Gedenken

„Alle dachten nur: Dies ist das Ende“

Vor 70 Jahren, am 22. und 23. November 1943, erlebte Berlin zwei der schlimmsten Tage seiner Geschichte. Bei den bis dahin größten Luftangriffen des Zweiten Weltkriegs auf die Stadt starben Tausende Menschen. Mehr als 300.000 Berliner verloren ihr Zuhause – eineinhalb mal so viele wie in allen bisherigen Luftangriffen zusammen. Unzählige Gebäude wurden zerstört, darunter das Schloss Charlottenburg, das Aquarium des Zoologischen Gartens und viele Kirchen. Am kommenden Freitag, 22. November, werden deshalb zahlreiche Kirchenglocken in der Stadt läuten, von 19.30 Uhr an 15 Minuten lang, zum Gedenken an die schrecklichen Ereignisse.

1943 änderte die britische Luftwaffe, die Royal Air Force, ihre Strategie. Es sollten nicht mehr nur rein militärische und strategische Ziele attackiert werden, zudem sollten mehr Kampfflugzeuge pro Angriff eingesetzt werden. Die Royal Air Force erwartete, damit die Moral der Zivilbevölkerung und auch der Wehrmacht brechen zu können und sie in Opposition zum NS-Regime zu bringen. Die Hoffnung schlug fehl, eher wurden die Solidarität mit den Ausgebombten und die praktische Hilfe im Alltag gestärkt. Am 18. November flogen mehrere Hundert schwere Bomber auf die Reichshauptstadt zu, die Schäden blieben allerdings verhältnismäßig gering. Die Berliner ahnten nicht, dass das nur ein Test war, Auftakt zur „Schlacht um Berlin“ mit 17 Großangriffen bis März 1944, konzipiert vom britischen Luftmarschall Arthur Harris.

Am Abend des 22. November 1943, ein Montag, herrschte in Berlin ungemütliches Wetter. Es war kalt, es regnete, Sturmböen fegten durch die Straßen. Dennoch waren viele Menschen ausgegangen, Theater, Kinos und Lokale waren gut besucht. Um 19.20 Uhr gab es den ersten Alarm, binnen weniger Minuten füllten sich die Straßen. Mehr als 700 Maschinen waren im Anflug auf Berlin, gegen 20 Uhr erreichten die ersten ihr Ziel.

Zehntausende Stabbrandbomben

Besonders hart traf es in jener Nacht den Berliner Westen und das Gebiet zwischen Großem Tiergarten und Spree. Zehnttausende Stabbrandbomben aus Thermit, vermischt mit Sprengbomben, verwüsteten ganze Straßenzüge. Bis zum Alexanderplatz im Osten und Wedding im Norden reichte das Inferno. Morgenpost- und Buch-Autor Sven-Felix Kellerhoff zitiert in seinem 2011 erschienenen Buch „Berlin im Krieg“ aus einem Bericht des norwegischen Korrespondenten Theo Findahl: „Das ganze Hansaviertel steht in Brand. In der Altonaer Straße ist die Wasserleitung geborsten, die Straße gleicht einem Binnensee. Unmöglich, auf diesem Weg zum Hansaplatz vorwärtszukommen. Der Tiergarten ist wie ein Dschungel. Zweige stechen einem ins Gesicht, während man sich über die umgestürzten Baumstämme vorwärtstastet. Die Händelallee – ein Feuermeer. Ich gehe weiter, biege in die Klopstockstraße ein. Die Straße ist so heiß wie ein Backofen.“

Glühender Wind machte ein Vorwärtskommen unmöglich, Findahl drehte um. „Das Beste ist, so schnell wie möglich wieder in den Park zurückzukommen, wo die Luft nicht ganz so beißend ist wie hier – schnell weg von dieser Stelle, die drei Jahre lang unser Zuhause gewesen ist.“ Eine andere Zeitzeugin, Ursula von Kardorff, erinnert sich in Kellerhoffs Buch an die Stunden in einem Luftschutzkeller an der Charlottenburger Rankestraße: „Die Mauern gerieten ins Schwanken, und wir alle dachten nur: Dies ist das Ende.“

24 Stunden später flog die Royal Air Force schon den nächsten schweren Angriff. Mehr als 340 Flugzeuge warfen knapp 1380 Tonnen Spreng- und Brandsätze ab. Das war zwar „nur“ etwa die Hälfte der Bombenlast der vorangegangenen Nacht, aber sie traf eine Stadt, die bereits vom Chaos gezeichnet war. Auch in den Tagen danach gab es mehrfach Fliegeralarm. Nach einer Dokumentation des Historikers Laurenz Demps starben bei den Angriffen vom 22. bis 26. November 1943 mehr als 3700 Menschen, davon allein jeweils mehr als 600 in Charlottenburg und Tiergarten. Darunter waren auch 183 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene. In Tiergarten verloren nach Angaben der Hauptluftschutzstelle bei den beiden Großangriffen am 22. und 23. November auch die meisten Menschen ihre Wohnung – mindestens 75.000. In Wedding wurden 60.000 Menschen obdachlos, in Charlottenburg 40.800.

Das Schloss Charlottenburg war ausgebrannt, zerstört waren unter anderem auch die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche, das „Romanische Café“ gegenüber, das Opernhaus an der Bismarckstraße, die Synagoge an der Oranienburger Straße, viele Gebäude und Anlagen des Zoos sowie das Kaufhaus des Westens. Der Küster der Gedächtniskirche, Hobohm, schrieb nur knapp in den Dienstkalender: „Heute Abend ist die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche durch Brandbomben und Brände vernichtet worden. Desgleichen das Gemeindehaus.“

Sehr ausführlich berichtete Zoo-Direktor Lutz Heck an seinen Aufsichtsrat: „Die Verluste an Großtieren sind sieben Elefanten und ein afrikanisches Nashorn, ein Schimpanse, ein Orang-Utan, drei Löwen, zwei Tiger, ein Löwe-Tiger-Bastard, ein Paar Giraffen, die Hälfte der Antilopen und Hirsche.“ Der Zoo hatte zwar bereits im September 1943 viele Tiere ausgelagert, doch von den verbliebenen 1000 Säugetieren kam ein Drittel um. Für viele überlebende Zoo-Bewohner zimmerten die Tierpfleger provisorische Unterkünfte, arbeiteten am ersten Tag rund um die Uhr. Die Zwergflusspferde wurden vorübergehend in der Herrentoilette des Bahnhofs Zoo untergebracht – dort war es halbwegs warm.

Freitag läuten die tiefsten Glocken

Zum Gedenken an die Luftangriffe vor 70 Jahren und die schrecklichen Folgen, werden am Freitag, 22. November, um 19.30 Uhr stadtweit zahlreiche evangelische und katholische Gemeinden die Glocken läuten. Die meisten Kirchen der teilnehmenden Gemeinden wurden in jenen Nächten oder in den darauffolgenden Monaten zerstört. Mitinitiator der ökumenischen Aktion ist Martin Germer, Pfarrer der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche.

„Zum Gedenken werden jeweils die tiefsten Glocken der damals betroffenen Kirchen beziehungsweise ihrer Nachfolgebauten eine Viertelstunde lang geläutet. Im Anschluss laden die Gemeinden dieser Kirchen zu Friedensgebeten, Andachten oder Messen ein, in welchen an die Schrecken des Bombenkrieges erinnert wird, der von Deutschland ausgehend zunächst europäische Städte wie Warschau, Rotterdam, London und Coventry traf und sich dann den Städten Deutschlands zurückwandte. Das Glockenläuten an diesem Abend soll beispielhaft das Gedächtnis an die Schrecken des Krieges wachhalten und zum Frieden rufen“, sagte Pfarrer Germer.

Er hofft, dass sich bis Freitag noch weitere Gemeinden bereitfinden, an dem Gedenkläuten und den Friedensgebeten teilzunehmen.