Berliner Spaziergang

Das besondere Gespür für Geld

In Berlin gibt es vier Schloßstraßen. Die in Steglitz ist nicht nur die bekannteste, auch die mit der bedeutsamsten Geschichte. Es nieselt, als wir zwischen den architektonischen Scheußlichkeiten Steglitzer Kreisel und Schloss-Einkaufscenter zu unserem Spaziergang starten. Der Banker Frank Gilly, Mitte des Jahres von der Tochter Berliner Bank zur Mutter Deutsche Bank berufen, möchte mir seinen Kiez zeigen. Kaum begrüßt, tut er den ersten Griff in die Ortsgeschichte.

„Wissen Sie, wo wir hier stehen?“, fragt er fast beiläufig unterm Regenschirm. Ich schaue auf den starken Autoverkehr, die vielen Menschen, die sich trotz des miesen Wetters auf dem Bürgersteig drängen, auf die Ampeln, deren Licht sich auf der nassen Fahrbahn spiegelt – und schüttele den Kopf. „Die Schloßstraße“, erzählt er, „ist die älteste durchgehend ausgebaute Handelsstraße Preußens. Dieser Chaussee vom Ende des 18. Jahrhunderts nach Potsdam, viel später Teil der Reichsstraße 1 von Aachen bis Königsberg, verdankt Steglitz den ersten wirtschaftlichen Aufschwung.“

Steglitzer Schätze

Kaum haben wir die Schloßstraße überquert und das markante Rathaus im Stil der märkischen Backsteingotik passiert, sind Verkehrslärm und Hektik wie weggeblasen. Wir tauchen ein in das alte Steglitz. Die Schwarzsche Villa, einst Wohnstatt einer Bankiersfamilie, heute ein Kiez-Kulturtreff, die evangelische Matthäuskirche auf dem einstigen Dorfanger, in der Frank Gilly getauft wurde, das in bestem Klassizismus erbaute und stilecht restaurierte „Wrangelschlösschen“, benannt nach seinem Zweitbesitzer, Generalfeldmarschall Friedrich von Wrangel (1784–1877), und seit 1860 Namenspate für Berlins Einkaufsmeile des Südens, oder die vielen, mittlerweile hinter dichten Hecken versteckten herrschaftlichen Anwesen aus der Gründerzeit zwischen Schloß- und Grunewaldstraße künden vom Reichtum der späteren industriellen Glanzzeiten in dem bis 1920 selbstständigen Dorf.

Frank Gilly, in Steglitz geboren und aufgewachsen, hat – anders als so viele andere – das nach 1945 arme und geteilte Berlin nie verlassen, um Karriere zu machen. Warum hat er so treu an seiner Stadt festgehalten? „Ich habe mich immer sehr wohlgefühlt in dieser Stadt mit ihrer wechselvollen Geschichte. Ich kann mich als Kind an Gespräche meiner Eltern nach dem Bau der Mauer erinnern, ob auch wir die Stadt verlassen und nach Westdeutschland ziehen sollten. Wir sind Gott sei Dank geblieben. Ich hatte eine gute Schulausbildung, dann hat mir die Commerzbank Karrierechancen eröffnet. Ich hatte also gar keinen Grund, die spannende und abwechslungsreiche Stadt zu verlassen.“

Vom Lehrling über Management-Trainee bis zum Leiter der Regionalfiliale Berlin-City-West der Commerzbank. Das waren die ersten 19 Berufsjahre. 1997 holt ihn die Berliner Bank, in der Nachkriegszeit vom Senat zur Förderung des Wiederaufbaus Berlins gegründet. Dort steigt er die Karriereleiter bis zum Vorstandschef des Geldhauses weiter hinauf, das 2006 nach dem Berliner Bankencrash von der Deutschen Bank gekauft worden war. Im Juli dieses Jahres rief die Mutter aus Frankfurt und holte ihn rüber zur Deutschen Bank Berlin. Mit dem Auftrag, als Regionsleiter Firmenkunden Berlin/Brandenburg das Mittelstandsgeschäft weiter anzukurbeln, und der Beförderung zum Mitglied der Regionalen Geschäftsleitung Ost.

Alles ohne Studium – das wäre heute kaum noch denkbar. Der 55-Jährige im standesgemäß eleganten dunklen Anzug, mit weißem Hemd und blauer Krawatte lächelt, bevor er in unüberhörbarem, aber keineswegs schneidendem Berliner Tonfall antwortet. „Das ist wohl so. Aber ich bereue es jetzt auf der Ziellinie der Karriere auch nicht. Ich habe während interner Ausbildungsseminare sehr viel gelernt. Im Übrigen gibt es ja noch viel erfolgreichere Banker, die nie eine Universität besucht haben. Denken Sie mal an Hilmar Kopper, einst Chef der Deutschen Bank, oder dessen Vorstandskollegen Klaus-Peter Müller von der Commerzbank.“

Zufall, dass der Praktiker Gilly in diesen beiden Häusern Erfolg hatte? Eine naheliegende, aber nicht gestellte Frage. Was er weiter sagt, kommt dennoch einer Antwort nah. „Ich bin der klassische Mensch der Kunden und des Marktes. Ich will Wegbegleiter sein, der durch Vernetzung und Kenntnis des Marktes den Kunden hilft. Deshalb werde ich weiter persönlich Kundenkontakte pflegen. Der Schreibtisch allein ist meine Sache nicht. Meine Lernkurve ist dann besonders dynamisch, wenn ich Sparringspartner für meine Kunden sein darf.“

Apropos Dynamik: Wir klettern gerade den Fichtenberg, mit 68 Meter Höhe die Zugspitze von Steglitz, hinauf, in dessen westlicher Nachbarschaft sich der Botanische Garten ausbreitet. Anders als mein Atem signalisiert der von Frank Gilly absolute Entspannung. Diesmal stelle ich die naheliegende Frage: Sie sehen nicht nur sehr fit aus, Sie scheinen es auch zu sein? Ein gelungener Themenwechsel, denn nun höre ich von einer zweiten Karriere – der sportlichen. Angefangen hat er als Fußballer, im Tor von Preußen Wilmersdorf. Wilmersdorfer Sportklub, FV Wannsee und VfL Schöneberg. Beim VfL spielte ein Jahrgang unter ihm damals Pierre Littbarski. „Der war nicht der Beste, aber der Ehrgeizigste. Deshalb ist er auch Nationalspieler geworden. Meine Karriere endete nach einer Ellenbogenfraktur während eines Hallenturniers in der Deutschlandhalle.“

Vorher wurde er immerhin einmal von der Zeitschrift „Sportwoche“ zum Spieler der Saison (Amateurliga) gewählt. Er wechselt notgedrungen zum Marathon. Bilanz bis heute: 24-mal Berlin (der letzte am vorvergangenen Wochenende in 4:11:20), achtmal New York, einmal coast to coast Südafrika. Und dann ist da noch der Motorsport. Seit dem 18. Lebensjahr fährt er begeistert, dank frühzeitigem ADAC-Sicherheitstraining auch „mit Köpfchen“ Motorrad. In seiner Steglitzer Garage stehen drei Suzukis. Eine Rennmaschine für den Hausherrn und zwei für eher gemütliche Ausfahrten zusammen mit seiner Frau; einmal im Jahr von München aus nach Südtirol oder in die Dolomiten. Dem ADAC dankt er die Fürsorge in jugendlichen Jahren durch ehrenamtliche Tätigkeit im Beirat des Verkehrsclubs.

Es ist Mittagszeit, und es nieselt weiter. Frank Gilly schlägt einen Imbiss im Restaurant Englers gegenüber dem Haupteingang zum Botanischen Garten vor. Wer wollte dem bei diesem Wetter widersprechen? Wir bestellen bei der freundlichen Bedienung im modernistischen, aber keineswegs kalten Ambiente des Hauses den Feinschmeckersalat mit Filetspitzen, dazu er Cola light, ich einen Sherry und Wasser. Es ist an der Zeit, nach dem Image der Banker im Allgemeinen zu fragen, um das es seit Ausbruch der Finanzkrise 2008 nicht gerade zum Besten bestellt ist. Mein Gegenüber ist davon keineswegs überrascht. „Wir haben Vertrauen verloren. Das Ansehen des gesamten Berufsstands hat substanziell unter der Finanz- und Schuldenkrise gelitten. Wir müssen uns, um Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, eher auf einen Langlauf denn auf einen kurzen Sprint einstellen. Wir waren – obwohl die Deutsche Bank vergleichsweise gut durch die Krise gekommen ist – vielleicht das eine oder andere Mal etwas zu kurzfristig in unseren Geschäften orientiert. Der Kulturwandel muss aus den Banken selbst herauskommen. Wir sind da auf einem guten Weg, aber das Ziel ist noch nicht erreicht. Es muss wieder klar sein, dass auch die Banken gesellschaftliche Verantwortung tragen mit der Aufgabe, die Wirtschaft zu fördern und zu unterstützen. Wir haben den Dialog mit den Kunden wieder eindeutig ins Zentrum gestellt. Unsere Beratung muss sich allen voran an deren Bedürfnissen orientieren. Kundennutzen und Vertriebserfolg sind zwei Seiten einer Medaille.“ Sollte diese Einsicht des Praktikers Gilly zu dessen Transfer zur Deutschen Bank geführt haben? Vom Langzeit-Intimus des Berliner Marktes und deren Kunden kommt keine Bestätigung, aber auch kein Dementi.

Sitzt man einem Finanzexperten gegenüber, darf die Frage nach der Zukunft des Euro nicht fehlen. „Wir werden ihn behalten. Und wir müssen ihn behalten. Die deutsche Wirtschaft erschließt sich die internationalen Märkte auch über den Euro. Die Vorteile des Euro für unsere Wirtschaft überwiegen bei Weitem unsere bisherigen Kosten für die Euro-Rettung. Auch Italien und Spanien sind noch nicht über den Berg. Aber erste Erfolge sind erkennbar. Wir müssen den deutschen Steuerzahlern klarer als bisher machen, dass wir es sind, die vor allen anderen von der Euro-Zone profitieren.“

Angesichts des Wetters draußen, das in diesen Wochen ja leider keinen Seltenheitswert besitzt, und des mit dem Euro verbundenen Nord-Süd-Gefälles in der EU wundert sich Gilly, dass auch in Brandenburg noch immer neue Solarparks installiert werden. „Hier gibt es mehr Wind als Sonnenschein. Da wäre eine bessere Koordination sinnvoll: Warum setzen wir bei Sonne nicht konsequenter auf den Süden und importieren mehr Strom von dort? Wir müssen Geschäftsfelder auf die jeweiligen Länder bezogen finden. Nur dann und natürlich zusammen mit einer ordnungsgemäßen Staatsführung wird die EU die Krise bewältigen.“

Zurück nach Berlin. Da hellen sich des Bankers Gesichtszüge unter dem kurz geschnittenen, leicht angegrauten Haar weiter auf. Denn auch er kann die guten Wirtschaftsnachrichten aus unserer Stadt, die so lange den meisten anderen deutschen Regionen hinterherhinkte, bestätigen. „Wir haben uns sowohl beim Wachstum wie beim Abbau der Arbeitslosigkeit vom Bundestrend entkoppelt und sind besser als die anderen geworden. Wir werden vermutlich keine Dax-Unternehmen in die Stadt holen. Aber der Mittelstand ist deutlich stärker geworden, und die Start-ups flankieren beflügelnd diesen Trend. Auch das Unternehmerbild hat sich gravierend geändert. Mittlerweile sind zwei Drittel der Berliner Unternehmen im Export aktiv.“

Nachhilfe bei Wirtschaftsthemen

Mit der Konsequenz, dass der internationale Ruf Berlins gestärkt wird und das Interesse auch ausländischer Investoren weiter wächst. Damit wird immer deutlicher, warum Frank Gilly von einer Regionalbank zu einer Weltbank gewechselt ist. „Solche weltweit veränderten Bedürfnissen kann die Deutsche Bank mit ihren globalen Expertisen natürlich extrem gut bedienen.“ Er belässt es bei diesem Satz.

Die Bodenhaftung hat er ohnehin nicht verloren. Noch immer besucht er die Paul-Natorp-Schule in Friedenau, in der er 1977 Abitur gemacht hat. Heute als „Nachhilfelehrer“ in Finanz- und Wirtschaftsthemen. Die Schüler seien sehr interessiert, sagt er. Und fügt hinzu, dass er nur einer von vielen Externen sei. „Ich bringe mich dort mit meinem praxisnahen Wissen zu wirtschaftlichen Zusammenhängen ein. Die pädagogische Verantwortung bleibt natürlich beim Lehrer. Solche Impulse werden sehr geschätzt, wie ich aus vielen Rückmeldungen weiß. Wir haben ein eher tradiertes Bildungssystem. Die Welt dagegen hat sich komplett verändert. Da ist es gut und hilfreich, dass sich viele Unternehmen und Institutionen auch mit der Bildung an den Schulen beschäftigen.“

Frank Gilly ist ohnehin der Überzeugung, dass die Politik allein nicht alles im Lande richten kann. „Das kann sie am Ende nur gemeinsam mit der ganzen Gesellschaft schaffen. Deshalb ist das bürgerschaftliche Engagement so wichtig.“ Vor zwei Jahren beklagte er noch, dass zu wenig über Gutes berichtet werde, wodurch doch neues Engagement angestoßen werde. Immer noch Grund zur Klage? „Es ist besser geworden, aber es kann gar nicht genug sein.“ Und dann die Weisheit eines Urberliners: „Erst mal muss gemeckert werden. Aber dann krempelt der Berliner die Ärmel auf. Und am Ende kriegen wir es dann doch hin ...“

Hoffentlich auch am BER. Und ganz aktuell bei der in Volk und Senat strittigen Absicht, ein neues Stadtwerk zu gründen. „Der Plan ist angesichts des Berliner Schuldenturms nicht zielführend. Die amerikanische Autostadt Detroit ist angesichts von 20 Milliarden Dollar pleite. Wir haben 63 Milliarden Euro Schulden. Über diese Dimension sollte man mal ernsthaft nachdenken ...“

Jetzt regnet es Strippen, als wir uns gut bewirtet auf den Fußweg entlang der Grunewaldstraße zurück zur Schloßstraße machen. In Vorbereitung auf seinen neuen Job bei der Deutschen Bank war er in den vergangenen Wochen häufiger in der Frankfurter Zentrale. Als ich danach frage, wie es ihm denn in Deutschlands Finanzmetropole so gefallen habe, wird er schmallippig. Sagt stattdessen lieber noch einmal, warum er so gern in Berlin lebt und dieser Stadt, in der er 1963 auf der Schulter seines Vater Präsident John F. Kennedy zujubelte, immer treu geblieben ist. „Man muss sich in dieser Stadt für nichts rechtfertigen. Auch nicht für eine Currywurst am Kudamm 192 oder einen Abstecher ins Kater Holzig“. Ein echter Berliner eben.