragen wurde.

Die Band, für die Catterfeld damals gesungen hat, gibt es noch. Auf ihrer Internetseite steht der Ausriss aus einer Lokalzeitung. „Leipziger Band spielte zahlreiche Hits und füllte die Tanzfläche“, steht dort. Wenn man das liest, dann begreift man, wie hoch Catterfeld von dort geflogen ist. Anstelle einer weiteren Notiz in einem Lokalblatt wurden Dieter Bohlen und Udo Lindenberg auf sie aufmerksam. Das muss wie die Wahrsagerin in dem Buch „Der Alchimist“ auf sie gewirkt haben: dass sie in ihrem Leben einen großen Schatz finden würde.

Im Jahr 2004 dann sollte sie in der Treptower Arena gemeinsam mit Lindenberg ein Duett singen. Das Publikum buhte sie so gnadenlos aus, dass sie die Bühne verlassen musste. Catterfeld erinnert sich noch gut daran. Sie war per Hubschrauber eingeflogen worden, aus terminlichen Gründen, sie wäre sonst nicht rechtzeitig angekommen. Das sagte sie auch dem Publikum, dann startete das Pfeifkonzert. „Ich glaube, das war ganz falsch angekommen“, sagt sie. Sie habe sich bedanken wollen dafür, dass dieser Transport möglich war. Stattdessen dachten die Zuschauer wohl, sie wolle protzen. Sie wollte nur „Niemandsland“ singen, dieses Lied, für das Lindenberg sie ausgesucht hatte. „Doch mit dir/ mit dir würd’ ich’s riskieren/ mit dir durch Nebelfelder gehen/ zusammen wird uns nichts passieren.“

Auf ihrem neuen Album singt sie mit tieferer Stimme als früher. Ihr Freund, Oliver Wnuk, hat die erste Rezension für die Pressemappe geschrieben. Darin ist ein Satz, über den man stolpert. Er schreibt: „Ich habe sie nicht erkannt.“

Die Geschichte geht so, dass Catterfeld niemandem die Aufnahmen gezeigt habe, an denen sie mit mehreren Produzenten und Songschreibern arbeitete. Es war eine Zeit, in der sie viele Rollen für Fernsehfilme gespielt hat, von denen die meisten gut besprochen wurden.

Die Häme aus den Feuilletons, die ihr früher teilweise entgegenschwappte, ist verstummt. Vor einigen Jahren wurde noch über jede Wahrheit und Unwahrheit aus Catterfelds Leben in Klatschmagazinen berichtet. Inzwischen kriegt man nicht mehr alles mit, was sie macht. Der Vierteiler „Gelobtes Land“ etwa lief in Deutschland nur auf dem Sender Arte. Es ist ein großer Film über den Nahost-Konflikt, der – wie sollte es bei diesem Thema auch anders sein – polarisiert hat. Sie spielt darin eine jüdische Spionin, die sich in der Zeit vor der israelischen Staatsgründung für britische Soldaten prostituiert, um an Informationen für Anschläge auf die europäischen Besatzer zu gelangen.

Zu „harmoniesüchtig“ gewesen

In dieser Zeit, neben den Dreharbeiten, ist sie viel mit dem Auto durch die Wüste gefahren, sie ist durch die Altstadt von Jerusalem gelaufen. Ein anspruchsvoller Film über den Nahost-Konflikt mit Yvonne Catterfeld, wenn auch nur eine Nebenrolle: Das sind die neuen Stationen auf ihrer Schatzsuche.

Ihr Freund hat also ihre Stimme nicht erkannt. Er hat in einem Interview ja auch mal zugegeben, dass er Catterfeld damals nicht mochte, als er hörte, dass sie sich für ein Filmprojekt beworben hatte, bei dem auch er mitmachen wollte. Wenn die dabei sei, habe er damals gesagt, dann mache ich nicht mit. Inzwischen sind die beiden seit dem Jahr 2007 ein Paar. Catterfeld sagt, dass sie früher viele Probleme damit hatte, ehrlich zu sein. In der Schule habe sie ihren besten Freundinnen bei Konflikten lange Briefe geschrieben, sie sei zu „harmoniesüchtig“ gewesen für eine offene Aussprache. Gut sei das nicht angekommen. Aber sie habe gelernt, dass eine Mischung aus Humor und Ehrlichkeit das Beste sei im Leben. „Ich sage inzwischen im Restaurant auch, wenn mir das Essen nicht schmeckt.“

Und so wollte sie eine echte Meinung haben zu ihrem Album. Deshalb hat ihr Freund sie geschrieben. Keinen gewöhnlichen Werbetext. Aber ihr war auch wichtig, dass zumindest am Anfang jemand über ihre Musik schreibt, der sie kennt. Catterfeld sagt, die Vereinbarung sei gewesen, dass sie den Text entweder so nimmt, wie Wnuk ihn geschrieben hat. Oder gar nicht. Das war ein Wagnis, und wenn auch nur für ihre Beziehung. Aber sie hat den Text genommen. Dass er ihre Stimme nicht erkannt hat, heißt: Sie hat einen großen Sprung gemacht, weil sie ganz für sich alleine an etwas gearbeitet hat.

Es ist wie beim Anlegen mit einem Boot: Man wird sanft am Ziel ankommen, wenn man nur genug Vertrauen hat in seinen Kurs.

Wir gehen noch einen Kuchen essen, im „Milchkaffee“, einem süßen Lokal am Köpenicker Marktplatz. Hier gibt es auch Kalten Hund, diesen Kekskuchen, der im Osten so beliebt war. Catterfeld nimmt ein großes Stück Kuchen mit Kirschen und Schokoguss. Mit Max Herre hat sie ja auch mal zusammengearbeitet. Seine frühere Band Freundeskreis war Hip-Hop für die Sehnsüchtigen damals. Den Hit „Mit Dir“, den er mit Joy Denalane gesungen hat, hörte sie damals in einem Leipziger Studentenwohnheim. Sie hatte ein kleines Zimmer mit Milchglastür, und es sei schon gruselig gewesen, nachts über die dunklen Flure ins Gemeinschaftsbad zu gehen. Max Herre singt: „Mit dir steht die Zeit still/ Spürst du, was ich fühl’, denn was ich fühl, ist real.“ Das „real“ spricht er englisch aus, wie es sich für einen coolen Typen gehört. Das sei ein wichtiger Moment für Catterfeld gewesen: für die Musik, die sie machen will.

Wir verabschieden uns. Catterfeld bringt mich noch zur Straßenbahn. Wir gehen durch Köpenick. Ihr Köpenick. Das sie an ihre Heimat Erfurt erinnert. Das ihren Freund an seine Heimat am Bodensee erinnert. Wo sie beide ihren Platz gefunden haben, wo ihre Hausboote liegen. Die Straßenbahn fährt zurück in die große Stadt.