Reportage

Warum Dallas JFK nicht ertragen kann

Der Untersuchungshäftling des Dallas Police Department mit der Nummer 54018 lümmelt auf einem Stuhl. „Polizeibrutalität!“ mault Lee Harvey Oswald. Zerrt an seinen Handschellen. „Ich weiß nicht, warum man mich festhält.“ Captain Will Fritz lässt sich verhöhnen, anlügen, piesacken mit dunklen Andeutungen: „Hier laufen andere Sachen ab, von denen ihr Typen keine Ahnung habt.“ Oswald, 23, weigert sich, zur Sache zu reden, und quatscht ohne Unterlass. „Meine Religion ist Karl Marx“, sagt er, „ich bin Marxist-Leninist, kein Kommunist.“

Fritz glaubt, dass sein aufsässiger Gefangener in Verhörtechnik geschult wurde. Der Mann hat den Präsidenten erschossen, 45 Minuten später den Polizisten J. D. Tippit, dem Oswald verdächtig vorgekommen war. Nun sitzt Oswald hier und tut so, als ginge ihn das alles nichts an. „Ihr Job ist es, mich zu schützen“, spottet Oswald an diesem Sonnabend im November auf der Bühne der „Casa Mañana“ in Fort Worth, der Schwesterstadt von Dallas, etwa 40 Kilometer westlich gelegen. Oswald wird in dem Theaterstück von Ben Williams gespielt, Captain Fritz von Ed Dixon. Dreihundert Zuschauer bezeugen die Wiedergeburt des Mörders. Atemlos und abgeklärt, dasselbe grausame Spiel seit 1963.

Der Autor Dennis Richard hat „Oswald – The Actual Interrogation“ („Oswald – Das wirkliche Verhör“) aus den Verhören gefertigt, die zwischen 14.30Uhr am 22. November 1963, zwei Stunden nach dem Attentat, und 11.15 Uhr am 24. November abliefen. Von Oswalds Verhören gibt es weder Filme noch Tonbandaufnahmen oder Mitschriften. Nur Gedächtnisprotokolle.

Dann erschießt Nachtclubbesitzer Jack Ruby den Kennedy-Attentäter. Oswald verschwindet im Dunkel. Die übrigen Darsteller wenden sich einer Leinwand zu und nehmen ihre Hüte ab: „Fragt nicht, was eurer Land für euch tun kann, fragt, was ihr für euer Land tun könnt“, sagt Kennedy in seiner Rede zum Amtsantritt. Der Satz, in Stein geschlagen an seinem Grab in Arlington, hallt nach in Dallas. Bei der Tatort-Bustour und im „6th Floor“-Museum am Dealey Plaza, das Oswalds aus Kartons gebauten Schießstand am Eckfenster unter Glas hält. „Ask not what your country can do for you ...“ ist die Hommage an einen unschuldigen, selbstlosen Patriotismus. Der, so glauben viele wehmütig, starb mit JFK. Der Satz soll auch als Beschwichtigungsformel gegen das Böse helfen, von dem sich Dallas endlich erlösen will.

„Welches Attentat?“

Den Fluch der Bluttat zu brechen, ist das wichtigste Ziel der Stadtväter, wenn sich am Jahrestag 5000 geladene Gäste auf dem Dealey Plaza versammeln. Seit Sommer werden ihre Daten überprüft, seit einem Jahr laufen die Vorbereitungen der Stadt auf „The 50th“. Niemand spricht hier von Tod, der Festakt, heißt es, sei „dem bemerkenswerten Leben, Erbe und der Führungskraft Präsident Kennedys“ gewidmet. „Attentat? Welches Attentat?“ fragt sarkastisch der Kolumnist Jim Schulze. 50 Jahre hat sich Dallas vor Gedenkakten nach Kräften gedrückt. Oswald habe mit der Stadt nichts zu tun gehabt. Nun soll die Seele gereinigt und eine Schuld vergeben werden, die Dallas nie angenommen hat.

Man beleidigt Scott Parks nicht, wenn man Dallas bemerkenswert hässlich nennt. Der Reporter der „Dallas Morning News“ ist im bikulturellen San Antonio aufgewachsen. Sein Spanisch ist makellos, seine Züge werden erweicht von der Melancholie eines sensiblen Mannes in einer rauen Umgebung. „Geld ist die Ethik dieser Stadt“, sagt er. Dallas bündelt doppelt sechsspurige Stadtautobahnen, die Wolkenkratzer der Versicherungen, Banken und Ölfirmen zwischen Brachen und Zerfall. Seit den 60er-Jahren gibt es immer mehr Schwarze, doch die Entscheidungselite blieb weiß. Milliardenschwere Ölfamilien wie die Hunts, Simmons’ und Pickens haben das Sagen. Ihre Kinder besuchen Privatschulen in den Vororten, von den 130.000 Schülern in den öffentlichen Schulen der Innenstadt sind nur fünf Prozent weiß.

Schwarze durften bis 1962 nicht einmal im Kaufhaus des Liberalen Stanley Marcus eine Cola trinken. Damals sorgte die John Birch Society, die auch in den Präsidenten Truman und Eisenhower Kommunisten erkannte (von Kennedy ganz zu schweigen), für Dallas’ Image als Bollwerk von Rechtsextremen und Rassisten. Dem Milliardär H. L. Hunt war „Hitler zu liberal“; der frühere Generalmajor des Heeres Edwin Walker, strafversetzt aus dem Augsburg der 50er-Jahre, weil er seiner Truppe ultrarechte Schriften verordnete, fand wohlwollende Aufnahme in Dallas. An den Türen von Juden in Dallas (darunter Stanley Markus) tauchten Hakenkreuze auf. Damals verdiente sich die Stadt den Schandnamen „City of Hate“.

J. R. Ewing – der neue Bösewicht

Scott Parks erinnert sich daran, wie sehr man texanische Ölmillionäre in Amerika damals hasste. Polternd, grob, stinkreich in ihren gehörnten Cadillacs. Nach dem Attentat auf JFK fluteten Tausende Schmäh- und Drohbriefe in die Stadt. Dass der Mörder ein bekennender Linker war, der im Bus unter Schwarzen saß, milderte nicht das Verdikt über die Stadt des Hasses. Nach dem Attentat verstummte Dallas’ Rechte, man riss sich am Riemen. Wenn Bürger der Stadt verreisten, erzählten sie manchmal, sie wohnten in Houston oder New York. Niemand wollte aus der Stadt des Mordes kommen.

Erst die Fernsehserie „Dallas“ (1978-1991), sagt Scott Parks, ersetzte den Killer L. H. Oswald durch den Bösewicht J. R. Ewing: „Die Sendung war ein Geschenk des Himmels“, glaubt Parks. Wenn heute der evangelikale Pastor Rafael Cruz Schwarze verhöhnt und Barack Obama „nach Kenia zurückschicken“ will, schadet das eher seinem Sohn, Senator Ted Cruz, als dem Ruf der Stadt. Als der Anwalt und Händler John Neely Bryan den Ort 1841 gründete, gab die Mittellage zwischen den Küsten den Ausschlag. Die Lage ist auch heute attraktiv. Es wird reichlich Geld verdient. Auf reiche Spender hoffte damals auch Kennedy. Es waren Petrodollars, die ihn gegen den Rat seiner Berater nach Dallas lockten. Es kostete ihn den Kopf. Das Geld überlebte.

„Hier auf dem Dealey Plaza ist jeden Tag der 22. November 1963“, erklärt gut gelaunt der Fremdenführer der „JFK Assassination Tour“, während er seinen Trolleybus über den Platz lenkt. Drei Tage vor dem Besuch des Präsidenten 1963 hatten die Zeitungen die Route der Wagenkolonne veröffentlicht. Oswald hatte die Wahl unter 20.000 unbewachten Fenstern. Mehr als eine Viertelmillion Bürger hießen Kennedy entlang der Straßen willkommen.

Der Regen am frühen Morgen des 22.November war strahlender Sonne gewichen; Kennedy bestand darauf – zum Kummer der First Lady Jackie, die sich um ihre Frisur sorgte –, mit offenem Verdeck zu fahren. Ein paar Rechtsextreme verteilten Flugblätter, die JFK des Hochverrats bezichtigten. Die Massen jubelten, jauchzten, feierten. „Herr Präsident, Sie können wirklich nicht sagen, dass die Leute von Dallas Sie nicht lieben“, rief Texas’ First Lady Nellie Conolly ihm über die Schulter von ihrem Notsitz in der Limousine zu. Es waren wohl die letzten Worte, die John F. Kennedy vernahm.

„47, white male“ hält das maschinengeschriebenen Formblatt der Mordkommission von Dallas fest, das im Rathaus ausgestellt ist. Unter Beruf steht: „President of the United States“. Dallas’ Chefarchivar John Slate erzählt, wie demütig und ehrfürchtig ihn diese Dokumente stimmen. Oswalds und Rubys Fingerabdrücke, ein Telegramm an Oswald aus Turtle Creek, Pennsylvania („You are dead!“), das der Mörder am 23.11. in der Haft las. Für Aberhunderte Glückwunschbriefe an seinen Mörder Ruby („... nur schade, dass er nicht länger gelitten hat“) ist kein Raum. Immerhin ist erklärt, warum Ruby nur neun Fingerabdrücke zu bieten hatte: „Linker Zeigefinger fehlt; bei einem Kampf abgebissen.“

Die Abdrücke liegen neben einer Aussage von Oswalds (damals getrennt lebender) Ehefrau Marina Oswald, geborene Nikolaiowna Prusakowna: „Im April werde ich drei Jahre mit ihm verheiratet sein.“ John Slate, 49, wirft mit dem Fieber des Archäologen ein: „Achten Sie auf das Tempus: ‚ich werde‘, da lebte Oswald also noch.“ Auf den Fotos aus den Polizeiakten tragen die Detektive Hut, die Zigarette klebt im Mundwinkel. Slate erzählt von Rubys Frauenkleidern und der Damenbadekappe, die der Tough Guy und Stripclubbesitzer beim Schwimmen trug. Vom Texas Theatre, in dem Oswald überwältigt wurde. Es ist heute das beste Programmkino der Stadt mit der „angesagtesten Bar“. John Slate kennt die Betreiber: „Sie sind stolz darauf, diesen berüchtigten Ort der Kultur und dem Genießen zu widmen.“

Von dem Rathaus, das von außen abstößt wie ein Bunker, innen durch ein Atrium und Tageslicht von allen Seiten versöhnt, sind es 20 Minuten zu Fuß zum Dealey Plaza. Hier, am Eingang des früheren „Texas School Book Depository“, 411 Elm Street, findet sich eine graue Metalltafel, die Lee Harvey Oswald als „mutmaßlichen“ Mörder des Präsidenten nennt. Es ist bizarr und rechtlich korrekt: Oswald wurde nur vor der Geschichte verurteilt und alles andere als einmütig. Sieben von zehn Amerikanern glauben heute noch an eine Verschwörung.

Das vorzügliche „Sixth Floor“-Museum in dem Gebäude, das lange abgerissen werden sollte, ist die größte Touristenattraktion der Stadt. Die Pilger müssen ihre Weihestätte haben. Das prächtigste Exponat ist ein leer stehender cremefarbener Anzug mit sandfarbenen Wildleder-Cowboystiefeln; über einem gedachten Kopf schwebt ein Cowboyhut. Der Anzug lebt, er neigt sich in einer Abwehrbewegung leicht nach rechts: So wie es instinktiv Jim Leavelle, Detektiv der Mordkommission von Dallas, am Sonntag, den 24.11. um 11.21 Uhr im Keller des Polizeipräsidiums tat, als Ruby dem Mordverdächtigen Oswald, der an Leavelles linkes Handgelenk gekettet war, in den Bauch schoss.

Die Witwe glaubt an ein Komplott

Das preisgekrönte Foto Bob Jacksons fror den Detektiv in einer Reflexhaltung ein, die mehr Gereiztheit über eine Störung als Entsetzen auszudrücken scheint. Leavelle lebt noch, hoch betagt. Ebenso Marina Oswald Parker, 72, und ihre beiden Töchter. Über Jahrzehnte gab sie vor vier Untersuchungskommissionen an, ihr Mann sei der Mörder gewesen. Heute, so heißt es, glaubt sie, dass Vizepräsident Lyndon B. Johnson ein Komplott arrangiert hat.

40 von 190 Millionen Amerikanern hörten an jenem Freitag in der Schule die Nachricht von den Schüssen. Jeder erinnert sich an bestürzte Durchsagen des Direktors, es gab schulfrei für den Rest des Tages. Scott Parks war in der achten Klasse in San Antonio. Jo Hailey hatte gerade Italienisch in ihrem Gymnasium in Georgia. Joe Kelley hatte Latein in seiner katholischen Schule. Die beiden sind tief bewegt: „Kennedy war mein Held“, sagt Joe, „er ist es noch. Und ich bin noch nicht über den Verlust hinweg.“ Es sei der Verlust der Unschuld ihrer Generation gewesen, sagt Jo: „Ich wurde über Nacht erwachsen.“ Millionen „baby boomer“ tragen das unerfüllte Versprechen, für das John F. Kennedy stand, verkapselt in ihren Herzen. Bisweilen holen sie es hervor zum Gedenken wie einen Rosenkranz. Sie trauern, um ihn und ihre Jugend.

Darwin Payne war an jenem Tag seit kaum drei Monaten Jungreporter des „Dallas Times Herald“. Seine Aufgabe an jenem Tag: durchtelefonierte Berichte über die First Lady vom Flughafen und von einem geplanten Lunch aufzunehmen und für die Zeitung aufzuschreiben. Daraus wurde nichts. Als ein Kollege über Polizeifunk von den Schüssen hörte, rannte Payne die fünf Häuserblocks zum Dealey Plaza und recherchierte die Story seines Lebens. Es ist ein Genuss, dem feinen Herrn, 76 Jahre alt, zu lauschen, mit seiner distinguierten Sprache, seiner erwärmenden Freundlichkeit und seinem reichen Wissen.

Damals machte Payne keine 15 Minuten nach den Schüssen als erster Reporter Abraham Zapruder ausfindig, den Kleiderfabrikanten, der das Attentat gefilmt hatte. Zapruder habe geweint, erinnert sich Payne, und verzweifelt immer wieder darauf bestanden, dass der Präsident tot sei, nicht nur angeschossen: „Ich habe gesehen, wie sein Hinterkopf explodierte.“ Blut und Gehirnmasse hätten gespritzt: JFK sei tot, er wisse es genau. Payne bot dem Mann Geld für den Film, aber Zapruder wollte ihn dem Secret Service oder dem FBI übergeben. Als nach einer halben Stunde Polizisten den Film holten und zum Entwickeln brachten, gab Payne auf. Er stieg in den sechsten Stock des Schulbuchlagers, sah die aus Kartons errichtete Schützenstellung, drei Patronenhülsen. Er habe nichts angefasst, so Payne. Das Vertrauen, das Polizisten damals in Reporter setzten, ist rührend und skandalös.